«Russland braucht keine Unterstützung aus Tschetschenien»

Während die Kämpfe im Osten der Ukraine weitergehen, ist die Frage nach der Identität der prorussischen Separatisten noch immer nicht endgültig geklärt. Ein Experte äussert sich zu den Spekulationen.

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Die Lage im Osten der Ukraine scheint sich immer weiter zu verschärfen: Seit mehreren Tagen belagert die ukrainische Armee die Stadt Slowjansk, wo prorussische Separatisten wichtige Stellungen besetzt halten. Medien berichten übereinstimmend von mehreren Toten und Verletzten auf beiden Seiten – wieviele es genau sind, lässt sich jedoch nicht mit Gewissheit sagen. Auch um die Identität der Separatisten herrscht weiterhin Uneinigkeit, ein idealer Nährboden für Spekulationen und Gerüchte. Moskau bestreitet eine Einmischung, spricht weiterhin von «Freiwilligen», die sich den Schutz der russischen Bevölkerung in der Ostukraine auf die Fahne geschrieben haben. Gleichweg ist für die Regierung in Kiew klar, dass es sich um Vertreter Russlands handelt.

Einer, der die Spekulationen weiter befeuert, ist Ramsan Kadyrow, seit 2007 Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien im Nordkaukasus. Noch vor Beginn des Konflikts hatte er sich im Februar auf dem sozialen Netzwerk Instagram zu Wort gemeldet und Russland seine Unterstützung zugesichert. «Terroristen haben in der Ukraine die Macht übernommen», schrieb er – und meinte damit die Übergangsregierung von Präsident Alexander Turtschinow. Man werde denen zu Hilfe eilen, die in der Ukraine beleidigt und erniedrigt werden, so das Kreml-treue Staatsoberhaupt.

«Russland braucht keine Unterstützung»

Nun verdichten sich die Hinweise darauf, dass Kadyrow seine Drohung ernst gemeint haben könnte. In der gestrigen Ausgabe der Tagesschau berichtete ein Korrespondent des Schweizer Fernsehen aus dem umkämpften Slowjansk von einem Gespräch mit der Pressesprecherin des prorussischen Milizenchefs der Stadt. Unter den Kämpfern befänden sich Personen von der Krim und aus Tschetschenien, habe diese erklärt. «In Tschetschenien wird de facto seit 1994 gekämpft und jetzt soll Ramsan Kadyrow, der Stadthalter Moskaus in Tschetschenien, Freiwillige in die Ukraine geschickt haben» so der Journalist.

Es soll sich dabei um Mitglieder der dem tschetschenischen Präsidenten unterstellten Sicherheitstruppe Kadyrowzy handeln – eine These, die Alexej Malaschenko jedoch für wenig wahrscheinlich hält. Der russische Politologe ist Mitglied im wisschenschaftlichen Beirat der Moskauer Denkfabrik Carnegie-Zentrum und gilt als einer der fachkundigsten Kenner des Nordkaukasus. «Russland braucht keine Unterstützung tschetschenischer Kämpfer in der Ukraine, deren Beteiligung wäre militärisch unsinnig», erklärt der Experte.

Zwar sei es durchaus möglich, dass der tschetschenische Präsident seine Kämpfer tatsächlich dazu aufgerufen habe, in die Ukraine zu ziehen. «Kadyrow ist nicht gerade für seine rhetorische Zurückhaltung bekannt – doch ich gehe davon aus, dass seine Drohung nur leere Worte waren», so Malaschenko. «Tschetschenen sind durch Aussehen und Auftreten leicht als solche erkennbar – und ihre Einmischung ist auch kaum im Interesse Moskaus».

Speznas-Einheiten auf der Krim

Auch Spekulationen, nach denen in den umkämpften Städten der Ostukraine russische Speznas-Einheiten unterwegs seien, weist der Experte zurück. Die «Einheiten zur besonderen Verwendung», wie sie genannt werden, kamen bereits in Afghanistan und Tschetschenien zum Einsatz – und zwar immer dann, wenn Operationen der Geheimhaltung bedurften. Auch bei der russischen Annexion der Krim im März kamen Experten zu dem Schluss, dass Mitglieder dieser Einheiten beteiligt waren.

Spezialisiert auf asymmetrische Kriegsführung, gehören die Speznas-Truppen zum russischen militärischen Geheimdienst GRU. Zu Sowjetzeiten wurden so auch Personen aus den südlichen Republiken ausgebildet und in die Kader aufgenommen. Diese beherrschten ob ihrer Herkunft Sprachen wie Farsi oder Türkisch und konnten der Sowjetarmee von grossem Nutzen sein. Bei der «Operation-Storm-333» während des sowjetischen Afghanistan-Feldzugs im Jahr 1979 stürmten Speznas-Einheiten den Präsidentenpalast und töteten den damaligen afghanischen Präsidenten Hafizullah Amin.

Militärische Erfahrung in Afghanistan

Laut Alexej Malaschenko sind die Separatisten in der Ostukraine dagegen dort ansässige Russen – und keinewegs Soldaten, die ohne Abzeichen operieren, wie dies auf der Krim der Fall war. «Die Einheiten auf der Krim haben unauffällig operiert – was man von den Separatisten in der Ostukraine nicht behaupten kann», meint der Experte. Erfahrung in Gefechtssituationen hätten sich die Kämpfer jedoch gleichwohl aneignen können. «Die meisten von ihnen haben in der sowjetischen Armee gedient, etwa in Afghanistan in den späten 70er Jahren», so Malaschenko. Dort hätten sie die Eigenschaften erworben, die ihnen nun gegen die ukrainische Armee zugute kommen.

Keine der Spekulationen um die genaue Herkunft der prorussischen Kräfte, die in einem Dutzend Städte in der Ostukraine operieren, lässt sich beweisen. Malaschenko ist zwar überzeugt, dass Moskau bisher keine Truppen geschickt hat – und dies auch nicht vor hat. Dass Wladimir Putin die Situation anheize – daran besteht für den Nordkaukasus-Kenner jedoch kein Zweifel. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.05.2014, 21:18 Uhr

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(Video: Reuters )

Alexej Malaschenko ist Mitglied des wissenschaftlichen Rates des Moskauer Carnegie-Zentrums und einer der führenden Experten für die Nordkaukasus-Region. Er ist zudem Professor am Institut für internationale Beziehungen in Moskau. (Bild: PD)

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