Schicksalstage für Saab

Gebannt blickt Schweden auf die Gripen-Abstimmung vom 18. Mai. Für den Jet‑Hersteller Saab ist die Bestellung aus der Schweiz entscheidend.

Schwedens Verteidigung soll gestärkt werden: Ein fertig gebauter Gripen-E-Kampfjet in der Saab-Produktionsstätte im schwedischen Linköping.

Schwedens Verteidigung soll gestärkt werden: Ein fertig gebauter Gripen-E-Kampfjet in der Saab-Produktionsstätte im schwedischen Linköping. Bild: Keystone

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Schweden rüstet auf. Die Regierung möchte zehn weitere Kampfjets bei Saab bestellen – Typ Gripen E, die neue Generation des Jets. Das skandinavische Land, das nicht der Nato angehört, hat lange an Rüstung und Truppen gespart. Nun hätte die Ukrainekrise zu Unsicherheit geführt, sagte Verteidigungsministerin Karin Enström, als sie Anfang April den Kauf zusätzlicher Kampfjets forderte. Es sei «wirklich notwendig, Schwedens Verteidigung zu stärken». Mit ihrer Forderung stärkt Enström auch dem wichtigsten Konzern der schwedischen Rüstungsindustrie den Rücken: Saab.

«Für Saab ist der Gripen sehr wichtig. Er ist ihre Zukunft, das wichtigste militärische Produkt für die nächsten 20 bis 30 Jahre», sagt Siemon Wezeman vom Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri. Der Kampfjet steht für etwa ein Drittel des Gesamtumsatzes von Saab. Dieser lag 2013 bei 23,75 Milliarden Schwedische Kronen (3,18 Milliarden Franken). Allein in Schweden beschäftigt Saab 11 500 Menschen. Der Rüstungskonzern liefert Herstellern von Passagierflugzeugen und der Marine zu, baut mitunter Raketen und Überwachungssysteme. Doch der Gripen ist sein Hauptprodukt.

Jet mit politischer Bedeutung

Für Schweden hat der Gripen nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Bedeutung. Im Haushaltsvorschlag der Regierung für 2014 steht, dass es für die Sicherheitsinteressen des Landes entscheidend sei, die Kampfjet-Fähigkeiten hochzuhalten. Der Gripen wird vom Parlament unterstützt, das 2012 für den Kauf von 60 Maschinen stimmte. Damals hat es sich vorbehalten, die Bestellung wieder zurückzuziehen, wenn Saab nicht mindestens ein weiteres Partnerland findet. Nun ist bereits davon die Rede, die Bestellung auf 70 Jets zu erhöhen.

Lennart Sindahl, Leiter der Aeronautik bei Saab, beginnt seine Gripen-Geschichte in den 1930er-Jahren. Damals entschied Schweden, dass es selbst produzierte Kampfjets brauche. Der damalige Ministerpräsident Per-Albin Hansson habe sich an die grösste Industrie­dynastie Schwedens gewandt – die Wallenbergs, erzählt Sindahl. Marcus Wallenberg gründete Saab, um das Militärflugzeug zu bauen. Bis heute habe das Unternehmen etwa 4000 Kampfjets produziert. Während des Kalten Krieges wurde Schweden, das sich seine Neutralität trotz der Nähe zu Russland bewahren wollte, laut Sindahl zur weltweit drittgrössten Luftmacht. In dieser Zeit entstand der Gripen. Er sei ein Jet, «entwickelt nicht für Luftschauen, sondern um eine Supermacht zu demontieren».

Mit Ende des Kalten Krieges begann die Abrüstung. Saab wurde immer stärker von Exporten abhängig, die heute bis zu drei Vierteln seiner Geschäfte ausmachen. Frühere Generationen des Gripen hat Saab nach Thailand, Südafrika, Ungarn, Tschechien und Grossbritannien verkauft. Schweden mit seinen gerade mal zehn Millionen Einwohnern ist der elftgrösste Waffenexporteur der Welt. «Vielleicht gehen wir wieder dahin zurück, das schwedische Territorium mehr zu verteidigen», sagt Sindahl. «Aber wir sind auch extrem angespornt, mehr in den Export zu gehen.»

Sehr schwer zu kompensieren

Das Gripen-Projekt allerdings sei mit der Bestellung aus Schweden abgedeckt, so der Saab-Manager. Man könne dank eines schlanken Produktionsprozesses sehr wenige Jets produzieren und immer noch Ertrag erzielen. Sipri-Experte Wezeman widerspricht. «Für Saab ist die Bestellung aus der Schweiz wesentlich», sagt er. «Wenn sie diesen Deal verlieren, wird er sehr schwer zu kompensieren. Ohne Exportbestellungen ist der Gripen ökonomisch nicht existenzfähig.» Wezeman schätzt, dass ein Hersteller 300 bis 400 Kampfjets verkaufen muss, um die Entwicklungskosten zu kompensieren. Bisher stehen nur 70 auf der Bestellliste von Saab.

Natürlich sei die Schweiz ein wichtiges Partnerland, sagt Sofia Karlberg von der Swedish Defence and Security Export Agency (FXM), die die Regierung gegründet hat, um Exporte der Rüstungsindustrie zu unterstützen. Die Affäre um Briefe aus der schwedischen Botschaft in Bern hat Karlbergs Job schwieriger gemacht. Sie lieferten Hinweise, dass die Regierung in Stockholm das Ergebnis der Schweizer Abstimmung womöglich durch gezielte Aktionen beeinflussen wollte. FXM und Verteidigungsministerium wiederholen in den letzten Tagen vor allem einen Satz: «Schweden hat nicht an der Kampagne der Schweiz teilgenommen, und wir haben auch nicht vor, es zu tun.» Man werde der Schweiz aber weiterhin alle nötigten Informationen zum Gripen zu Verfügung stellen.

Schwedische Medien beobachten die Stimmung in der Schweiz genau

Laut Saab läuft die Marketing-Kampagne in der Schweiz seit fünf Jahren. Doch seit das Datum der Abstimmung feststehe, haben Saab und Schweden mög­liche Aktivitäten einschliesslich der geplanten Demonstrationsflüge neu bewertet, so Manager Sindahl. «Wir haben das getan, weil es wichtig ist, dass wir nicht Teil der inländischen Debatte werden.» Nun sind sie es doch geworden. Man konzentriere sich auf die wirtschaftliche Kooperation, die Gegengeschäfte im Wert von 2,2 Milliarden Franken mit Schweizer Firmen, zu denen Saab sich verpflichtet hat.

Die schwedischen Medien beobachten die Stimmung in der Schweiz genau, berichten regelmässig über Meinungsumfragen und über Argumente von Gegnern und Befürwortern. Aber auch mögliche Partnerschaften mit anderen Ländern stehen im Fokus. Dänemark hat Interesse am Gripen geäussert. Brasilien hat im Dezember verkündet, es erwäge den Kauf von 36 Gripen E. Saab hofft, den Vertrag noch dieses Jahr abschliessen zu können. «Brasilien hat zunächst den französischen Kampfjet von Dassault ausgesucht und dann seine Meinung geändert», sagt Wezeman vom Sipri. «Diese Geschäfte sind sehr schwierig. Es ist unsicher, ob Saab den Auftrag von Brasilien am Ende auch bekommt.»

Vordringen in die U-Boot-Sparte

Saab gibt sich optimistisch. In den nächsten 10 bis 15 Jahren müssten weltweit 5000 Kampfjets ersetzt werden, sagt Sindahl. Der Gripen ist ein leichtes, ein­faches und billiges Flugzeug, auch im Betrieb. Soweit die Vorteile. Dafür können grössere Jets mehr Last tragen, mehr Treibstoff für längere Flüge, mehr Sensoren, mehr Waffen. «Das ist zum Beispiel, was Indien, einer der grössten Importeure, möchte: Jets mit mehr Fähig­keiten», sagt Sipri-Experte Wezeman.

Saabs wichtigster Kunde bleibt die Regierung Schwedens. Diese hilft Saab nun, in eine neue Sparte vorzudringen: Sie möchte zwei U-Boote nicht wie geplant beim deutschen Konzern Thyssen Krupp bestellen, sondern in Schweden. Infrage kommt nur Saab. Einen offiziellen Auftrag gibt es noch nicht. Doch ein erster Schritt ist getan: Eben hat Saab mit Thyssen Krupp eine Absichtserklärung über den möglichen Kauf von dessen schwedischer Werft Kockums unterzeichnet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.04.2014, 08:00 Uhr

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