«Sarkozy hat das Tor zur Hölle aufgestossen»

In Frankreich herrscht grosse Angst vor einer Terrorwelle. Deshalb schickt die Regierung Truppen in die Sahelzone, wo eine nordafrikanische Terrorgruppe fünf Franzosen festhält. Die Entführer warnen vor einer «Dummheit».

Ein Soldat patrouilliert unter dem Eiffelturm, nachdem dieser wegen Bombenalarms geräumt wurde.

Ein Soldat patrouilliert unter dem Eiffelturm, nachdem dieser wegen Bombenalarms geräumt wurde. Bild: Keystone

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Panikmache oder reale Terrorgefahr? In Frankreich wächst die Angst vor einem Anschlag – und gleichzeitig die Polemik über die Kommunikationsstrategie der Regierung. Zurzeit vergeht kein Tag, an dem nicht Alarm geschlagen würde. Der Chef des Inlandgeheimdiensts, Bernard Squarcini, repetiert ständig: «Alle Warnlämpchen blinken.» Der oberste Polizeichef, Frédéric Péchenard, spricht von «ernsthaften Hinweisen» aus vielen Quellen. Und Innenminister Brice Hortefeux appelliert an das Volk, wachsam zu sein und doch kaltes Blut zu bewahren.

Die Fehlalarm-Welle

Bei seinem jüngsten Fernsehauftritt stellte sich Hortefeux nicht zufällig unter den Eiffelturm. Vor einer Woche war das Pariser Wahrzeichen nach einer Bombendrohung evakuiert worden. Später stellte sich heraus, dass es sich um einen Fehlalarm handelte. Auch die Metrostation Saint-Michel wurde geräumt, was zwangsläufig Erinnerungen an die Anschläge der algerischen Groupes Islamiques Armés (GIA) 1995 wach rief. Noch ein Fehlalarm.

Dann kam in den Medien das Gerücht auf, die Polizei suche nach einer Frau, die sich in die Luft sprengen wolle. Mehr Informationen gab es dazu aber nicht. Und als am Dienstag auf einem Trassee des TGV ein scheinbar herrenloses Paket auftauchte, schien einige Stunden lang auch die gängige Furcht vor einem Attentat auf die Schnellzuglinie berechtigt. Es war eine Packung mit Seifen.

Neues Ablenkungsmanöver?

In den Medien wird darüber spekuliert, warum die Regierung ihre Sensibilisierungskampagne gerade jetzt so breit anlegt. Ob es tatsächlich neue stichhaltige Hinweise dafür gebe, dass das Risiko so gross ist wie seit 15 Jahren nicht mehr. Oder ob die Regierung die Gefahr aus politischen Überlegungen dramatisiert, um von anderen Dossiers abzulenken. Die linke Opposition vermeidet es, offen an der Bedrohung zu zweifeln. Sie fordert die Regierung aber auf, im Parlament zu informieren statt über die Medien.

Die Experten sind sich einig: Frankreich ist mindestens aus drei Gründen exponiert. Erstens nimmt das Land an der internationalen Militäraktion in Afghanistan teil. Zweitens diskutiert es gerade gesellschaftspolitische Fragen, die um den Islam im Alltag und dessen Verträglichkeit mit westlichen Werten kreisen: Letzte Woche erliess das Parlament ein Verbot für das Tragen des Ganzkörperschleiers in der Öffentlichkeit. Drittens gilt Frankreich, die ehemalige Kolonialmacht Nordafrikas, den maghrebinischen Islamisten als bevorzugtes Feindbild.

Von einer nordafrikanischen Gruppe leiten die Geheimdienste nun auch die grösste Gefahr ab. Sie nennt sich al-Qaida im islamischen Maghreb (AQMI) und droht seit einigen Jahren schon, ihren Terror übers Mittelmeer zu tragen: nach Frankreich. Ihr Gründer und Anführer, der algerische Chemiker Abdelmalek Droukdal, der in den Medien auch «Bin Laden Nordafrikas» genannt wird, hegt einen ausgeprägten Hass gegen Frankreich. Kürzlich sagte er: «Sarkozy ist ein Feind Gottes. Er hat für sich und sein Land das Tor zur Hölle aufgestossen.»

Das Geschäft mit dem Kidnapping

Ob Droukdals Leute logistisch und organisatorisch in der Lage sind, ein Attentat in Europa zu verüben, bezweifeln die Experten. Doch AQMI gehört zu den aufstrebenden, finanziell und militärisch derzeit wohl solidesten Organisationen der internationalen Terrorszene. 2007 war sie aus der salafistischen Predigerund Kampfgruppe hervorgegangen, die ihrerseits eine Abspaltung der algerischen GIA war. Aktiv sind ihre 300 bis 800 Kämpfer im Süden Algeriens, in Mali, Niger und Mauretanien: in einer grossen und nur schwer kontrollierbaren Gegend, die sich über Teile der Sahelzone und der Sahara erstreckt.

Rekruten findet Droukdal unter jungen Arbeitslosen und Islamisten in den armen afrikanischen Ländern. Auch Rebellen der Tuareg verbündeten sich mit ihm. Droukdal soll seine Helfer gut bezahlen. Geld macht die Gruppe mit Schmuggelgeschäften und Steuern, die sie dem Drogenhandel abverlangt. Eine der neuen Routen des Kokainhandels führt von Kolumbien über die Sahelzone nach Europa.

Am besten und einfachsten läuft aber das Geschäft mit dem Kidnapping westlicher Touristen, Hilfswerker und Mitarbeiter multinationaler Konzerne. Es flossen schon Dutzende Millionen Dollar Lösegeld, zumal die Gruppe dafür bekannt ist, dass sie ihre Todesdrohungen wahr macht. Am Dienstagabend hat sich AQMI nun zur Entführung von sieben Angestellten des französischen Atomkonzerns Areva bekannt. Fünf Franzosen und zwei Afrikaner waren letzte Woche im Norden Nigers, wo sie in einer Uranmine arbeiteten, entführt und wahrscheinlich nach Mali verschleppt worden.

Warnung vor «Dummheit»

Der als besonders ruchlos bekannte Chef der Entführer, der Algerier Abdelhamid Abou Zeid, warnt Frankreich jetzt davor, erneut eine «Dummheit» zu begehen. Gemeint ist eine militärische Aktion, wie sie die Franzosen im Juli zusammen mit der mauretanischen Armee versucht hatten, um den Hilfswerker Michel Germaneau zu befreien. Die Operation misslang. Sieben AQMI-Kämpfer wurden getötet, Germaneau hingerichtet. Die neue Geiselnahme gilt als Racheaktion.

Staatspräsident Sarkozy liess ausrichten, Frankreich setze alles daran, um die Geiseln freizubekommen. Er entsandte ein beträchtliches Detachement von Elitesoldaten und einige Militärflugzeuge in die Region. Es steht viel auf dem Spiel. Neben den wirtschaftlichen Interessen ist man in Paris auch über die angeschlagene geopolitische Rolle Frankreichs im Norden Afrikas besorgt.

Die militärische Drohgebärde dient dazu, Entschlossenheit zu markieren im Kampf gegen den Terror: jenem in der Wüste genauso wie dem potenziellen zu Hause. In Paris herrsche Alarmstufe «rot», sagte der Geheimdienstchef dieser Tage. Was er aber nicht sagte: Rot ist sie schon seit fünf Jahren. Der Innenminister erfand darum flugs eine Zwischenstufe: «verstärktes Rot».

Erstellt: 23.09.2010, 10:30 Uhr

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