Porträt

Sie kann, sie will, sie würde

Niemand in Berlin politisiert mit so viel Risiko wie Ursula von der Leyen. Möchte sie die Kanzlerin beerben? Sie hat Chancen, aber auch viele Feinde. Ein Porträt.

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«Wenn nicht bald Wahlen wären, dann wäre sie jetzt weg, gefeuert», sagt einer mit direktem Draht ins Kanzleramt. Ursula von der Leyen sei nur noch Ministerin, weil «Merkel nicht auf sie verzichten kann». Ein bisschen ungläubiges Staunen schwingt mit, wenn man in diesen Tagen in Berlin über den Machtkampf spricht, der jüngst eskalierte. Zwischen dem Kanzleramt und einem grauen Klotz an der Berliner Wilhelmstrasse, dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Ministerin von der Leyen hat im Streit um die Frauenquote so lange gedroht, im Parlament für ein Quotengesetz der Opposition zu stimmen, bis Merkel nachgab und der Union einen Richtungswechsel verordnete. Auch CDU und CSU wollen jetzt den Unternehmen vorschreiben, wie viele Frauen in den Verwaltungsräten zu sitzen haben. Schon im Herbst – nach gewonnener Wahl – soll es einen entsprechenden Vorstoss geben. Im Austausch dafür musste von der Leyen den rot-grünen Antrag im Bundestag ablehnen, was sie auch tat. Sie hat ja die Quote bekommen, die sie wollte.

Das gab es lange nicht mehr

Die Rebellion der Ministerin gegen die Kanzlerin hat breite Risse ins Berliner Machtgefüge gesprengt. So etwas hat es in der CDU schon lange nicht mehr gegeben. Der Letzte, der Widerspruch wagte, war Ex-Umweltminister Norbert Röttgen. Merkel warf ihn umgehend aus dem Kabinett.

Anders von der Leyen. Sie ist zu beliebt, um sie einfach zu entsorgen; sie ist auch zu geschickt. Ihre letzte Provokation hat sie sich nur geleistet, weil sie um ihre Unantastbarkeit wusste. Umso demonstrativer feierte sie den Sieg: «CDU und CSU sind jetzt für eine feste Frauenquote, beide Parteivorsitzenden unterstützen dieses Ziel», sagt sie provokant im TV. Merkel soll richtig wütend gewesen sein. Sie, die mächtigste Frau der Welt, wurde öffentlich von einer Rivalin vorgeführt.

Dabei ist der Kampf um die Frauenquote nicht der erste Zusammenstoss gewesen mit der selbstbewussten Ministerin. Im vergangenen Sommer hat von der Leyen der Union eine Rentendebatte aufgezwungen, als sie eine Studie veröffentlichte, wonach auch Normalverdiener im Alter von Armut bedroht seien. Merkel war nicht amüsiert und bezweifelte öffentlich, ob von der Leyens Experten richtig gerechnet haben. Jeder andere im Kabinett hätte einen Rückzieher gemacht. Aber nicht von der Leyen: «Meine Zahlen stimmen», gab sie zurück – trotzig, selbstbewusst.

Merkel bietet kaum Angriffsfläche

Ursula von der Leyen (54) und Angela Merkel (58) sind die mächtigsten Politikerinnen des Landes. Ihr politischer Stil unterscheidet sich jedoch diametral: Die Ministerin sagt stets überdeutlich, was sie denkt. Sie will die öffentliche Meinung beeinflussen, ja sogar steuern. Und sie ist bereit, dafür beträchtliche Risiken einzugehen. «Wenn man immer nur den Weg des geringsten Widerstands geht, dann kommt man nicht voran», sagte sie kürzlich. Daraus spricht ihre Erfahrung in der Politik: Die grossen Projekte der letzten Jahre, den Krippenausbau etwa, oder die vom Staat bezahlten Elternmonate für junge Väter, hat sie gegen mächtige Gegner durchgesetzt.

Angela Merkel funktioniert völlig anders: Sie weicht der offenen Auseinandersetzung stets aus, sie will der öffentlichen Meinung möglichst geräuschlos folgen. Wenn die Kanzlerin spricht, bleibt sie gern im Ungefähren. Sie versteht Politik als Versuchsanlage, bei der es vor allem darum geht, Risiken zu vermeiden.

Mit ihrem zögerlichen Stil ist die Kanzlerin enorm erfolgreich. Merkel bietet kaum Angriffsfläche, SPD-Herausforderer Peer Steinbrück beisst sich an der «Zauder-Künstlerin» (Titel eines Buchs von «Bild»-Vize Nikolaus Blome) seit Monaten die Zähne aus. Er dagegen, der selbst ernannte Mr. Klartext, schafft sich immer neue Probleme.

Späte, schnelle Karriere

Nun hat auch von der Leyen viele Feinde. Erst Anfang Woche forderte die konservative CDU-Abgeordnete Erika Steinbach den Rücktritt der Ministerin. Aus Sitzungen der Unionsfraktion wird berichtet, von der Leyen werde sehr kühl behandelt, seit sie im Quotenstreit die Machtprobe suchte. «Politik ist keine Ich-AG», warf ihr Familienministerin Kristina Schröder vor. Die beiden Frauen können sich nicht ausstehen.

Allerdings hatte von der Leyen in ihrer Partei schon immer einen schweren Stand. Und das trotz ihrer Herkunft. Sie stammt ja aus einer CDU-Familie. Ihr Vater Ernst Albrecht war von 1976 bis 1990 Ministerpräsident von Niedersachsen. Es herrschte RAF-Angst damals, und die Albrechts lebten unter ständigem Polizeischutz. Die Politik hat so schon von der Leyens Kindheit geprägt, auch wenn sie selber zunächst nicht aktiv wurde. Als junge Frau verbrachte sie ihre Zeit lieber im Reitstall, studierte Wirtschaft und später Medizin. Ab 1988 arbeitete sie als Ärztin in einem Spital, bis sie mit ihrem Mann, ebenfalls einem Arzt, für vier Jahre in die USA zog. Zwischen 1987 und 1999 bekam das Paar sieben Kinder.

Merkel und von der Leyen brauchen sich

In die CDU trat Ursula von der Leyen erst 1990 ein – als Reaktion auf die Abwahl ihres Vaters, ein Akt der Familiensolidarität. Es sollte noch einmal dreizehn Jahre dauern, bis sie ihr erstes höheres Amt übernahm: Landesministerin in Niedersachsen. Dafür folgte dann ein Turbo-Aufstieg. 2004 besuchte von der Leyen ihren ersten CDU-Bundesparteitag und wurde gleich ins Präsidium der Partei gewählt. Ein Jahr später war sie Familienministerin in Berlin, seit Ende November 2009 steht sie dem Arbeitsressort vor. Sie verwaltet mit etwas unter 120 Milliarden Euro den grössten Etat von allen Ministern.

Aus ihren Anfängen an der CDU-Spitze ist eine bemerkenswerte Anekdote überliefert, welche kürzlich «Die Zeit» rezykliert hat. Merkel sass eines Abends bei einem Bier in geselliger Runde. Sie wisse genau, fabulierte sie ungewohnt offen, was die Männer in der CDU so tratschten. Selbst die Deutsche Bischofskonferenz habe mehr Kinder als die wichtigen Frauen in der CDU. Jetzt aber komme von der Leyen mit ihren sieben Kindern und reisse alle wieder heraus. Die Geschichte ist aufschlussreich. Die beiden Frauen haben sich lange gestützt, weil sie sich gegenseitig ergänzten. Die Kanzlerin brauchte die Ministerin für ihren Modernisierungskurs. Merkel hatte die Macht, von der Leyen den Mut.

«Die Putschistin»

Dabei eint Merkel und von der Leyen nicht nur, dass sie Frauen sind in einer einst von Männern dominierten Partei. Beide sind auch Quereinsteigerinnen, beiden fehlt der Stallgeruch, den sich die meisten Politiker über Jahre in Ortsvereinen und Gemeinderäten geholt haben. In einem Traditionsverein wie der CDU erkennt man sich daran.

Freundinnen sind die Niedersächsin und die Ostdeutsche nicht geworden. 2010 schliesslich, bei der Bundespräsidentenwahl, erlitt auch die pragmatische Zweckgemeinschaft einen ernsthaften Schaden. Merkel liess von der Leyen tagelang im Glauben, sie könne demnächst mit ihren sieben Kindern ins Schloss Bellevue einziehen. Im letzten Moment entschied sich die Kanzlerin aber für Christian Wulff. «Enttäuscht» soll von der Leyen gewesen sein, heisst es aus ihrem Umfeld. Das ist wohl milde formuliert.

Als Erklärung für ihre zunehmende Renitenz gegen die Kanzlerin reicht diese Verletzung aber nicht aus. Manche in Berlin glauben, von der Leyen wolle sich mit ihrer demonstrativen Unabhängigkeit für die Nachfolge Merkels ins Spiel bringen. Die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» widmete der Ministerin jüngst ein grösseres Porträt. Titel: «Die Putschistin».

Pläne für die Zeit nach Merkel

Diese Spekulationen über von der Leyens Eignung zur Kanzlerin sind gut geerdet. Anfang vergangener Woche, als der Kampf um die Frauenquote seinem Höhepunkt entgegenging, tauchte in Berlin das Gerücht auf, Merkel wolle die nächste Amtszeit nur noch zur Hälfte absolvieren – und 2015 zurücktreten.

Das Kanzleramt dementierte umgehend. Merkel liess über ihren Sprecher ausrichten, sie kandidiere im Herbst «selbstverständlich» für eine volle Amtszeit. Das Dementi ist glaubhaft, dennoch hat sich seither etwas geändert. In Parteigremien und Redaktionen hat sich der eigentlich selbstverständliche, aber eine Zeit lang vergessene Gedanke eingeschlichen, dass es eine Zeit nach Merkel geben wird, dass sie selbst im Fall einer Wiederwahl im Herbst irgendwann wegfällt als Gravitationszentrum der deutschen Politik.

Was dann? Die CDU hat keine gute Personalreserve. Die Partei hat in den letzten Jahren mindestens ein halbes Dutzend Spitzenleute verheizt, übrigens alles Männer. Sie haben sich mit Merkel angelegt und sind gescheitert (Norbert Röttgen, Friedrich Merz), sie haben Wahlen verloren (Jürgen Rüttgers, Stefan Mappus) oder wurden wegbefördert (Christian Wulff, Günther Öttinger). Geblieben ist einer wie Verteidigungsminister Thomas de Maizière. Er ist grundsolide, loyal, ein bisschen langweilig. Auch Umweltminister Peter Altmaier hat Format, aber ob der gemütliche Hobbykoch auch über den Willen zur Macht verfügt?

Der Weg ins Kanzleramt

Eine sticht aus dieser Riege heraus: Ursula von der Leyen. Auf den ersten Blick sind ihre Chancen, dereinst auf Merkel zu folgen, in den letzten Tagen gesunken: Sie hat grosse Teile der Partei verärgert, inklusive der Kanzlerin. Zugleich hat sie auch bei vielen linksliberalen Frauen für Unmut gesorgt, weil sie gegen das Quotengesetz der Opposition gestimmt hat. Eine aktuelle Umfrage des «Stern» ergibt sogar: Angenommen, Merkel würde abtreten, würden sich im Moment 39 Prozent der Befragten de Maizière als Nachfolger wünschen; nur 25 Prozent votieren für von der Leyen.

Andererseits verläuft der Weg ins Kanzleramt ohnehin nicht linear. Er kann sich mehrere Überraschungen entlang schlängeln, etwa einer Krise der CDU. So war es auch, als Angela Merkel Helmut Kohl ablöste.

Gut möglich, dass der moderierende Stil der Kanzlerin irgendwann nicht mehr gefragt ist, und dass der Zeitgeist dann nach einem Politikertyp mit klaren Ansagen verlangt. Man stelle sich vor, die Kanzlerin verlöre eine Wahl. Sofort würden die heute so loyalen Parteifreunde über sie herfallen – und nach einer Alternative suchen. Ursula von der Leyen stünde bereit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2013, 08:51 Uhr

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