Russlands schärfste Zunge

Dmitri Kisseljow ist der einzige russische Journalist auf der Sanktionsliste der EU. Der homophobe TV-Moderator gilt als Sprachrohr des Kremls – dieses Image pflegt er mit immer neuen anti-westlichen Sticheleien.

«Russland könnte die USA in radioaktive Asche verwandeln»: Dmitri Kisseljow spricht in seiner Nachrichtensendung heikle Themen an. (Video: Reuters)

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Die letzte Auslandsreise von Dmitri Kisseljow Anfang März sorgte in den sozialen Medien für viel Spott. Der Mann, der die Herzen Homosexueller lieber verbrennen lassen will als sie als Spenderorgane zu nutzen, machte mit seiner ganzen Familie ausgerechnet Ferien in Amsterdam – einer der grössten Gay-Metropolen der Welt. Es wird für absehbare Zeit sein letzter Urlaub in Europa gewesen sein: Kisseljow ist auf der Sanktionsliste der EU vermerkt, die Einreise in europäische Länder ist ihm nun verboten.

Der 59-jährige TV-Moderator ist also einer von denen, die laut der EU «politisch und militärisch verantwortlich sind» für die Krim-Krise. Seine Sanktionierung wurde kontrovers diskutiert, denn er ist der einzige Journalist, der auf der 33 Personen umfassenden Liste vermerkt ist.

Als Journalisten würde Kisseljow im Westen jedoch kaum jemand bezeichnen. Er sei viel eher «Russlands Chef-Propagandist», schreibt die britische Zeitschrift «The Economist». Laut dem TV-Sender BBC ist er der wichtigste russische Meinungsmacher. Denn Kisseljow heizt die anti-westliche Stimmung regelmässig mit gezielten Sticheleien an. Und das russische Volk schenkt ihm Gehör: Laut einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Public Opinion Foundation (FOM) rangiert Kisseljow auf der Liste der vertrauenswürdigsten und respektiertesten Journalisten auf Platz zwei.

Der Propaganda einen Nährboden bereitet

Eine Kostprobe seiner scharfen Zunge gab Kisseljow gerade vor zwei Tagen wieder ab. Was denn bloss los sei mit Barack Obama, fragte er in seiner wöchentlichen Nachrichtensendung «Vesti Nedeli». Die Umfragewerte des US-Präsidenten seien im Sinken begriffen, während jene des russischen Präsidenten Wladimir Putin immer weiter anstiegen. Dann folgte eine anti-amerikanische Tirade, in der Kisseljow den USA vorwarf, die Revolutionen in Syrien und der Ukraine mit Hilfe von Terroristen und Faschisten angeheizt zu haben. «Sie bespitzeln schamlos jeden einzelnen, im Streben nach der Kontrolle über die ganze Welt, und erleiden eine Niederlage nach der anderen.» Russland sei das einzige Land, «das die USA in radioaktive Asche verwandeln könnte», hatte Kisseljow zudem vor zwei Wochen konstatiert.

Schon vor der Krim-Annexion hatte der Journalist die öffentliche Debatte zum Aufstand in der Ukraine geprägt. So bezeichnete er die Demonstranten im Nachbarland als Banditen, welche die Demokratie «in die Knie gezwungen» hätten. Mit seiner Polemik habe er der Stimmungsmache des Kremls einen Nährboden bereitet, sagt die BBC. Die russischen TV-Stationen verbreiteten in diesen Tagen Propaganda, die sogar ihren sowjetischen Vorgängern «die Schamesröte ins Gesicht treiben» würde, schreibt der «Economist».

Das Sprachrohr des Kremls

Die Strategie der russischen Regierung scheint also aufzugehen: Sie hatte im Dezember letzten Jahres die staatliche, aber einigermassen unabhängige Nachrichtenagentur RIA Nowosti schliessen lassen und durch die Medienholding «Russia Today» ersetzt. Offiziell begründete sie den Schritt mit Sparmassnahmen, inoffiziell gilt er als Versuch der Regierung, die Kontrolle über die Berichterstattung an sich zu reissen.

Kisseljow wurde zum Chef der neuen Nachrichtenagentur ernannt. Er galt schon damals als Sprachrohr des Kremls und sorgte immer wieder mit homophoben Äusserungen für Empörung. 2012 forderte er beispielsweise ein Verbot der Blut- und Samenspende für Homosexuelle. Im Dezember 2013 beleidigte er den homosexuellen deutschen Aussenminister Guido Westerwelle: Dieser habe sich bei einem Treffen mit den Klitschko-Brüdern «erwärmt, wenn nicht sogar überhitzt» in Anbetracht der Körper der beiden Schwergewichtler.

«Wie Schweine im Dreck»

Kisseljows Aufgabe ist es nun, der Politik der russischen Regierung noch mehr Medienpräsenz zu verschaffen, vor allem im Ausland. Dafür eignet sich der gebürtige Moskauer gut: Er arbeitete in seiner mehr als dreissigjährigen Journalistenkarriere mehrmals mit ausländischen Medien zusammen, kooperierte in den 90er Jahren zum Beispiel mit den deutschen TV-Sendern ARD und RTL. Der russische Polit-Experte Gleb Pavlosvkiy verglich Kisseljow jüngst mit einer «Maschine», die den Mythos der Feindschaft zwischen Russland und Europa am laufenden Band reproduziere.

Damit würde Kisseljow gegen Prinzipien verstossen, die er vor fünfzehn Jahren noch vehement verteidigte: Ein echter Journalist sei verpflichtet, die Welt als Ganzes abzubilden, sagte er damals. Falls er das nicht tue, bleibe die Moral auf der Strecke, «und dann werden wir eines Tages enden wie die Schweine, die sich im Dreck wälzen und gegenseitig auffressen». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.04.2014, 20:11 Uhr

Arbeitete mit mehreren ausländischen TV-Stationen zusammen: Der 59-jährige Dmitri Kisseljow. (Bild: AFP )

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