Schlaflos in Bologna – wie die «Sardinen» über Italien kamen

Eine zivile Bewegung mischt plötzlich die Politik auf. Aus dem Nichts, rasend schnell und gegen die Lega und Salvini.

Eng an eng wie in einer Sardinendose: Mehr Leute vor der Halle gegen als drinnen für Matteo Salvini. Foto: ROPI

Eng an eng wie in einer Sardinendose: Mehr Leute vor der Halle gegen als drinnen für Matteo Salvini. Foto: ROPI

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Von Mattia Santori hatten die meisten Italiener bis vor einer Woche noch nie etwas gehört. Jetzt wissen alle: Der junge Mann mit dem dichten Haarwuchs ist 32 Jahre alt, er lebt in Bologna, hat einen Abschluss in Politikwissenschaften und arbeitet als Sportlehrer. Im Frisbeewerfen, schreibt die Lokalzeitung «Il Resto del Carlino», ist er ein Meister. Santori gehört keiner politischen Partei an, hat auch nie aktiv Politik gemacht.

Aber das ist alles nicht so wichtig. Wichtig sind «le sar­dine», die «Sardinen», seine Erfindung. Man spricht auch schon vom «Volk der Sardinen», einer spontan geborenen politischen Bewegung. Sie wird gerade zu einem Faktor von nationaler ­Bedeutung.

«Gegen den Hass»

Santori tritt jetzt am Fernsehen auf und erzählt, wie ihm in einer schlaflosen Nacht die Idee kam, auf Facebook in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Leute zu mobilisieren für einen Flashmob gegen Matteo Salvini, den Chef der rechten Lega. Die Idee ging so: Da Salvini für seinen Kampagnenauftakt zur Regionalwahl in der Emilia Romagna von Ende Januar den Pala­Dozza reserviert hatte, die Basketballhalle Bolognas mit etwa 5600 Plätzen, sollten gleichzeitig mehr Leute auf der prächtigen Piazza Maggiore gegen Salvini demonstrieren. Im Herzen der Stadt, dem Wohnzimmer Bolognas.

«Ein Teilnehmer mehr, das war das Ziel», sagt Santori. Die Piazza sollte ein Ausrufezeichen setzen gegen das «Narrativ» von Salvini, das sich auch in der einst roten und katholisch solidarischen Emilia festsetzt. «Gegen den populistischen Hass», wie er es nennt.

«Sardine» Mattia Santori. Foto: PD

Man habe viel zu lange nur Salvini gehört im Land, auf allen Kanälen, fast unwidersprochen. «Wir beklagten uns ständig, aber unternommen haben wir nichts.» Nun sei die Zeit gekommen, auf die Strasse zu gehen. Damit das Bild des Platzes einen bleibenden Eindruck hinterlassen würde, eindrücklicher noch als das Foto aus der Sporthalle, sollten die Leute auf der Piazza eng an eng stehen – wie Sardinen in einer Dose eben.

Am Morgen nach der schlaflosen Nacht traf er sich mit seinen drei besten Freunden, selbe Altersklasse. Sie richteten ein Profil auf Facebook ein und nannten es «6000 Sardine». Eini­ge Posts zur Ermunterung, ein Appell zum Flashmob, drei Bedingungen für die Teilnahme: keine Beleidigungen, keine ­Parteien, keine Symbole. Ausser Sardi­nen natürlich.

Salvini reagierte mit Ironie. Er ziehe Kätzchen vor, sagte er:  «Die fressen die Sardinen.»

Als dann Salvini im Pala­Dozza auftrat, wo die Ränge einigermassen voll waren, strömten etwa 15000 Menschen auf die Piazza Maggiore. Manche brachten Sardinen in Karton mit, andere trugen Mützen in Form von Sardinen. Eine Sensation aus dem Nichts, ohne jede politische Organisation, ohne Programm, ohne Reden, ohne Anführer. Und mit Witz. «Die Leute hatten das Bedürfnis, auf die Piazza zu gehen», sagt Santori. Kompakt.

Zwei Tage später wiederholte sich dieselbe Szene auf der Piazza Grande in Modena, wieder waren mehr Sardinen auf dem Platz als Leute im Publikum Salvinis, trotz Regen. Santori patentierte die Sardine, man weiss ja nie. Die Bewegung wächst rasend, überall im Land. Die nächsten Flashmobs finden in Perugia, Genua, Florenz, Mailand und Palermo statt, jeweils auf den grössten Plätzen der Städte. Die «Sardine di Roma» hatten nach zwei Tagen schon 86'000 Mitglieder. Ein Datum für die erste Versammlung gibt es noch nicht. Auch die passende Piazza ist noch nicht gefunden, man peilt nämlich eine Million Teilnehmer an.

Erste soziologische Studien

Matteo Salvini reagierte zunächst mit Ironie. «Ich ziehe Kätzchen den Sardinen vor: Sie fressen die, wenn sie Hunger ­haben», schrieb er auf Twitter. Dazu gab es eine Fotomontage mit einem besonders niedlichen Exemplar, mit Fischchen im Schnäuzchen. Seine Anhänger rief er auf, alle Posts fortan mit Katzenbildern zu versehen – es ist etwas kindisch. Doch so werden wohl die politischen Schlachten der Moderne geschlagen. Für Salvini, darüber mag die aufgesetzte Gelassenheit nicht hinwegtäuschen, ist dieses «Volk der Sardinen» eine echte Herausforderung. Vielleicht die einzige. Seine Gegner im Parlament übertönt er leicht, vor allem die linken, die stehen wie gelähmt vor dem «Hai», wie Salvini nun in der zoologischen Deutung genannt wird. Die «Sardinen» sind auch nicht gewalttätig, wie es die extreme Linke aus den autonomen Jugendzentren bei ihren Protesten manchmal ist und Salvini damit Steilvorlagen für seine Propaganda liefert.

Nein, die «Sardinen» sind einfach Volk. Es gibt erste soziologische Studien. Mehrheitlich sind die «Sardinen» zwischen 20 und 40 Jahre alt. Eher links, aber enttäuscht von der institutionellen Linken. Eher gut gebildet, aber nicht nur. Kein bisschen unpolitisch, aber vorwiegend ohne Parteibuch. Sie sagen, sie hängen an der republikanischen Verfassung, an einem solidarischen Weltbild, an einer gerechteren Gesellschaft. Das ist noch kein Programm, aber viel fehlt nicht.

Der Vergleich mit den «Gi­ro­ton­di­ni», den Ringelreihetänzern zu Beginn der Nullerjahre, passt nicht. Die Protestbewegung gegen Silvio Berlusconi war damals von bekannten Intellektuellen lanciert worden, die linken Parteien tanzten mit. Die Sardinen hingegen tauchen aus der Zivilgesellschaft auf, völlig unvermittelt, aus einer schlaflosen Nacht in Bologna. Überleben sie, muss die Frage nach den grossen und den kleinen Fischen noch mal neu überdacht werden.

Erstellt: 21.11.2019, 20:23 Uhr

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