Sind die deutschen Erdogan-Fans Feinde der Demokratie?

Man kann die Haltung der Ja-Sager bedauern oder verurteilen. Aber gleich daraus zu schliessen, ihre Integration sei «gescheitert», geht zu weit.

Je mehr sie beschimpft werden, desto sicherer sind sie ihrer Wahl: Erdogan-Anhänger feiern das Ja in Berlin. Foto: Jan Scheunert (DDP)

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Zwei von drei Deutsch-Türken haben dafür gestimmt, den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan mit fast uneingeschränkter Macht auszustatten, lautete die Nachricht. Sie gab die Verhältnisse freilich nur verzerrt wieder. Für Erdogan stimmten letztlich 420'000 von insgesamt 3 Millionen Türkischstämmigen in Deutschland. Nur die Hälfte von ihnen war stimmberechtigt, von ihr ging wiederum bloss die Hälfte abstimmen, zwei von drei legten ein Ja ein.

Ungeachtet dieser wenig übersichtlichen Lage löste das Votum sehr grundsätzliche Reaktionen aus. Politiker zeigten sich entsetzt und zogen wahlweise Mündigkeit, Integration oder Loyalität der Deutsch-Türken in Zweifel. Politiker der islamfeindlichen Alternative für Deutschland (AfD) forderten, dass «Erdogans 5. Kolonne» das Land verlassen müsse. Es sei ihnen überdies, sofern vorhanden, der deutsche Pass zu entziehen. Abgeordnete von CDU und CSU machten sich für die Abschaffung des erst 2014 eingeführten Rechts auf doppelte Staatsbürgerschaft stark. Und auch Politiker der SPD, der Grünen und der Linken zeigten sich erschrocken bis schockiert. Einige erklärten die bisherige Integration für gescheitert oder zumindest für schwer defizitär und verlangten umso grössere Anstrengungen in der Zukunft.

«Wieder stolz»

Nach Gründen für das «skandalöse Ja» wurde selten gefragt. Ein Grossteil der Türken in Deutschland ist aus dem ärmlichen anatolischen Hinterland eingewandert, dort wo seit je Erdogans Machtbasis liegt. Viele von ihnen halten ihm auch in Deutschland die Treue, weil er sie und ihr Land «wieder stolz» gemacht hat. Seine autoritären Züge und die Unterdrückung von Andersdenkenden nehmen sie in Kauf. Je mehr Deutsche sie wegen ihrer Treue beschimpfen, desto sicherer sind sie ihrer Wahl. Die Abschaffung der parlamentarischen Demokratie in Deutschland fordern sie nicht.

Man kann die Haltung der Ja-Sager bedauern oder verurteilen. Aber ist sie wirklich ein Zeichen dafür, dass diese Menschen «Feinde der Demokratie» sind und ihre Integration «gescheitert» ist? Nicht wirklich. Gleichwohl beunruhigt, dass ein Teil der Deutsch-Türken mit den westlichen Werten von Freiheit, Recht und Demokratie fremdelt oder sie zumindest nicht für unantastbar hält.

Viele sind «mit dem Kopf in der Türkei hängen geblieben».

Wer Experten nach einer Gesamt­bilanz der Integration fragt, erhält eine gemischte Auskunft: Gescheitert sei sie nicht, sie könnte aber besser sein – Note 4. Die Ausgangslage war aber auch besonders schwierig: Keine Einwanderergruppe in Deutschland war ungebildeter als die Türken. Und obwohl sie bei Bildung und Einkommen seither enorme Fortschritte gemacht haben, liegen sie auch heute noch hinter den anderen Gruppen zurück. Viele sind überdies «mit dem Kopf in der Türkei hängen geblieben», wie die Berliner Integrationsexpertin Bilkay Öney sagt.

Eine Studie der Universität Münster hat 2016 ergeben, dass gut die Hälfte der Deutsch-Türken sich in Deutschland nicht willkommen und als «Bürger zweiter Klasse» fühlt. Die zweite und dritte Einwanderergeneration wendet sich auch deshalb zum Teil verstärkt wieder dem Islam zu und versteht ihn als wichtiges Merkmal ihrer Identität. Die Re-Islamisierung kollidiert zunehmend mit einer grassierenden Islamfeindlichkeit in der Mehrheitsgesellschaft und verstärkt das Gefühl mancher Deutsch-Türken noch, nicht anerkannt zu sein. Ein Teufelskreis, der Fundamentalismen züchtet, auf beiden Seiten.

Frage des Doppelpasses

Was aber kann man tun, um die Spannungen abzubauen? Rufe nach Strafen für Ja-Sager und Ausreisebefehle verstärken die Entfremdung nur. Verlangen muss man selbstverständlich, dass sich auch Türkeistämmige an das deutsche Grundgesetz halten und seine Werte respektieren, auch dort, wo sie ihren religiösen oder politischen Meinungen zuwiderlaufen. Über die doppelte Staatsbürgerschaft kann man diskutieren. Experten sind sich nicht einig, ob sie die Integration und eine doppelte Identifikation eher erleichtert oder behindert. Es gibt vernünftige Vorschläge, sie etwa nur noch den Kindern der ersten Einwanderergeneration zuzugestehen, nicht aber deren Kindern.

Zuletzt: In vielen Integrationsfragen wird aus politischen Gründen mit höchst ungleichen Massstäben gemessen. Russlanddeutsche etwa halten mehr Doppelpässe als Deutsch-Türken. Viele von ihnen sprechen kaum Deutsch, verehren den Präsidenten Wladimir Putin und sind in fast jeder Hinsicht weniger gut integriert als die Türkeistämmigen. Über sie aber sprechen die Eiferer von der Alternative für Deutschland nie, wenn es um «5. Kolonnen» geht. Die «Russen» sind ja auch deutsch und christlich – und viele von ihnen wählen AfD.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2017, 23:15 Uhr

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