Republik der Gangs

Frankreichs Fussballer haben für den bisher grössten Skandal an der WM gesorgt. In der Darbietung der Bleus spiegelt sich der Zustand der Nation.

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Ist es nur Fussball? In Frankreich läuft gerade ein Abgesang auf die eigene Nationalmannschaft, die so virulent und vehement vorgetragen wird, dass es einen dünkt, als werde hier noch etwas ganz anderes verhandelt als nur die «Bleus», diese Millionäre mit dem Hahn auf der Brust. Als spiegelte sich in ihrer pitoyablen Aufführung auf und neben dem Rasen in Wahrheit auch ein bisschen der Zustand der Nation, der Republik. Als wanke das Modell Frankreich. Alles vermischt sich in diesen Tagen. Alles verschwimmt in Rage und Enttäuschung. Als hätten diese Blauen das Land verraten, ja betrogen. Die Zeitung «Libération» schreibt: «Mehr noch als die Niederlage: Es ist die Arroganz und der Individualismus der Spieler, die uns schmerzen.» Gefühle sind das!

Eine stolze Romantisierung

Die Franzosen, muss man wissen, sind aus einem schönen Traum jäh erwacht. Seine Genese hatte der Traum im Sommer 1998, als die Bleus Weltmeister wurden. In Frankreich. Die Mannschaft war, was eine Mannschaft immer sein sollte: Ein Kollektiv, eine verschworene Gruppe mit viel Sinn fürs gemeinsame Ziel. Und noch etwas anderes fiel an ihr auf: Sie war in ihrer Einheit stark durchmischt – «black-blanc-beur», schwarz und weiss und arabisch. Ein Abbild der französischen Gesellschaft.

Das Team gab ein schönes Symbol ab für die Geschichte dieses Landes, das einmal eine grosse Kolonialmacht war und viele Einflüsse behielt, sich von der Zuwanderung nährte, sich der Durchmischung hingab. Man sprach von einem Wunder, überall in der Welt, vom Wunder des multiethnischen Frankreich, von gelungener Integration. Dafür stand das Team.

Natürlich war die Beschwörung des Mythos eine Übertreibung, eine Romantisierung, ein Traum eben. Natürlich war (und ist) die Wirklichkeit in den Ghettos der Banlieues kruder. Natürlich haben die Ungleichheiten im wahren Leben dieser Republik eine Farbe, sind die Chancen auf Erfolg in der Ausbildung und im Job nicht für alle die gleichen, ist die Arbeitslosigkeit ungerecht verteilt. Doch die Franzosen glaubten an ihr Wunder. Es stiftete Sinn, schärfte die Identität, machte sie stolz. Die meisten wenigstens. Europameister wurde man auch. Frankreich hatte sein Momentum, ein paar Jahre lang, nicht nur sportlich.

Verklärte Traumstifter

Dann riss der Film. Vielleicht wars der tätliche Kopfstoss von Zinédine Zidane in einer Berliner Sommernacht vor vier Jahren, ausgerechnet von ihm, dem Paradesymbol: Sohn algerischer Einwanderer, aufgewachsen in einem schwierigen Quartier von Marseille, ganzer Stolz Frankreichs. Was war er doch für eine schöne Ikone für alles! Die Verkörperung des neuen französischen Selbstverständnisses. Sein Kopfstoss gegen den italienischen Spieler Marco Materazzi, der ihn provoziert hatte, war die erste Vulgarität, der erste Betrug am Traum, der nun in diesen Tagen der spektakulären Demontage in Nicolas Anelkas Entgleisung gegen den Trainer seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte: «Va te faire enculer, sale fils de pute», sagte er zu Raymond Domenech, als der ihm taktische Anweisungen gab.

Seither erfährt Frankreich, wie es um die Traumstifter bestellt ist. Wie die Spieler, diese Träger überdimensionierter Hoffnungen, in Gangs und Clans aufgesplittert sind, die nur ihre eigenen Interessen verfolgen, ihre Egos kultivieren, und sich gegenseitig zerreissen und beleidigen und mobben. Von denen überdies kaum einer mehr Sinn fürs Kollektive hat, geschweige denn für die Nation, die sie vertreten sollen, so vermessen das auch sein mag. Die lustlos spielen, wie affektierte, heillos überbezahlte Stars ohne Bodenhaftung. Die nichts mehr kümmert als ihre Millionenverträge mit grossen Vereinen und grossen Werbemarken. Deren Löhne auch in der Krise nicht sinken, denen man auch nicht droht, ihre Boni zu besteuern. Die sich unantastbar fühlen, sich nichts mehr sagen lassen und das letzte bisschen Autorität ihres mutlosen, beamtenhaften Trainers mit unverschämten Demütigungen untergraben. Die Sportzeitung «L'Equipe» nennt den Captain der Mannschaft, Patrice Evra von Manchester United, nun einen Gangchef.

Ohne Vision, ohne Grandeur

Das ist das neue Bild der Bleus: gespalten, entzaubert, ohne Spielwitz und ganz ohne Grandeur. Und dieses Bild bewegt die Franzosen umso mehr, als es ein nationales Grundgefühl wiedergibt. Frankreich steckt gerade in einer Sinn- und Identitätskrise. Drei Jahre regiert Nicolas Sarkozy schon. Auch er hatte den Franzosen einen Traum gestiftet, verführte damit Leute weit über die Parteigrenzen hinaus. Er versprach ihnen nicht weniger als eine «tadellose Republik», in der die Leistung zählt und nicht der Name, in der es jeder schaffen kann, wenn er nur dafür arbeitet: Egal ob «black», «blanc» oder «beur». Präsident Sarkozy verhiess auch, dass er als gutes Beispiel vorangehen würde – wie ein Captain, ein Motivator. Stattdessen, die Analogie sei erlaubt, führt er sich mal fast wie ein Napoleon, mal wie ein Gangchef auf: Er schützt vor allem die Reichen, und er versuchte, seinen 23-jährigen Sohn zu platzieren.

Unter seiner Präsidentschaft gebärden sich die Politiker, als sei ihnen alles erlaubt. Ein Vizeminister kauft sich auf Staatskosten für 12'000 Euro seinen Jahresbedarf an teuren Zigarren ein. Ein anderer fliegt für 116'000 Euro mal schnell im Privatjet zu einem Termin, obwohl es auch Linienflüge gegeben hätte. Und nach wie vor werden Ämter und Saläre kumuliert. Tadellos? Vielleicht war die Arroganz der Macht noch nie so gross wie gerade jetzt.

Sarkozy wollte mit den alten Privilegien brechen, brach zu allererst aber seine Versprechen. Die Franzosen vergessen nicht, dass er seinen Wahlsieg 2007 zusammen mit seinen reichen Freunden im Fouquet's feierte, einer luxuriösen Adresse an den Champs-Elysées. Er war schon immer «bling-bling», er blieb sich treu. In Zeiten der Krise, in denen man den kleinen Leuten die grössten Opfer abverlangt, kommt das nicht gut an. Sarkozy leistete sich auch schon etliche verbale Stillosigkeiten, wie sie sich die Franzosen nicht gewohnt waren von einem Präsidenten: Sein «Casse-toi, pauvre con!» («Verpiss dich, du Vollidiot!»), an die Adresse eines Bauern, der ihn kritisiert hatte, erinnert ein bisschen an Anelkas «Va te faire enculer!».

Sarkozy spaltete das Volk

Vor allem aber spaltete Sarkozy das Volk im letzten Jahr mit einer niederen, polittaktisch motivierten Debatte zur nationalen Identität, die er – das Signal trog nicht – seinem Immigrationsminister auftrug. Er hoffte, er könne damit seine enttäuschten rechten Wähler zurückgewinnen. Die Debatte degenerierte schnell, schürte Ressentiments, gab dem Front national neuen Schwung, stigmatisierte die Muslime im Land. Und brachte nichts: keine Vision, keine Leitidee, keinen gemeinsamen Nenner. Nur Spaltung, Verdruss, Wut.

So sehr man Frankreich vor drei Jahren einen Aufbruch wünschen mochte, einen Bruch mit der Vergangenheit und den alten Verkrustungen – so sehr wünscht man dem Land nun wieder eine Führung mit etwas mehr Haltung, sozialem Gewissen und mit Sinn für die ganze Republik. Fürs Kollektive. Und den «Bleus» gleich mit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.06.2010, 23:31 Uhr

Setzt sich nicht nur auf dem Fussballplatz gern solo in Szene: Präsident Nicolas Sarkozy. (Bild: Keystone )

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