Hintergrund

Schwäbischer Kulturkampf um die Liebe

Wie soll in der Schule über Homosexualität gesprochen werden? Ein Plan des Stuttgarter Bildungsministeriums erhitzt die Gemüter.

«Akzeptanz sexueller Vielfalt» als Lehrziel ist an vielen Schulen umstritten: Unterrichtsmaterial des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg zum Thema Homo-Ehe.

«Akzeptanz sexueller Vielfalt» als Lehrziel ist an vielen Schulen umstritten: Unterrichtsmaterial des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg zum Thema Homo-Ehe.

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Vergangene Woche noch wähnte sich Deutschland im Toleranzhimmel. «Ich bin schwul», sagte Thomas Hitzlsperger, ein ehemaliger Spieler der Nationalmannschaft – und erntete eine Welle des Beifalls. Mit dem Profifussball schien eine der letzten Bastionen der Homophobie zu fallen. Endlich, hoffen viele, würde es auch bei den Kickern normal sein, wenn ein Mann Männer liebt.

Doch inzwischen ist im Südwesten, im konservativ geprägten Baden-Württemberg, ein neuer heftiger Streit entbrannt. Im Internet sammeln Aktivisten Unterschriften gegen die «Ideologie des Regenbogens» an Schulen. Über 140'000 Personen haben bisher eine entsprechende Petition unterzeichnet. Auslöser der Aktion ist die erste Fassung eines Bildungsplans aus dem Stuttgarter Kultusministerium. Dem Papier zufolge soll die «Akzeptanz sexueller Vielfalt» künftig als Lehrziel festgeschrieben werden.

Konservative fürchten moralische Umerziehung

Ein Sakrileg für die Unterstützer der Petition, die sich um einen Lehrer aus dem Schwarzwald scharen. Sie fürchten eine «pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung» der Schülerschaft. Die Propagierung gleichgeschlechtlicher Sexualpraktiken als neue Normalität stehe im krassen Gegensatz zur bisherigen Gesundheitserziehung, schreiben sie. Die Aktivisten behaupten auch, ein lesbischer, schwuler oder transsexueller Lebensstil führe zu einer höheren Suizidgefährdung sowie einer gesteigerten Anfälligkeit für Alkohol und Drogen.

Die Petition hält zwar fest, man sei gegen die Diskriminierung von Menschen mit gleichgeschlechtlicher sexueller Orientierung. Im Diskussionsforum zur Petition ist davon aber wenig zu spüren: Da wird gegen «Regenbogenmenschen» gepöbelt und Homosexualität mit Zoophilie verglichen. Manche Beitragsschreiber fürchten gar um den Fortbestand der Menschheit, weil sich gleichgeschlechtliche Paare – naturgemäss – nicht fortpflanzen können.

Die beiden Landeskirchen Baden-Württembergs haben sich den Bedenken gegen den neuen Bildungsplan ebenfalls angeschlossen. Jede Form von «Indoktrination» sei abzulehnen, schreiben sie in einer gemeinsamen Erklärung. Kinder dürften bei der Suche nach ihrer sexuellen Identität nicht beeinflusst werden.

Ideologische Grabenkämpfe beim Thema Bildung

Das Thema wühlt inzwischen auch den Stuttgarter Politikbetrieb auf. Das Land wurde viele Jahrzehnte lang von der CDU regiert, seit 2011 ist – zum ersten Mal in der Geschichte – ein grün-rotes Kabinett an der Macht. Schulpolitik ist traditionell Sache der Bundesländer, mit entsprechend viel Elan machen sich örtliche Politiker jeweils an das Thema. Deutsche Parteien sehen die Bildung als Feld für ideologische Grabenkämpfe. Die einen wollen durchlässigere, offenere und tolerantere Schulsysteme, die anderen setzen mehr auf Leistung und Selektion.

Vor diesem Hintergrund sind die Bemühungen der grün-roten Landesregierung zu sehen, den baden-württembergischen Schulplan neu aufzulegen. Das heiss umstrittene Papier ist freilich erst ein Entwurf, formuliert in einem trockenen Pädagogendeutsch. Als Ziel wird unter anderem genannt: Schülerinnen und Schüler sollen die «verschiedenen Formen des Zusammenlebens» von lesbischen, schwulen, bisexuellen und transsexuellen Menschen kennen lernen und reflektieren. Auch das «Erkennen der eigenen Sexualität und das Respektieren anderer sexueller Identitäten» gehört demnach künftig zum Schulprogramm.

Stimmung gegen Offenheit und Toleranz

Insgesamt tönt das alles relativ harmlos. Dazu kommt: Das Papier aus dem Ministerium behandelt eine Fülle von Themen – die «Akzeptanz sexueller Vielfalt» ist nur eines davon. An diesem Punkt setzt auch die Verteidigungsstrategie von Bildungsminister Andreas Stoch (SPD) ein. «Die Petition (gegen die «Regenbogen-Ideologie», Red.) suggeriert, dass die vorgesehenen Leitprinzipien in ihrer Gesamtheit unter dem Aspekt der sexuellen Vielfalt betrachtet werden sollen. Das ist masslos übertrieben», heisst es in einer Mitteilung. Die Protestbewegung mache Stimmung gegen Offenheit und Toleranz, sie zeichne Zerrbilder und versuche, Ängste zu schüren. «Vollkommen absurd ist eine Behauptung, das Kultusministerium wolle die Schüler umerziehen.»

Auch auf die Skepsis der Kirchen geht Minister Stoch ein. Der Bildungsplan orientiere sich «selbstverständlich» am christlichen Menschenbild. Entsprechend würden die Aspekte Familie, Eltern und Ehe wie bisher verankert im Schulplan. «Wenn ich akzeptiere, dass es andere Lebensformen gibt, stelle ich schliesslich damit die Institution Familie und Ehe keineswegs infrage», so der Minister.

Inzwischen gibt es auch eine Gegenpetition zum Anti-Regenbogen-Begehren im Internet. Sie unterstützt das Bestreben, an Schulen darüber zu reden, dass eine gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung nichts Abnormales ist. Bis zum Redaktionsschluss haben rund 75'000 Menschen ihre virtuelle Unterschrift unter das Papier gesetzt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.01.2014, 19:12 Uhr

«Vollkommen absurd ist die Behauptung, das Kultusministerium wolle die Schüler umerziehen»: Andreas Stoch (SPD), Bildungsminister von Baden-Württemberg.

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