Sie dealen, sie töten, sie halten zusammen

Über ein Phänomen in der Berliner Unterwelt, die von arabischen Clans dominiert wird.

Am helllichten Tag auf dem Tempelhofer Feld in Berlin erschossen: Ein Wandbild von Nidal R. wird übermalt. Foto: Paul Zinken (DPA, Keystone)

Am helllichten Tag auf dem Tempelhofer Feld in Berlin erschossen: Ein Wandbild von Nidal R. wird übermalt. Foto: Paul Zinken (DPA, Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Berliner Friedhof im Herbst. Mehr als tausend Männer drängen sich zwischen Grabsteinen zusammen, als ein heller Sarg über die Wiese getragen wird. Und gleichzeitig stehen an den Backsteinmauern bewaffnete Polizisten und kontrollieren, wer ein und aus geht. Denn das ist keine gewöhnliche Beerdigung. Unter den Trauergästen sind Männer, die zu den gefährlichsten Berlins gehören, Mitglieder von Rockerbanden, Chefs arabischer Clans; Angehörige von albanischen und tschetschenischen Banden, dazwischen der eine oder andere teure Strafverteidiger.

Blutige Revierkämpfe

Die Bilder erregten in ganz Deutschland Aufsehen. Wie selbstverständlich Clan-Bosse und Paten zwischen Gräbern herumstehen – solche Szenen kennt man aus Mafia-Filmen. Und die Bilder lenkten den Blick auf das organisierte Verbrechen in der deutschen Hauptstadt. Genauer gesagt, auf die Clans und Banden, die sich in Berlin blutige Revierkämpfe liefern. Auch der Mann, der zu Grabe getragen wird, Nidal R., starb keines natürlichen Todes. Er wurde erschossen, als er mit seiner Frau und seinen Kindern Glace kaufen wollte, am helllichten Tag, auf dem Tempelhofer Feld, einem der beliebtesten Ausflugsziele Berlins. Er starb, weil er im Umfeld krimineller Grossfamilien unterwegs gewesen sein und mit den Falschen Geschäfte gemacht haben soll.

Sie investieren in grossem Stil in Häuser, Wohnungen, ja sogar in Schrebergärten.

Das Phänomen beschäftigt die Berliner Behörden seit den frühen Achtzigerjahren. Damals flüchteten während des Libanon-kriegs zahlreiche Libanesen nach Deutschland, aber auch Kurden und staatenlose Palästinenser. Allen war gemeinsam, dass sie oft nur geduldet waren, aber nicht abgeschoben werden konnten; dass sie nicht arbeiten und ihre Kinder nicht zur Schule schicken durften.

Einige von ihnen zogen sich «auf ihr altes Stammesrecht zurück», wie es ein Ermittler formuliert. Zehn bis zwölf kriminelle arabische Clans gibt es seither in Berlin, von ihnen geht ein Fünftel bis ein Viertel aller Straftaten der organisierten Bandenkriminalität aus. Allerdings haben sich im Lauf der Jahrzehnte die Geschäftsmodelle verändert. Verdienten die Clans anfangs ihr Geld vor allem mit Schutzgelderpressungen und Drogen, fielen sie zuletzt mit spektakulären Straftaten auf. Mitglieder einer Familie sollen 2017 eine hundert Kilogramm schwere Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum geraubt haben. Mitglieder einer anderen Familie stürmten 2014 das Berliner Luxuskaufhaus KaDeWe, zertrümmerten vor aller Augen mit Äxten und Macheten die Vitrinen und nahmen Uhren und Schmuck im Wert von umgerechnet 930'000 Franken mit.

Es gibt keine Informanten

Das Problem ist nicht nur, dass die Clans professionell geplante Schwerverbrechen begehen, sondern ihre Geschäfte auch zunehmend in die Legalität verlagern. Dass sie in grossem Stil in Häuser, Wohnungen, ja sogar Schrebergärten investieren. In Berlin versuchten die Ermittler zuletzt, mit Razzien dagegen vorzugehen. Immobilien wurden beschlagnahmt, Geld und Luxusautos. Doch in der Szene zu ermitteln, ist schwer. Die Geld-flüsse werden verschleiert, es gibt keine Informanten. Denn anders als in der Neonazi-Szene findet man in den Clans nur selten Aussteiger. «Aus einer Familie kann man schliesslich nicht aussteigen», sagt ein Ermittler. Und längst beschäftigen die Clans nicht nur die Behörden.

Sie sind in der Populärkultur angekommen, durch die Serie «4 Blocks», die von den Machenschaften einer Grossfamilie namens Hamady erzählt. Ermittler, die sich auskennen, halten die Figuren für realistisch: den Clan-Chef, der seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, aber noch immer ohne legalen Aufenthalt, der mit Kokain handelt und Geld verdient, indem er Flüchtlinge unterbringt; dessen Bruder, liiert mit einer osteuropäischen Prostituierten, macht Geschäfte aus dem Gefängnis heraus; die Ehefrau, die mit alldem nichts anfangen kann und zur streng gläubigen Muslimin wird. Die Serie ist inzwischen Kult. Aber nicht nur bei Serienfans, sondern auch bei denen, die gemeint sind. Man kennt das Phänomen von Filmen wie «Der Pate»: Die Mafiosi fühlten sich so gut dargestellt, dass sie die Filmfiguren imitierten.

Das kann auch Kida Ramadan bestätigen, der Berliner Schauspieler, der es durch seine Darstellung des Clan-Chefs Toni Hamady zu internationaler Berühmtheit brachte. Wenn er durch seinen alten Kiez in Neukölln spaziert, kann es sein, dass ihn Jungs auf der Strasse ansprechen. Sie fragen: «Kann ich für dich arbeiten, Toni?»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 24.12.2018, 07:18 Uhr

Artikel zum Thema

Krieg der Araber-Clans

Die deutsche Polizei agiert härter gegen kriminelle Grossfamilien, die sich gegenseitig bekämpfen. Zuletzt wurde Berlins bekanntester Intensivtäter getötet. Mehr...

Diese TV-Serie lehrt die Mafia das Schiessen

Keine Fernsehserie fesselt die Italiener wie «Gomorra» über die Camorra, die neapolitanische Mafia. Nun warnen Richter, dass sich die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verwischen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Schlamm drüber: Ein Goalie versucht einen Penalty beim Schlamm-Faustballturnier in Pogy, das 60 Kilometer hinter St. Petersburg liegt, zu halten (22. Juni 2019).
(Bild: Dmitri Lovetsky) Mehr...