Schulz reisst niemanden von den Sitzen

Es ist die vielleicht wichtigste Rede seines Lebens, doch Martin Schulz bekommt auf dem SPD-Parteitag nur müden Beifall. Anders als sein grosser Widersacher.

Martin Schulz konnte seine Partei nicht mitreissen, gefolgt ist sie ihm trotzdem. (Video: Tamedia/AFP)

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Die Uhr zeigt 12.25 Uhr, als etwas Seltsames passiert. Martin Schulz redet seit ein paar Minuten über Europa. Für Europa brennt er. Und dieses Brennen hat ihm Glaubwürdigkeit und einen grossen Namen gebracht, zuletzt auch noch SPD-Vorsitz und Kanzlerkandidatur. Schulz baut Europa in die Mitte seiner Ansprache ein, in der es um die Verhandlung über die grosse Koalition, den Weg der SPD und letztendlich um seine Polit-Karriere geht.

Also erinnert Schulz, durchaus zutreffend, den ausserordentlichen Parteitag an die Wirkmächtigkeit der Entscheidung über die Groko: «Europa wartet auf ein Deutschland, das sich dieser Verantwortung von Europa bewusst ist und entschieden handelt», ruft Schulz in die proppenvolle Halle des Bonner World Conference Centers hinein. Dann, eineinhalb Sätze später, dieser Moment.

Schulz weicht von seinem Redemanuskript ab, guckt ins Auditorium und sagt: «Der Macron hat mich gestern angerufen.» Schulz hält inne. Ein Raunen breitet sich in die Stille aus. Was wollte Schulz sagen? Was hat ihm der französische Präsident gesagt? Hat Schulz den Faden verloren?

Vielleicht ist dem SPD-Vorsitzenden schon in dem Moment klar, dass seine Rede nicht zündet, vielleicht zeigt er Nerven. Was für ein Jahr liegt hinter ihm. Martin Schulz berauschte seine Partei, mit ihm kletterte sie in Umfragen auf Augenhöhe mit der Union, er ist der Parteichef, der mit 100 Prozent gewählt wurde. Der Mann, der die malade SPD endlich wieder zum Klingen brachte, lässt sie heute seltsam kalt.

Den Parteivorstand weiss er hinter sich, namhafte Grössen, auch Parteilinke wie Ralf Stegner und Andrea Nahles, haben ja das Sondierungspapier mit CDU und CSU mitverhandelt. Er hebt die Parteigranden namentlich in seiner Rede hervor, es ist ein Lob, mit dem er gleichzeitig demonstriert: Schaut her, ich bin nicht alleine.

Wie ernst Schulz die Lage sieht, zeigt auch die Anwesenheit von einer ganzen Garde von ehemaligen Parteichefs. Rudolf Scharping wirbt später als Redner für Koalitionsverhandlungen. Kurt Beck sagt vor Beginn des Parteitags, er sei zuversichtlich, dass der Parteitag grünes Licht gibt. «Mein Tipp: 60 zu 40», sagt Beck.

Den Ausschlag zugunsten der Groko-Verhandlungen sollen letzte Nachbesserungen am Leitantrag sichern. In letzter Minute wurden noch die Forderungen der starken NRW-SPD und anderer Landesverbände in das Papier eingearbeitet, allerdings in deutlich abgeschwächter Form.

Als Schulz die drei Themenbereiche - befristete Arbeitsverhältnisse, Ende der Zwei-Klassen-Medizin und Familiennachzug - in seiner Rede anspricht, ist die Reaktion bezeichnend. Das Entgegenkommen der Parteispitze beklatschen die Delegierten matt.

Es gibt Passagen, in denen Schulz souverän wirkt, etwa dann, als er geradezu genüsslich die Sondierungserfolge in der Bildungspolitik preist. Schulz appelliert an seine Genossen, er bittet, manchmal zittert seine Stimme. Den Schwenk vom kategorischen Nein zur Groko am Wahlabend über das bekräftigte Nein nach dem Jamaika-Scheitern bis zur Groko-Sondierung versucht Schulz zu erklären - die Delegierten nehmen es reglos zur Kenntnis.

Manchmal gelingt es Schulz, ein bisschen Stimmung zu wecken, etwa als er gegen die politischen Gegner wettert. «Jamaika hätte Deutschland falsch regiert», sagt er anfangs, das sei der einzige Punkt, in dem FDP-Chef Christian Lindner richtig liege. Oder als er geradezu abfällig an die schwarz-gelb-grüne «Dauerposiererei auf dem Balkon» während der Jamaika-Sondierungen erinnert.

Es gibt ein paar Minuten, in denen ein Hauch von Schulzzug-Zeiten in der Luft liegt. Als er ruft, dass der «Geist des Neoliberalismus» in «Europa ein Ende haben» muss, auch als er von den «Milliarden für die Bankenrettung innerhalb einer Nacht» spricht. Schulz ballt die Faust, seine Stimme klingt spitz, er deutet auf die Gewerkschafter in den ersten Reihen um die traditionelle Nähe zu demonstrieren.

Der Beifall ist schleppend und kraftlos

Aber es nützt nichts: Schulz adressiert seine Botschaften nicht an die Herzen, sondern nur an die Köpfe, es geht um die staatspolitische Verantwortung. Aber ist es nicht gerade auch ein Stück Staatsräson, starke sozialdemokratische Opposition zu sein? Das ist die Standardgegenfrage der Groko-Gegner. Weg will Schulz niemand haben, zumindest sagt das niemand offen. Allerdings gibt es, sowohl bei Groko-Gegnern wie auch Befürwortern, etliche, die schon vor Beginn des Parteitags keinen Hehl daraus machen, das sie zweifeln.

Der Parteichef hält also an diesem Sonntag die vielleicht wichtigste Rede seines Lebens, doch die grosse Distanz ist in jeder der 58 Minuten zu spüren, in der der Vorsitzende spricht. Der Beifall ist über die gesamte Zeitspanne schleppend, kraftlos, man kann auch sagen: ehrlich.

Schulz reisst niemanden von den Sitzen, niemand ist begeistert, gejohlt wird erst später. Dann, als Juso-Chef Kevin Kühnert in wenigen Minuten darlegt, warum die SPD in die Opposition müsse und die «wahnwitzigen Wendungen» der SPD-Führung seit dem Wahlabend geisselt.

Egal, wie die Abstimmung ausgehe, ruft Kühnert: «Es wird weh tun.» Schulz sitzt ein paar Meter vor dem Juso auf seinem Platz und schaut ihm mit versteinerter Miene zu. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.01.2018, 15:42 Uhr

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