«Sie wollten das Vertrauen in die Institutionen brechen»

Neue Dokumente zeigen: Das Budget der russischen Troll-Armee hat sich offenbar verdoppelt. Wie sieht ihre Propaganda aus?

Millionen von Menschen haben bereits gefälschte Inhalte der russischen Trollfabrik «Internet Research Agency» konsumiert: Ein Unterstützer Donald Trumps schreit in Chicago seinen politischen Gegner an. (Archivbild aus dem Jahr 2016)

Millionen von Menschen haben bereits gefälschte Inhalte der russischen Trollfabrik «Internet Research Agency» konsumiert: Ein Unterstützer Donald Trumps schreit in Chicago seinen politischen Gegner an. (Archivbild aus dem Jahr 2016) Bild: Kamil Krzaczynski/Reuters

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Crystal Johnson war eine engagierte Aktivistin für die Rechte von Schwarzen in den USA. Immer wieder verbreitete sie positive Geschichten verschiedener Persönlichkeiten – aber auch Geschichten über Diskriminierung, die von anderen US-Medien angeblich ignoriert wurden.

@TEN_GOP war ein inoffizielles Konto von Republikanern aus Tennessee, die kein Blatt vor den Mund nahmen und die Sachen stets beim Namen nannten.

Und «Kansas Daily News» war eine Lokalzeitung, deren Journalisten sich durch eine speziell offene Arbeitshaltung auszeichneten – und vor allem Berichte anderer Nachrichtenorganisationen verbreiteten.

Diese Personen verband eine Sache: Sie existierten gar nicht. Die drei Konten sahen aus, als gehörten sie US-Amerikanern – und Zehntausende konsumierten ihre Inhalte. Sogar Twitter-CEO Jack Dorsey hatte Tweets von «Crystal Johnson» weiterverbreitet. Tatsächlich wurden die Konten aber von St. Petersburg aus betrieben. Dort hat die berüchtigte russische Trollfabrik «Internet Research Agency» (IRA) ihren Sitz.

Doppelt so viel Geld für Propaganda?

Finanziell geht es der IRA offenbar besser als je zuvor. Das zeigt eine am vergangenen Freitag veröffentlichte Anklageschrift der Staatsanwaltschaft des US-Bundesstaats Virginia. Darin wird erstmals eine Russin der unzulässigen Einmischung in die US-Zwischenwahlen in zwei Wochen beschuldigt. Demnach soll die 44-jährige Elena Khusyaynova als Chefbuchhalterin des russischen «Informationskriegs» gedient haben, der über den als «Putins Koch» bekannten Oligarchen Jewgeni Prigoschin finanziert werde. Prigoschin wurde bereits im Februar von Sonderermittler Robert Mueller angeklagt und die USA haben Sanktionen gegen ihn erlassen.

Die veröffentlichten Budgetzahlen der Propagandaoperation, die intern «Projekt Lakhta» genannt werde, sind pikant: Im aktuellen Jahr haben sich gemäss FBI-Informationen Khusyaynovas Budgetanträge für die Desinformationskampagne knapp verdoppelt. So habe die Russin im ersten Halbjahr 2018 bereits 650 Millionen Rubel (knapp 10 Millionen Franken) beantragt, was beinahe den Jahresbudgets der beiden Vorjahre entspreche. Im Wahljahr 2016 habe Khusyaynova Ausgaben von 720 Millionen Rubel erfasst, im Jahr danach seien es 733 Millionen Rubel gewesen. Die Desinformationskampagne ist also seit 2016 mit umgerechnet über 30 Millionen Schweizer Franken finanziert worden.

Khusyaynova selbst bestreitet die Anschuldigungen. «Amerikanische Beamte sagen, dass ich US-Präsident Donald Trump für die Amerikaner gewählt habe», sagte sie in einer Videobotschaft gemäss der Übersetzung von «CNN». «Was soll ich sagen? Ich bin nur eine russische Frau.»

Unabhängig von Hautfarbe, Glauben und Orientierung

Das bisherige Vorgehen der Trolle ist allerdings bekannt. Nachdem der Datenblog «FiveThirtyEight» bereits Ende Juli drei Millionen Tweets der IRA auf der Website russiatweets.com leicht zugänglich machte, hat Twitter vergangene Woche alle Konten und deren Inhalte veröffentlicht, die mit der IRA in Verbindung stehen sollen. Dabei handelt es sich um 3841 Konten, die insgesamt über 9 Millionen Tweets absetzten. Das Unternehmen stellt knapp 300 Gigabyte an Text, Bildern und Videos zum freien Download zur Verfügung. Diesen Daten zeigen: Sie zielten auch auf Europa ab.

Das Labor für digitale Forensik der Washingtoner Denkfabrik Atlantic Council hatte die Daten bereits vorab erhalten und eine erste Analyse veröffentlicht. Zunächst stellen die Forscher fest, dass die gefälschten Konten klar im Einklang mit den Interessen der russischen Regierung twitterten. Der grösste Teil der Kampagne habe denn auch auf das russische Volk abgezielt. Das zeigt sich rein sprachlich: So wurden zu Beginn von Russlands Invasion der Ukraine klar mehr Tweets auf Russisch abgesetzt, und auf die US-Präsidentschaftswahl 2016 hin holten die englischen Tweets auf.

Die Kandidatur Hillary Clintons in den USA zu schädigen, sei dabei nur eines von mehreren Zielen gewesen. Die Desinformationskampagne habe generell darauf abgezielt, die Gesellschaft zu spalten und das Vertrauen in staatliche Institutionen zu brechen. So seien verschiedene Gruppen gezielt gegeneinander aufgewiegelt worden. Bei polarisierenden Fragen schalteten sich Trolle fast unerkennbar auf beiden Seiten der Debatte ein und stachelten die Menschen an. «Die russischen Trolle waren unvoreingenommen: Sie versuchten, alle in Rage zu versetzen – unabhängig von Hautfarbe, Glauben, politischer oder sexueller Orientierung.»

Die IRA nutzte aktuelle Ereignisse aus, um sich in die lokale Politik einzumischen – insbesondere Wahlen und Terroranschläge. Dazu gehörten die koordinierte Förderung von Anti-Islam-Hashtags nach den Terroranschlägen in Brüssel, ein Pro-Brexit-Hashtag am Tag des britischen Referendums und Leaks gegen den französischen Präsidenten Emmanuel Macron kurz vor seiner Wahl. Nach Einschätzung der Forscher habe die Kampagne aber ausserhalb der USA keinen grösseren Einfluss auf das politische Verhalten der Menschen gehabt.

Die Operationen der IRA haben sich laufend weiterentwickelt. Die Akteure versuchten Verschiedenes aus und lernten dazu. Ihre Aktivitäten im Jahr 2014 unterschieden sich von ihren Aktivitäten im Jahr 2018 – und werden sich auch in Zukunft weiterentwickeln.

Erstellt: 24.10.2018, 20:23 Uhr

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