Putins verlängerter Arm

Ein Vater-Sohn-Team hat in den letzten Jahrzehnten die russische Medienlandschaft erobert. Die Gabreljanows setzen ganz auf Boulevard, zahlen gut und haben eines verinnerlicht: Lege dich niemals mit Putin an.

Bezeichnet Präsident Putin als «Vater der Nation»: Der russische Medienmogul Aram Gabreljanow.

Bezeichnet Präsident Putin als «Vater der Nation»: Der russische Medienmogul Aram Gabreljanow. Bild: Keystone

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Der dünne Mann in dem zerknitterten Hemd könnte ein x-beliebiger Programmierer aus dem Silicon Valley sein, wäre da nicht das russische Nummernschild an seinem Auto. Das körnige Foto zeigt Edward Snowden, der nach seinen Enthüllungen über Spähprogramme des US-Geheimdienstes NSA sein neues Leben in Russland begonnen hat.

Hinter dem Exklusivbild stehen ein Vater und sein Sohn, die sich gerne als russische Medienzaren sehen. Ihre Website «Lifenews», die das Foto veröffentlichte, ist Teil eines Imperiums, das inzwischen die russische Medienlandschaft dominiert.

«Vater der Nation»

Die Gabreljanows berichten über die russischen Sicherheitsdienste genauso wie über Prominente. Die wichtigsten Säulen ihres Erfolgs: Sie zahlen für Tipps und stehen loyal an der Seite des Kremls. Der Vater, Aram Gabreljanow, beschreibt Präsident Wladimir Putin als «Vater der Nation».

Diese Treue wurde belohnt, als einer von Putins ältesten Freunden umgerechnet 80 Millionen Dollar in die Medienholding der Gabreljanows, News Media, investierte. Ihre Finanzmacht und die sorgfältig gepflegten Kontakte brachten «Lifenews» den ersten Snowden-Scoop: ein Foto des Systemanalysten, wie er den Flughafen von Moskau verlässt, nachdem Russland ihm am 1. August Asyl gewährte. Am 7. Oktober folgte dann das Bild vor dem Supermarkt.

Mit seinen Exklusivgeschichten agiert das Unternehmen oft als verlängerter Arm des Kremls. Gegner Putins werden blossgestellt, ihre Verfehlungen einer breiten Öffentlichkeit präsentiert. Aber nicht nur der Kreml schätzt die Gabreljanows.

Regierungsnaher Blickwinkel

Auch die Öffentlichkeit ist zufrieden, schliesslich gehören Vater und Sohn zu den wenigen in den russischen Medien, die überhaupt noch rasch berichten - wenn auch aus einem regierungsnahen Blickwinkel. Und so bekommen die Gabreljanows die Klicks und die Auflagen, die die staatlichen Medien schon lange nicht mehr schaffen.

Aram Gabreljanow stieg nach dem Studium in den späten 80er-Jahren in der Provinzstadt Uljanowsk in den Journalismus ein. Später ging er nach Moskau, wo ihm 2001 mit seinem landesweiten Boulevardblatt «Schisn» (Leben), der Durchbruch gelang. Heute kommt die Zeitung auf eine Auflage von 1,6 Millionen.

Keine strikte Trennung

Die News Media Holding erwirtschaftet etwa 1,5 Milliarden Rubel pro Jahr (etwa 34 Millionen Euro). Neben «Schisn» gehören noch die «Iswestija», früher offizielles Verkündungsorgan der sowjetischen Regierung, sowie eine weitere Boulevardzeitung und drei Websites zum Unternehmen. Der jüngere Sohn und designierte Erbe der Holding, der 24-jährige Aschot, betreibt «Lifenews.ru» und einen neuen Fernsehsender.

Eine strikte Trennung zwischen den Kanälen gibt es nicht, alle tauschen Informationen und Exklusivgeschichten aus, die dann für das jeweilige Medium aufbereitet werden. Der ältere Sohn, der 26 Jahre alte Artem, ist verantwortlich für eine Comic-Buch-Serie über russische Superhelden.

Die Gabreljanows bezahlen ihre Mitarbeiter äusserst grosszügig, manche von ihnen erhalten 10'000 Dollar pro Monat. Allerdings gilt dabei als ausgemacht, dass ein Teil des Geldes dafür verwendet wird, Tippgeber bei den Sicherheitskräften oder in Krankenhäusern zu bezahlen. Für das Foto von Snowden vor dem Flughafen habe er zwischen 10'000 und 30'000 Dollar gezahlt, erklärte Gabreljanow Senior. Die Journalisten von «Schisn» erzielten ihre grössten Erfolge mit Fotos von russischen Filmstars auf dem Totenbett.

Hamster und ängstliche Pinguine

Der ehemalige Chefredakteur der Zeitung, Timur Mader, blickt stolz auf seine Zeit bei «Schisn» zurück. «Vor uns hat niemand das so systematisch gemacht», erklärt er. «Wir waren in der ganzen Stadt. Viele Male waren unsere Journalisten vor der Polizei oder dem Krankenwagen vor Ort.» Allgemein wird angenommen, dass die Publikationen der Gabreljanows Hinweise aus dem russischen Sicherheitsapparat erhalten, deren Offiziere häufig vorteilhaft in den Blättern erscheinen.

Diese Nähe zu den Sicherheitsdiensten zeigt sich in der Berichterstattung über die Opposition, die Vater und Sohn deutlich schärfer angreifen als die staatlichen Medien. Als es nach der Parlamentswahl 2011 zu Protestaktionen kam, veröffentlichte «Lifenews» Aufzeichnungen von Telefonanrufen des Oppositionspolitikers Boris Nemzow, der seine Mitstreiter als «Hamster» und «ängstliche Pinguine» verhöhnte. Die Gabreljanows versicherten, sie hätten das Telefon nicht selbst abgehört, sondern die Aufnahme zugespielt bekommen.

Viele neue Leser

Dank dieser rücksichtslosen Mentalität gewinnt «Lifenews» ständig neue Leser hinzu, während die Quoten der staatlich-kontrollierten Fernsehsender immer weiter sinken. Der Medienexperte Wasily Gatow vom Nowosti Medialab erklärt, die staatlichen Medien seien gar nicht mehr in der Lage, über grosse Ereignisse zu berichten. «Sie denken zu lange darüber nach, ob sie berichten sollen oder nicht», sagt er. «Er (Gabreljanow) wartet nicht. Er vertraut auf sein Bauchgefühl und sein Urteil.»

Aram Gabreljanow stellt News Media als einen Aussenseiter dar und betont, man habe nur wenige Kontakte bis in die oberste Führung des Landes und brauche sie auch nicht. «Man kann nicht den Präsidenten der Vereinigten Staaten anwerben», erklärt er. «Aber man kann wahrscheinlich seine Putzfrau anwerben.»

In den vergangenen Jahren bemühten sich die Gabreljanows jedoch um immer grössere Nähe zu Kreml-Insidern. Mitte der 2000er Jahre stellte der Senior eine einfache Regel für das Unternehmen auf: Legt Euch nicht mit Putin an. «Wir tun alles, um ihn zu einem Symbol zu machen, das das Land eint», erklärte er. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.10.2013, 22:55 Uhr

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