Rakitic und der unheimliche Patriot

Kroatiens WM-Helden mögen die Musik von Marko Perkovic, der sich wie die Maschinenpistole Thompson nennt. Für Kritiker ist er ein ultranationalistischer Hass-Sänger.

Hopp Kroatien: Ivan Rakitic posiert mit Marko Perkovic für ein Foto, das er auf Instagram veröffentlichte.

Hopp Kroatien: Ivan Rakitic posiert mit Marko Perkovic für ein Foto, das er auf Instagram veröffentlichte.

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Kroatien hat am Montag seine Fussballnationalmannschaft wie einen Weltmeister gefeiert. Mittendrin im Festtrubel und immer in der Nähe der WM-Helden war Marko Perkovic, ein Star des kroatischen Turbo-Rocks. Ivan Rakitic und Co. mögen die Musik des 51-jährigen Sängers, der sich Thompson nennt. Nach den gewonnenen Spielen an der WM sangen die kroatischen Spieler Lieder von Thompson. Beim Triumphzug des WM-Zweiten durch Zagreb durfte Perkovic im Bus mit den Spielern mitfahren. Und am Abend standen sie gemeinsam auf der Festbühne und sangen. Im Laufe des Tages hatte Rakitic ein gemeinsames Foto mit Perkovic auf Instagram gepostet und bezeichnete diesen als den «einzig wahren König». Die Reaktionen waren zahlreich, positive Kommentare mischten sich mit negativen. Grund: Perkovic ist eine umstrittene Figur.

Von seinen Fans wird Perkovic verehrt wie eine Lichtgestalt der Heimatliebe, von seinen Kritikern wird er aber als ultranationalistischer Hass-Sänger verteufelt. Immer wieder wird Perkovic vorgeworfen, den kroatischen Ustascha-Faschismus während des Zweiten Weltkriegs zu verharmlosen oder gar zu verherrlichen. Es gibt Liedertexte, die diesen Vorwurf auch bestätigen. In einem Deutschlandfunk-Beitrag über «Kroatiens Fussball und die Faschismus-Verherrlichung» sagte der Publizist Danijel Majic, dass die Texte von Thompson oft nicht sofort als rechtsnational und faschistisch erkannt würden. Wer die Geschichte Kroatiens kenne, könne aber rasch die historischen Bezüge herstellen.

«Hört her, ihr Serben, ihr Tschetniks. Unsere Hand wird euch sogar bis nach Serbien erreichen»: Das Lied «Bojna Cavoglave» von Thompson alias Marko Perkovic aus dem Jahr 1992. Quelle: Youtube/Kocayine

Auch das Hetzen gegen die Serben gehört zum Repertoire von Perkovic, der als junger Mann im kroatischen Unabhängigkeitskrieg (1991–1995) gekämpft hatte. Im Krieg hatte er eine Maschinenpistole der Marke Thompson verwendet – das ist auch der Grund, warum sich Perkovic Thompson nennt. Landesweite Bekanntheit erlangte er 1992 mit dem patriotischen Song «Bojna Cavoglave» («Bataillon Cavoglave»). Das ist eine Hymne an das Bataillon seines Heimatdorfes Cavoglave im dalmatinischen Hinterland.

In dem Lied heisst es zum Beispiel: «Hört her, ihr Serben, ihr Tschetniks. Unsere Hand wird euch sogar bis nach Serbien erreichen.» Selbst über 20 Jahre nach dem Krieg gehört das Cavoglave-Lied immer noch zum Repertoire von Thompson. Auf Youtube gibt es Konzertmitschnitte aus der jüngeren Vergangenheit, bei denen Fans von Thompson den Cavoglave-Song fröhlich mitgrölen. Das Lied beginnt mit der Parole «Za dom spremni» («Für die Heimat bereit»). Diese Parole geht zwar auf den Nationalhelden Ban Jelacic und das Revolutionsjahr 1848/49 zurück, allgemein bekannt ist sie aber wegen ihrer Verwendung als Ustascha-Grussformel.

Konzertverbote auch in der Schweiz

Thompson begeistert die Massen in Kroatien, und er hat auch bei der kroatischen Diaspora in aller Welt viele Fans. Mit seinem umstrittenen Liedergut darf er aber nicht überall auftreten. In verschiedenen EU-Ländern waren Konzerte untersagt worden. Verbote gab es auch in der Schweiz. Vor einem geplanten Auftritt in Kriens LU vor neun Jahren verhängte das Bundesamt für Polizei (Fedpol) eine Einreisesperre für Perkovic – mit Verweis auf die Anti-Rassismus-Strafnorm. Das Fedpol hatte «eine Verherrlichung der kroatischen Faschisten in den hetzerischen Texten der Band» festgestellt. Ende 2015 durfte er in Freiburg ein Konzert geben, jedoch unter Auflagen. Zu einer weiteren Konzertabsage kam es vor rund zwei Jahren in Schlieren ZH.

Damals sagte der Osteuropa-Historiker Stefan Dietrich in einem Interview mit der «Neuen Zürcher Zeitung», dass Thompson für einen «extremen kroatischen Nationalismus» stehe. Perkovic habe mehrmals Verbrechen des sogenannten Ustascha-Staats in Kroatien verharmlost. Nach Ansicht des Historikers verknüpft Thompson Ereignisse aus dem kroatisch-serbischen Krieg der 1990er-Jahre mit dem faschistischen Ustascha-Regime im Zweiten Weltkrieg. «Damit erzeugt er ein Wir-Gefühl und grenzt sich von den anderen ab», so Dietrich. «Die anderen sind die falschen Kroaten, die Juden und Serben.» Dass Thompson bei vielen Kroaten beliebt sei, habe mit der mangelnden Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit zu tun.

Enthusiasmus um die Helden der WM in Russland: Die kroatische Nationalmannschaft feiert mit Marko Perkovic auf der Festbühne in Zagreb. Quelle: Youtube/JelenaOsijek

Und was meint Thompson zu all der Kritik? «Ich bin ein Musiker und kein Politiker», pflegt Perkovic jeweils zu sagen. «Bei meinen Konzerten singe ich über die Liebe zu Gott und zur Heimat, nur darüber und über sonst nichts.» Thompson selber sieht sich als frommen Patrioten. Seine Kritiker sehen in ihm einen Sänger des Hasses.

Erstellt: 17.07.2018, 16:40 Uhr

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