Ausland

Russlands geheimnisvolle «Hundertschaft der Wölfe»

Ein knurrender Wolf als Symbol und Verbindungen zur SS: Eine vergessen geglaubte Gruppierung tritt bei den Kämpfen in der Ostukraine erneut in Erscheinung. Jetzt gibt es neue Erkenntnisse dazu.

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Mitte April gingen Bilder um die Welt, die «eine Verbindung zwischen Russland und den Milizen in der Ostukraine» beweisen sollten, wie es damals aus dem US-Aussenministerium hiess. Kurz darauf hatten Reporter des US-Magazins «Time» die Männer auf den Fotos in der Region um Slowjansk ausfindig gemacht. Laut eigenen Angaben sind sie freiwillige Kämpfer – Kosaken aus Russland, die aber nicht im Auftrag von Wladimir Putin unterwegs sein sollen.

Immer wieder wird spekuliert, wer die Männer in Tarnkleidung sind, die im Osten der Ukraine noch immer für Angst und Schrecken sorgen und vergangenen Sonntag ein illegitimes Referendum durchführten. Auch der «Tages-Anzeiger» berichtete über Spekulationen, nach denen tschetschenische Kämpfer in der Ostukraine operieren – eine Theorie, für die es bisher keine Beweise gibt.

«Weder geschickt noch bezahlt oder ausgerüstet»

Das «Time»-Reporterteam bringt nun eine weitere Erklärung ins Spiel, wer die sogenannten grünen Männchen in der Region um Slowjansk sein könnten. In mehreren Gesprächen mit den Journalisten sollen die schwer bewaffneten Kämpfer sich der Hundertschaft der Wölfe zugeordnet haben. Erkennbar am Emblem eines knurrenden Wolfes (siehe Box rechts), sind sie offenbar eine paramilitärische Organisation, deren Geschichte bis zur Zarenzeit Anfang des 20. Jahrhunderts zurückreicht.

Die Kämpfer in der Ukraine erklären, der Kreml habe sie weder geschickt noch bezahlt oder ausgerüstet. Vielmehr orientieren sie sich nach eigenen Angaben an den Idealen ihrer Kosaken-Bruderschaft. Woher sie genau kommen und welche finanziellen Möglichkeiten ihnen zur Verfügung stehen, ist nicht bekannt. Ihre Waffen, heisst es oft, stammten aus den Arsenalen der gestürmten Regierungsgebäude und Polizeistationen in den nun besetzten Städten in der Ostukraine. Bestätigt wurde dieses Gerücht nicht.

«Die Geschichte der Hundertschaft begann mit Schkuro»

Der Mann, der sich als Anführer der Gruppe versteht, heisst Ewgenij Ponomarjow – besser bekannt unter dem Namen «Batya» oder Vater. Laut eigenen Angaben im sozialen Netzwerk Vk.com stammt er aus der südrussischen Stadt Beloretschensk, einer Hochburg des Kosakenvolkes. Wie er den Journalisten erzählte, steht der 38-Jährige im Dienst der Registrierten Kosaken der Russischen Föderation, einer paramilitärischen Formation, die im Auftrag des russischen Staates eingesetzt wird. «Unsere Einheit gibt es seit mehr als 20 Jahren; immer in unterschiedlicher Besetzung zwar – doch die Hundertschaft der Wölfe bildete immer die Grundlage», so Ponomarjow.

Tatsächlich geht die Bewegung auf den russischen Kosakengeneral Andrei Schkuro zurück. Nach der Oktoberrevolution hatte er einen Verband gegründet, aus dem die Kuban-Kosaken-Brigade der Weissen Armee hervorging – benannt nach der Kuban-Region im Nordkaukasus, aus der auch Schkuro stammt. Im Ersten Weltkrieg sollen seine Truppen besonders durch ihre Brutalität aufgefallen sein, eine historisch umstrittene Behauptung, die Ewgenij Ponomarjow jedoch bestätigt. «Die Geschichte der Hundertschaft begann damals mit Schkuro – damals haben unsere Männer so hart zugeschlagen, dass unsere Feinde um ihr Leben gerannt sind», erklärt er.

Flucht nach Europa

Aus dieser Zeit stammt auch das Wolfssymbol, das jetzt offenbar wieder in der Ostukraine aufgetaucht ist. Die Kämpfer der Kuban-Brigade trugen Fahnen mit sich, auf denen ein Wolfskopf vor schwarzem Hintergrund abgebildet war, und Mützen aus Wolfsfell, ihr Kampfruf ähnelte dem Heulen eines Wolfes – Erkennungszeichen, die ihnen den inoffiziellen Namen «Hundertschaft der Wölfe» einbrachten.

Als die Rote Armee später die Kontrolle übernahm, war Schkuro gezwungen, zusammen mit anderen Offizieren des Zaren nach Europa zu fliehen, wo er im Zweiten Weltkrieg an der Seite der Deutschen kämpfte. In den folgenden Jahrzehnten wurde sein Volk von den sowjetischen Machthabern gejagt – bis Wladimir Putin sie 2005 per Dekret rehabilitierte und wieder in die Reihen der russischen Armee aufnahm.

«Die ‹Faschisten› bekämpfen»

Für das Operieren der Hundertschaft auf ukrainischem Boden gibt es keine eindeutigen Beweise. Neben dem «Time»-Bericht dokumentiert jedoch auch ein Videobeitrag des Newsportals «Vice» aus der Stadt Krematorsk, dass es sich um Kosaken handeln könnte. Darin kommt Alexander Moschaew zu Wort – der Mann, der im April der Welt als russischer Kämpfer in der Ukraine präsentiert wurde.

Moschaew bekennt sich zum Heer der Terekkosaken aus der Kuban-Region, der Heimat von Andrei Schkuro und seinen Wölfen. Der gleiche Mann erklärt gegenüber den «Time»-Journalisten, die Ukraine als Staat zerstören zu wollen. «Die Ukraine gibt es nicht; es gibt nur russisches Grenzgebiet, das nach der Russischen Revolution unter diesem Namen bekannt wurde. Unser Ziel ist es, diesen historischen Fehler wiedergutzumachen.»

Man wolle die ukrainischen «Faschisten» bekämpfen, erklären die Kämpfer – der Begriff ist in Russlands Propagandakrieg die derzeit beliebteste Waffe. In Bezug auf die Hundertschaft der Wölfe und ihren General zeigt sich die ganze Ironie dieses Wortes, wie das «Time»-Magazin schreibt. Während seines Exils in Europa war Schkuro von SS-Reichsführer Heinrich Himmler zum Oberhaupt über die 1. Kosaken-Division ernannt worden, eine Einheit, die an der Seite der Wehrmacht in Jugoslawien kämpfte. Später lieferten die Briten Schkuro dann nach Moskau aus, wo er 1947 wegen Landesverrat hingerichtet wurde. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.05.2014, 17:52 Uhr

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Ein knurrender Wolf auf grün-rotem Hintergrund: Das Symbol der Hundertschaft der Wölfe. (Bild: PD)

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Der Wolf als Symboltier taucht in Geschichte und Mythologie immer wieder auf. Am Ende des Zweiten Weltkrieges wurde etwa die Untergrundorganisation Werwolf von SS-Reichsführer Heinrich Himmler ins Leben gerufen. Zwar wurden die nationalsozialistischen Partisanen schnell wieder aufgelöst, doch leben sie in der rechtsextremen Gruppierung Werwolf-Kommando fort. (ajk)

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