Interview

«Sie setzte alles auf die Londoner City»

Neoliberale Mission, Falklandkrieg und Umpolung der Konservativen: Geschichtsprofessor Stig Förster beurteilt die Ära Thatcher.

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Herr Förster, wie prägte Margaret Thatcher den englischen Alltag?
Sie prägte ihn sehr massiv, und – so muss man leider sagen – auf alles andere als positive Weise. Ich habe während der Ära Thatcher selber in England gelebt und tagtäglich mitbekommen, wie die Infrastruktur verrottete – auf einmal dauerte eine Busfahrt durch London doppelt so lang wie vor Thatcher. Die grosse soziale und ökonomische Krise Englands ist in vielerlei Hinsicht auf Thatcher zurückzuführen.

Inwiefern?
Thatcher hat Englands Deindustrialisierung und die massiven Privatisierungen eingeleitet, und sie war es, die alles auf die Londoner City, auf die Finanzbranche also, gesetzt hat. Jetzt, mit ihrem Tod, werden natürlich Lobeshymnen angestimmt werden. Aber wenn man nüchtern Bilanz zieht, muss man sagen: Thatcher war für England eine Katastrophe.

Ihre Politik lebt weiter?
Definitiv. Blair hat sie fortgeführt, und der derzeitige Premier Cameron hat sie weiter verschärft.

Sie schätzen Thatcher sehr negativ ein. Wie kommt es dann, dass viele Beobachter der eisernen Lady wohlwollend gegenüberstehen und ihre Politik als zwingend nötige Rosskur für ein verkrustetes Land preisen?
Das hat in erster Linie mit den Medien zu tun. Mit Journalisten, die sich von den neoliberalen Theorien verführen liessen. Für Zeitungen wie die NZZ oder die FAZ war und ist eine astreine Neoliberale wie Thatcher natürlich eine Heldin, die sie auf eine Ebene heben mit Winston Churchill. Dabei geht häufig vergessen, dass Thatcher bis zum Ausbruch des Falklandkriegs höchst unpopulär war und ihre Abwahl als so gut wie sicher galt.

Stichwort Falklandkrieg: Wie beurteilen Sie Thatchers Rolle während dieses Konflikts?
Die Dummheit der argentinischen Militärs war Thatchers Glück. Die Besetzung der Inseln erlaubte es Thatcher, militärische Stärke zu demonstrieren und sich als eiserne Lady stilisieren zu lassen. Thatcher wollte diesen Krieg, wie die bis heute ungeklärte Versenkung des Kreuzers Belgrano zeigt – und dies, obwohl ihr grosser Partner Ronald Reagan sich sehr um eine Schlichtung bemühte. Reagan gefiel der Konflikt gar nicht, weil Argentinien ja auch ein Verbündeter der USA war.

Reagan und Thatcher gelten als neoliberales Traumpaar. Wie war diese Beziehung beschaffen, welche Dynamik spielte da?
Die beiden verband ihr knallhartes Einstehen für den Neoliberalismus. Das hielt die beiden zusammen, obschon es immer wieder machtpolitische Reibereien gab. Ein Beispiel hierfür war der 1983 erfolgte amerikanische Einmarsch in Grenada, das damals ja eigentlich noch zum englischen Commonwealth gehörte. Ein anderer Streitpunkt war die Stationierung amerikanischer Cruise-Missiles in England im Zuge des Nato-Doppelbeschlusses. Im Grossen und Ganzen einte Reagan und Thatcher aber ihre grosse Mission: die Neoliberalisierung der westlichen Welt.

Beeinflusste Thatcher diesen Versuch intellektuell? War Sie eine Visionärin?
Nein, das war natürlich nicht ihre Aufgabe. Das intellektuelle und theoretische Rüstzeug stellten andere bereit. Sie war die politische Verkäuferin.

Wie wurde Thatcher selber zur Neoliberalen?
Das hat natürlich eine lange Vorgeschichte: Es geht wie immer bei den Tories um die Auseinandersetzung zwischen den Erzkonservativen, die dem alten Adel verpflichtet sind, und den Liberalen, die sich an der Mittelschicht orientieren und einen breit abgestützten Kapitalismus propagieren. Zu Letzteren gehörte Thatcher, die Tochter eines Kleingewerblers. Ihr gelang es, die Partei zu einer populistischen Partei umzuformen.

Was waren denn Thatchers Versprechen an den einfachen Briten?
Thatcher versprach durch den Big Bang die Teilhabe aller an den Segnungen der Liberalisierung. So wurden Kleinbürger animiert, an den liberalisierten Börsen Aktien zu kaufen. Viele haben das dann auch getan – und viele wurden bitter enttäuscht.

Feministinnen kommen selten auf Thatcher zu sprechen, obwohl sie unstrittig politische Avantgarde war.
(lacht) Mit Frauenemanzipation hatte Thatcher herzlich wenig zu tun. Als Heldin der Frauenbewegung taugte sie nicht, und sie wollte auch gar keine sein.

In den letzten Monaten wurde Angela Merkel häufig mit Thatcher verglichen. Zu Recht?
Nicht wirklich. Die Umstände in Deutschland sind ganz andere, und ich sehe bei Merkel kaum neoliberale Tendenzen. Im Gegenteil: Sie ist im Begriff, die CDU zu sozialdemokratisieren. Auch setzt die deutsche Politik noch immer stark auf den sekundären Sektor, die Industrie also, was Thatchers Dogmen eindeutig widerspricht.

Welche Bereiche von Thatchers Politik sollten Ihrer Meinung nach geschichtswissenschaftlich noch besser ausgeleuchtet werden?
Der Falklandkrieg ist hier sicher zu nennen, was aber schwierig ist, da viele wichtige Dokumente verschwunden sind oder noch unter Verschluss gehalten werden. Dann Thatchers ziemlich kümmerliche Rolle am Ende des Kalten Krieges, als sie sich gegen die Wiedervereinigung gesperrt hat und allen Ernstes mit Mitterrand die Entente des Ersten Weltkriegs wiederbeleben wollte. Und dann natürlich die verheerende, bis heute nachwirkende Sozial- und Wirtschaftspolitik.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.04.2013, 07:11 Uhr

Stig Förster (*1951) ist Professor für Neuste Geschichte an der Uni Bern. Er hat sich auf Sozial- und Kriegsgeschichte spezialisiert und ist Mitglied im Arbeitskreis Deutsche Englandforschung.

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