Russland ist genau die richtige WM-Destination

Die Fussballweltmeisterschaft in Russland steht politisch völlig quer in der Landschaft. Warum wir uns trotzdem freuen dürfen.

In diesen Stadien wird WM gespielt: Per Drohne über die Fussball-Tempel.

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Der Entscheid, die Fussballweltmeisterschaft in Russland auszutragen, scheint aus einer anderen Welt: Wie kann man eine WM in einem Land austragen, das wegen der Annexion der Krim und der Aggression in der Ukraine mit umfassenden Wirtschaftssanktionen belegt ist? In einem Land, das wegen seiner Gewaltpolitik an der Seite des syrischen Diktators Bashar al-Assad, der Einmischung in westliche Staaten und auch noch wegen Staatsdoping scharf kritisiert wird? Es dürfte keinen Zweifel geben: Heute würde Russland den Zuschlag für die WM nicht mehr bekommen.

Als die Spiele 2010 vergeben wurden, war die Welt noch fast in Ordnung. Und das nicht nur, weil die russische Fussballmannschaft gerade auf Höhenflug war, während sie heute als einer der schwächsten WM-Teilnehmer gilt. Damals war Dmitri Medwedew russischer Präsident, der heutige Premier. Er gab sich moderat prowestlich und versöhnlich. Im Westen hofften manche, das Ende des Putinismus sei gekommen. Doch die Rückkehr Wladimir Putins 2012 an die Macht war genauso Teil des Arrangements mit Medwedew wie das leichte Tauwetter.

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Und dann hat Russland 2014 die ukrainische Halbinsel Krim annektiert, seither ist alles anders – innenpolitisch und aussenpolitisch. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch spricht heute von «der schlimmsten Krise der Menschenrechte in Russland seit dem Untergang der Sowjetunion». Ost und West streiten sich nur noch, statt miteinander zu reden. Einzig die für 2018 vereinbarte WM blieb davon unberührt – und nun steht sie vor der Tür.

Bauherr auf der Sanktionsliste

Daran lässt sich viel kritisieren. Etwa die teuren Stadien: Die meisten wurden neu gebaut, die anderen totalsaniert. Rund elf Milliarden Franken wollte Russland ausgeben, nach den Erfahrungen bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi dürften es am Schluss weit mehr sein. Und es ist klar, dass das Land angesichts der Krise und des sinkenden Lebensstandards Besseres anfangen könnte mit diesem Geld. Doch das gehört in die Kategorie Sinn und Unsinn solcher Grossanlässe. Unter dem Strich freuen sich die Russen auf das Fest: Bisher haben nur die Studenten protestiert, die nicht wollen, dass ihre Universitäten als Fanzonen und Unterkünfte missbraucht werden.

Dass die WM in Russland politisch so quer in der Landschaft steht, hat damit zu tun, dass sich das Land die letzten Jahre zum Paria gemacht hat. Wegen der aggressiven Politik in der Ukraine setzen Europäer und Amerikaner alles daran, Russland zu isolieren. Die WM widerspricht diesem Konzept diametral. Sie führt die mühsam aufrechterhaltenen Wirtschaftssanktionen, die bisher ausser Trotz nicht viel bewirkt haben, ad absurdum. Zwei der neuen Stadien hat Gennadi Timtschenko gebaut, ein alter Freund Putins, der auf der Sanktionsliste ganz oben steht.

Allerdings ist es nicht nur die WM, die nicht ins Bild der angeblich konsequenten Sanktionen passt. Der Westen nimmt es mit Russland überall dort nicht so genau, wo es ihm selber nützt. Die Pipeline Nord Stream etwa, die Europa direkt mit russischem Gas versorgt, ist bisher wie durch ein Wunder von allen Sanktionsdrohungen ausgenommen worden.

«Mit der WM öffnet Putin den Russen ein Fenster zur Welt.»

Dass manche westliche Politiker jetzt vor dem WM-Start davon reden, man müsse Putin die Rote Karte zeigen, gehört ins Fussballbild, ist aber reine Augenwischerei. Natürlich sollen westliche Politiker in der Glittershow nicht in vorderster Reihe mitspielen. Die Eröffnungszeremonie in Moskau demonstrativ zu boykottieren, wäre aber nicht viel mehr als billige Heuchelei.

Der britische Aussenminister Boris Johnson etwa hat sich dahin verstiegen, Putin mit Hitler zu vergleichen, der die Olympischen Spiele 1936 in Berlin zu seiner Machtfestigung missbraucht habe. Mit solchen Sprüchen macht man Schlagzeilen, die Russen stösst man nur vor den Kopf. Schliesslich spielt gerade England in Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, wo in der entscheidenden Schlacht gegen Nazideutschland Hunderttausende Russen getötet wurden.

Johnson wird Putin nicht das Fest verderben. Der russische Präsident hat genug hohe Gäste aus der ganzen Welt, die sich nicht am repressiven Kurs Russlands stören. Für den Westen gibt es keinen eleganten Ausweg aus diesem Dilemma. Deshalb sollte man aus der Not eine Tugend machen: Putin zelebriert sich, sicher, aber er öffnet seinen Leuten auch ein Fenster zur Welt – was er sonst tunlichst vermeidet. Die Spiele finden nicht nur in Moskau statt, sondern in einer ganzen Reihe von russischen Provinzstädten, die auch Jahrzehnte nach dem Untergang der Sowjetunion isoliert leben, beschallt vom Kreml-treuen Staatsfernsehen, das den Menschen eintrichtert, die ganze Welt habe sich gegen Russland verschworen.

Konfrontation zurückgefahren

Mit der WM kommen nun plötzlich Millionen gut gelaunter Ausländer, um ein Fest zu feiern. Und Russland will, dass die Weltmeisterschaft schön wird, deshalb wird man nicht zulassen, dass russische Hooligans Jagd auf fremde Fans machen oder sich peitschenschwingende Kosaken vor den Stadien herumtreiben, wie jüngst bei einer Demonstration der Opposition in Moskau. Putin will zeigen, dass in seinem Land Recht und Ordnung herrschen und Russland ein verlässlicher Partner ist. Die sonst übliche Konfrontationsrhetorik ist zurückgefahren worden.

Damit eröffnet sich für Politiker und Fifa-Verantwortliche die Chance, Putin in aller Stille tief ins Gewissen zu reden. Und auch Fussballfans können einen Beitrag leisten, indem sie sich von ihrer besten Seite zeigen: als neugierige, friedensliebende und vorurteilsfreie Nachbarn, mit denen die Russen viel mehr gemein haben, als es Leute wie Wladimir Putin glauben machen wollen. Nach den Spielen sitzen vielleicht mancherorts Russen und Europäer zusammen. Dabei werden sie schnell merken, dass die Welt nicht so schwarz und weiss ist, wie es die Propaganda darstellt. In diesem Sinne ist Russland genau die richtige Destination für die Fussballweltmeisterschaft 2018.


Bilder: Die WM-Stadien in Russland


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.06.2018, 13:10 Uhr

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