Schule ohne Hausaufgaben

Frankreich plant nichts weniger als «die Schule des 21. Jahrhunderts». Diese soll die Chancengleichheit wieder herstellen. Einer Mehrheit der Eltern bereiten die Reformvorschläge aber noch Sorgen.

Die französischen Sozialisten wollen eine «gerechte» und «wohlwollende» Schule: Schüler in einem Pariser Klassenzimmer. (4. September 2012)

Die französischen Sozialisten wollen eine «gerechte» und «wohlwollende» Schule: Schüler in einem Pariser Klassenzimmer. (4. September 2012) Bild: AFP

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Der Befund sei bekannt und allgemein anerkannt, schreibt die französische Zeitung «Le Monde» und meint damit das Fazit, das der neue Grundlagenbericht für die Schulreform zieht: «Wir wohnen einer zunehmenden Entfremdung zwischen unserer Schule und unserer Gesellschaft bei.»

Gemeint ist in erster Linie die Entfremdung zwischen der Schule und einem Teil der Gesellschaft. Anders gesagt: Nicht alle Kinder sind am Ende ihrer Schulzeit gut ausgebildete junge Menschen mit guten Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Im Gegenteil: Heute verlassen in Frankreich jährlich rund 140'000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss. Besonders häufig sind es Kinder von Angehörigen aus wirtschaftlich schwachen Schichten und Bezirken.

«Hausaufgaben fördern die Ungleichheit»

Dabei spielen auch die Eltern eine Rolle. Etwas überspitzt formuliert: Während Gutverdienende ihre Kinder ins Theater mitnehmen und zum Musikunterricht senden, können andere ihren Kindern nicht einmal bei den Aufgaben helfen. Genau da setzt das französische Reformvorhaben nun an. «Aufgaben sind nötig, damit sich das Gelernte setzen und festigen kann. Primarschüler brauchen bei Hausaufgaben jedoch Hilfe, wenn Schwierigkeiten auftauchen. Aber nicht alle haben Zugang zu solcher Hilfe. Somit sind die Hausaufgaben ein Faktor, der die Ungleichheit fördert», sagte der nationale Bildungsinspektor Philippe Claus in einem Interview mit «Le Monde».

Nun sollen die Aufgaben natürlich nicht gänzlich abgeschafft werden, sondern in der Schule und unter Betreuung erledigt werden. «Vier Stunden wöchentlich wären dafür genügend», sagte Claus.

Von 800 Personen ausgearbeitet

Beschlossen ist die Abschaffung der Hausaufgaben noch lange nicht. Die Schulreform ist bis jetzt ein «wenig umfangreicher, aber ambitionierter» Bericht, wie «Le Temps» schreibt. Diesen hat das französische Bildungsministerium während dreier Monate ausarbeiten lassen – von 800 Personen, darunter sind Minister, Parlamentarier und internationale Experten, aber auch Vertreter von Eltern- und Schülerverbänden und natürlich Lehrer.

In einem ersten Schritt ist das Papier am letzten Freitag der Öffentlichkeit vorgestellt worden. Anschliessend haben nun diese Woche Präsident François Hollande und Bildungsminister Vincent Peillon die Vorschläge kommentiert und bekannt gegeben, wo sie Schwerpunkte setzen wollen.

Besonders blieb dabei der Vorschlag zur Abschaffung der Hausaufgaben in der öffentlichen Debatte hängen. Eine Umfrage kurz nach Hollandes Ankündigung ergab, dass 68 Prozent der Franzosen dagegen sind. Bildungsinspektor Claus hat die Bedenken der Eltern mit eigenen Ohren gehört: «Viele Eltern haben uns gesagt, dass die Aufgaben eine Verbindung zu ihren Kindern darstellten, dank derer sie mitverfolgen könnten, was ihre Kinder in der Schule lernten.» Claus, der von sich selber sagt, er sei «eher für» die Abschaffung, hält die Befürchtungen aber für unbegründet: Die Eltern könnten ihre Kinder ja trotzdem über die Schule befragen und kontrollieren, ob sie den Stoff verstanden hätten.

Bildungsminister Vincent Peillon ist von der Richtigkeit des Vorhabens ebenfalls überzeugt. Er sehe die Reform wie Präsident François Hollande als Gesellschaftsprojekt, sagte er gegenüber «Le Monde»: «Weil wir eine gerechte Gesellschaft wünschen, wollen wir eine Schule, die allen die gleichen Chancen bietet. Dies erreicht man durch die Begleitung aller Schüler bei ihrer individuellen Arbeit und nicht, indem man sie ihren privaten Möglichkeiten überlässt.»

Ferien allenfalls kürzen

Neben der Abschaffung der Hausaufgaben enthält der Bericht noch neun weitere grundlegende Vorschläge. Dazu gehört, dass der Unterricht für alle während viereinhalb Tagen stattfinden soll, dass die Zahl der Unterrichtsstunden begrenzt wird und der Unterricht für alle um 16.30 Uhr endet. Das würde unter dem Strich bedeuten, dass neben den 5 Stunden (Unterstufe) bzw. 6 Stunden (Oberstufe) Unterricht pro Tag noch Zeit übrig bliebe, während welcher die Schüler ihre Aufgaben unter Betreuung erledigen, aber auch noch an sportlichen und kulturellen Tätigkeiten teilnehmen könnten. Allenfalls – so der Bericht – soll das Schuljahr auch noch um ein oder zwei Wochen zulasten der Ferien verlängert werden.

Vorgeschlagen wird auch die Abschaffung von Hürden, welche heute Schüler aus dem Schulsystem fallen lassen. So soll das Wiederholen von Klassen abgeschafft und der Übergang von der Grundschule zum Gymnasium erleichtert werden. Dazu kommt eine neue pädagogische Haltung: Sanktionen sollen in Zukunft weniger bestrafend wirken, dafür aber vermehrt pädagogisch und erziehend. Auch die Rolle der Lehrer soll sich ändern: Diese müssten heute vor allem die Schüler lehren, wie sie lernen können.

Ein Punkt wird wohl nicht angetastet: die Noten. Darüber bestehe «kein Konsens», befand das vielköpfige Gremium. (mw)

Erstellt: 11.10.2012, 16:39 Uhr

Der französische Bildungsminister Vincent Peillon. (11. Oktober 2012)

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