Rumänien erlaubt, dass die vielen Streuner umgebracht werden

Nach der tödlichen Attacke einer Hundemeute auf einen Vierjährigen hat das rumänische Parlament ein Euthanasiegesetz beschlossen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Votum war eindeutig: 266 rumänische Abgeordnete stimmten für ein Gesetz, das die Tötung von streunenden Hunden legalisiert. Nur 23 waren dagegen, 20 enthielten sich der Stimme. Das Gesetz besagt, dass eingefangene Strassenhunde nur mehr 14 Tage in Tierheimen gehalten werden müssen. Danach dürfen sie eingeschläfert werden, sollte sich kein neuer Besitzer melden. Ein ganz ähnliches Gesetz war schon 2011 beschlossen worden, wurde aber vergangenes Jahr vom Verfassungsgericht gekippt. Die Richter entschieden, dass nur kranke Tiere getötet werden dürfen.

Anlass für die Abstimmung war ein tragischer Vorfall vergangene Woche in Bukarest. Der vierjährige Ionut und sein sechsjähriger Bruder waren in Begleitung ihrer Grossmutter in einem Stadtpark spielen und liefen unbemerkt auf eine benachbarte Brachfläche. Dort trafen sie offenbar auf ein Rudel Strassenhunde. Ionut wurde totgebissen, sein Bruder am Bein verletzt. Nach dem Begräbnis demonstrierten Hunderte Rumänen in der Hauptstadt für rasche, energische Massnahmen gegen das Problem der Strassenhunde. Sie skandierten «Wir sind kein Hundefutter» und «Mein Land ist keine Hundehütte».

Demonstration gegen «Nazi-Methoden»

Bukarests Bürgermeister Sorin Oprescu kündigte für den 6. Oktober ein Referendum über die Tötung der Hunde an. Das Parlament kam ihm zuvor. Ausnahmsweise herrschte sogar Einigkeit zwischen der sozialdemokratischen Regierung unter Victor Ponta und dem konservativen Staatspräsidenten Traian Basescu.

Nach der Entscheidung protestierten rumänische Tierfreunde lautstark im Plenarsaal. Sie warfen den Abgeordneten «Nazi-Methoden» vor und dass Blut an ihren Händen klebte. Im rumänischen Fernsehen wurde ein offener Protestbrief der französischen Schauspielerin Brigitte Bardot verlesen.

Tierschützer rufen zum Boykott auf

Auch in anderen europäischen Ländern laufen Tierschützer gegen die Entscheidung Sturm. Im Internet kursiert eine Petition an das rumänische Parlament, in der unter anderem mit Boykott rumänischer Waren und rumänischer Reiseziele gedroht wird. In Berlin ist am Freitag eine Demonstration gegen die Hundetötung geplant. In deutschen und Schweizer Tierschutzforen im Internet werden die Rumänen auch pauschal als Mörder beschimpft. Wer Hunde töte, mit dem solle das Gleiche geschehen, heisst es in Postings auf der Schweizer Seite Tierschutznews.ch. Es kursieren Gerüchte, dass das Kind gar nicht von Hunden, sondern von Pädophilen getötet worden sei. Das wolle die Politik vertuschen.

Zwischen 40'000 und 65'000 wilde Hunde leben in den Strassen von Bukarest. In den vergangenen Jahren starben drei Menschen bei Hundeattacken, darunter ein japanischer Staatsbürger. Pro Jahr werden über 3000 Menschen von streunenden Hunden gebissen. Nicht alle Hunde sind tatsächlich herrenlos. Die Besitzer lassen sie aber oft frei herumlaufen. Es gibt Programme zur Kastration dieser Tiere, die von der EU mit vielen Millionen Euro finanziert werden. Doch das Geld wird von Bürgermeistern und lokalen Politikern oft für andere Zwecke verwendet. Das deutsche Fernsehen brachte unlängst Bilder von rumänischen Tierheimen, die viel Geld für die Aufnahme von Strassenhunden bekommen hatten. Die Käfige waren aber leer.

«Massenschlachtung bringt überhaupt nichts»

«Natürlich sind die Strassenhunde ein Problem», sagt der Schweizer Otto Forster, «aber die Massenschlachtung bringt überhaupt nichts. Wir müssen einen anderen Weg gehen, die Behörden müssen mit NGOs zusammenarbeiten.» Forster lebt seit 17 Jahren in der Region Timisoara, in der Kleinstadt Lugoj. Dort baut er ein Tierheim und setzt ein Programm zur Kastration der Hunde um, gemeinsam mit Stadtverwaltung und Bevölkerung. Die Hunde werden gefangen, kastriert, registriert und wieder freigelassen. Auch jene, die bei Familien leben, aber frei herumlaufen. Forsters Projekte werden von Tierschutzorganisationen in Basel und in Zürich unterstützt. Eine Kastration kostet rund 30 Franken.

Auch der Basler Olivier Bieli, Polizist und Präsident der Schweizerischen Hunde- und Katzenrettung (SHKR), setzt sich von der Schweiz aus dafür ein, dass möglichst viele Hunde in Rumänien kastriert werden. Wie die «Basler Zeitung» schreibt, hat Bieli wegen seines ehrenamtlichen Engagements in den letzten Tagen bis zu 50 Drohmails von aufgebrachten Rumänen erhalten. In einigen hiess es gar, man würde ihn umbringen, falls er weiter Hunde retten wolle.

«Eigentlich sind die Rumänen Tierliebhaber»

Otto Forster betont, dass die Stimmung gegen die Strassenhunde nur in der Hauptstadt so aufgeheizt sei. Generell seien die Rumänen Tierliebhaber, und in der Provinz hätten viele Bürgermeister positive Erfahrungen mit dem Kastrationsprogramm gemacht: «Bis 2008 wurden auch hier die Tiere getötet. Es hat nicht funktioniert, es kamen immer neue Hunde nach.» Forster erwartet keine Auswirkungen des Euthanasiegesetzes in seiner Region. Auch in Städten wie Sibiu oder Timisoara habe man sehr gute Erfahrungen mit Kastrationen gemacht. Möglicherweise komme es zu Massenschlachtungen in Bukarest: «Unser Bürgermeister hat mir aber zugesagt, dass er keine Hunde töten wird.»

Erstellt: 10.09.2013, 16:50 Uhr

Artikel zum Thema

«Ihr seid immer Europäer gewesen»

Zehntausende feierten in Zagreb den EU-Beitritt Kroatiens. Die frühere jugoslawische Teilrepublik ist das 28. Mitgliedsland der Europäischen Union – und nach Bulgarien und Rumänien das ärmste. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Nachhaltige Anlagen bringen einen doppelten Gewinn

Nachhaltige Anlagen rentieren doppelt: für Umwelt und Gesellschaft wie auch für Sie als Anlegerin und Anleger. Die nachhaltigen Migros-Bank-Fonds ermöglichen Ihnen sichere Investments mit gutem Gewissen

Blogs

Sweet Home Ein Wochenende wie in Paris

Beruf + Berufung «Mitarbeiter sind nicht einfach Kostenstellen»

Die Welt in Bildern

Hier tanzt man zwangsläufig auf mehreren Hochzeiten: Unzählige Brautpaare versammeln sich vor dem Stadthaus von Jiaxing, China. Sie geben sich das Ja-Wort bei einer Massenheirat. (22. September 2019)
Mehr...