Spenden als Imagepflege

Für den Wiederaufbau von Notre-Dame fliessen Hunderte Millionen Euro von äusserst reichen Familien. Es geht dabei weniger ums Gemeinwohl als um öffentliche Inszenierung.

Die am 15. April teilweise zerstörte Pariser Kathedrale Notre-Dame soll in nur fünf Jahren wieder aufgebaut sein. Geld dafür ist schon jetzt genügend vorhanden. Foto: Getty Images

Die am 15. April teilweise zerstörte Pariser Kathedrale Notre-Dame soll in nur fünf Jahren wieder aufgebaut sein. Geld dafür ist schon jetzt genügend vorhanden. Foto: Getty Images

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«Vorübergehend geschlossen» sei sie, die Kathedrale Notre-Dame de Paris. So steht es bei Google. Das klingt profan: Nach den Verheerungen des Feuers wird es Jahre dauern, bis der gotische Dom wiederhergestellt ist, vielleicht Jahrzehnte. Und doch: Dass Notre-Dame geschlossen ist, wird am Ende nur ein vorübergehender Zustand gewesen sein.

Französische Grossindustriellenfamilien wie die Pinaults, die Arnaults und die L’Oréal-Erben Bettencourt werden grossen Anteil daran beanspruchen. Schliesslich wollen sie viel Geld geben für den Wiederaufbau der Kirche: Erstere 100 Millionen Euro, die anderen gar je 200 Millionen. Für Normalverdiener sind das kaum vorstellbare Summen, für die französischen Unternehmer ist es Kleingeld. Das Vermögen der Pinaults wird auf mehr als 35 Milliarden Euro geschätzt, das der Bettencourts auf rund 45 Milliarden. Die Arnaults sollen sogar knapp 70 Milliarden Euro besitzen. Ihre öffentlichkeitswirksam angekündigten Spenden bewegen sich also allesamt im Zehntelprozentbereich ihres Reichtums. Trotzdem wollen sie gefeiert werden, als Wohltäter, als Retter eines europäischen Monuments, als Menschenfreunde, die «der Gesellschaft etwas zurückgeben».

Nur, worin wird ihre Leistung am Ende bestanden haben? Sie werden einen höchst überschaubaren Anteil ihres Reichtums hergegeben haben, um ein einziges Denkmal wiederherzurichten. Ein Projekt, das in einem der reichsten Länder der Erde auch ohne sie gelungen wäre.

Globales Phänomen

Zugleich – und hier wird es problematisch – standen die genannten Familien immer wieder in der Kritik, weil sie mit allerlei ausgefuchsten Steuersparmodellen versuchten, dem Staat möglichst wenig von ihrem Geld abzugeben. Einen Teil ihres Vermögens haben sie also damit gemacht, ebenjenen Staat und ebenjene Gesellschaft zu schwächen, der sie nun mit grosser Geste «etwas zurückgeben» – freilich um die Spenden dann wieder von der Steuer abzusetzen. So bezahlt der Staat das vermeintliche Geschenk auch noch zum erheblichen Teil selbst.

Das soll nicht heissen, dass es hinfällig wäre oder gar verwerflich, für den guten Zweck zu spenden. Im Gegenteil. Viele wünschenswerte oder dringend notwendige Projekte wären ohne private Geldgeber unmöglich. Deshalb werden Spenden in vielen Staaten gefördert, etwa indem sie steuerlich geltend gemacht werden können. Und: Barmherzigkeit ist in vielen Kulturen und Religionen Bestandteil des sozialen Zusammenlebens, im Christentum wie im Islam, im Buddhismus und im Hinduismus. Stets aber kommt es auf den Zweck der Spende und die Haltung des Spenders an.

Noch während Notre-Dame brannte, lieferten sich ein paar Superreiche einen eitlen Wettkampf um die dickste Spende. Es ging ihnen anscheinend nicht ums Gemeinwohl, sondern um ihre Egos. Das entwertet die Spenden.

Die Spenden für die Kathedrale sind dabei nur das jüngste Beispiel für ein bekanntes Muster: Bauen als Mittel der Imagepflege, auch wenn man es sonst nicht so genau nimmt mit der Menschenfreundschaft oder der Ehrlichkeit. Das ist ein globales Phänomen mit langer Tradition. Europa und Amerika sind voll mit Kirchen und Bibliotheken, Museen und Palästen, welche die Namen von Mäzenen tragen. Bisweilen waren die auch sozial: Jakob Fugger zum Beispiel stiftete den Augsburgern schon 1521 die Fuggerei. Bedürftige sollten hier ein Zuhause finden, gegen minimale Miete und vor allem tägliche Gebete für das Seelenheil des Stifters und seiner Familie. Auch jüngere Grossphilanthropen wie Andrew Carnegie und John D. Rockefeller engagierten sich karitativ – nachdem sie mit teils rüden Methoden zu Reichtum gekommen waren.

Nicht nur die Spende muss kontrolliert werden, sondern auch der Spender.

Wie schwer bisweilen die Spende vom Spender zu trennen ist, zeigt das Beispiel der Sackler-Familie, die hinter dem US-Konzern Purdue Pharma steht. Die Familie hat ein Milliardenvermögen mit dem Schmerzmittel Oxycontin angehäuft, das massgeblich verantwortlich gemacht wird für die Drogenepidemie in den USA. Die Sacklers, so legen es Gerichtsunterlagen und Berichte nahe, wussten von der Suchtgefahr, taten aber nichts, um die Opioidkrise zu verhindern. Einen Teil ihres Reichtums aber spendete die Familie: an das Metropolitan Museum in New York, an das Guggenheim Museum, an das Smithsonian, an den Louvre in Paris und an Universitäten wie Harvard oder Oxford. Zuletzt aber wuchs die Kritik an den Institutionen, mehrere Museen haben zuletzt Spenden der Sacklers abgelehnt.

In einem demokratischen Staatswesen ist es eben nicht die Aufgabe einzelner Vermögender, nach Gutdünken Wohltaten zu verteilen, um sich dafür feiern zu lassen. Es ist die Aufgabe des Parlaments, zu entscheiden, wie viel ein jeder von seinem Verdienst und Vermögen an die Allgemeinheit abzutreten hat und wofür dieses Geld verwandt werden soll. Dieses Budgetrecht ist eines der zentralen Legitimations- und Machtmittel der Volksvertreter. Das Parlament organisiert die Umverteilung des wirtschaftlichen Wohlstands und hilft im Idealfall, den sozialen Frieden zu wahren.

Wie gefährlich es dagegen werden kann, wenn sich Einzelne ihrer Pflicht in Teilen entziehen, zeigt sich ebenfalls in Frankreich: Bei den Gelbwesten-Protesten waren die Spenden für Notre-Dame sofort ein Thema. Gut eine Milliarde Euro stand schon nach wenigen Tagen bereit. Bei den Gelbwesten löste das nicht Freude oder Dankbarkeit aus. Für die Demonstranten, die sich ohnehin vom Staat vergessen fühlen, war es nur ein weiterer Beweis dafür, wie ungerecht die Gesellschaft geworden sei. Für eine Ruine im Zentrum, so ihre Logik, ist Geld da, für die heruntergekommenen Vororte jedoch nicht.

Ethisch einwandfreie Herkunft?

Was aber ist die Lösung? Sollen die Vermögenden nicht mehr spenden? Sicherlich nicht. Zu vielfältig und schwerwiegend sind die Probleme, für deren Lösung auch die Vermögen von Privatleuten gebraucht werden. Deshalb sollte sogar mehr gespendet werden – und vor allem besser.

Bemühungen in diese Richtung gibt es, vor allem in den USA. Dort hat es Tradition, dass Vermögende spenden. Das mag auch daran liegen, dass sich der Staat weniger sozial engagiert als in Europa und entsprechend weniger Geld über Steuern umverteilt wird. Dennoch ist die 2010 gegründete Initiative «The Giving Pledge» von Microsoft-Mitgründer Bill Gates und Investor Warren Buffett bemerkenswert. Ihr Ziel ist es, auch andere Milliardäre zum Spenden zu animieren. Sie sollen sich verpflichten, wenigstens die Hälfte ihres Vermögens für das Gemeinwohl zu geben, sei es zu Lebzeiten oder per Testament. 190 Milliardäre aus 22 Staaten haben das Versprechen bisher öffentlich abgegeben.

Das Modell hat zwei entscheidende Vorteile: Wer sich hier mit seiner Spende in die Öffentlichkeit stellt, sagt erstens zu, einen wirklich bedeutenden Teil seines Vermögens abzutreten. Zweitens steigt durch die öffentliche Verpflichtung die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Vermögenden langfristig engagieren.

Ungelöst bleiben die Fragen nach demokratischer Legitimation und ethisch einwandfreier Herkunft der Spenden. Mit welchen Methoden viele der grössten Vermögen der Welt angehäuft wurden, zeigen die Enthüllungen der Swiss- und der Lux-Leaks, der Panama und der Paradise Papers sowie des Cum-Ex-Skandals. Das Geld deshalb abzulehnen, wäre dennoch falsch, weil es denen schaden würde, die auf Hilfe angewiesen sind.

Hätten sie «der Gesellschaft etwas zurückgeben» wollen, hätten sie ihr Engagement anders anlegen können: leiser, substanzieller und langfristiger. 

Durch Stiftungen oder Spenden an internationale Organisationen lassen sich Spender und Spende zumindest ein Stück weit voneinander trennen. Gates und Buffett verfolgen diesen Weg, sie haben gut 45 Milliarden Dollar in die Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung eingebracht und damit die vermögendste Organisation dieser Art weltweit geschaffen. Aber auch sie wird kritisiert, für ihren Einfluss auf die Weltgesundheitsorganisation beispielsweise.

Es ist dringend notwendig, weltweit starke Bei- und Verwaltungsräte in solchen Stiftungen zu installieren. Sie könnten einerseits das Geld dem direkten Einfluss der Geldgeber entziehen. Damit entstünde eine Instanz, die Kritik an den Spendern oder der Arbeit der Stiftung thematisieren könnte. Ein Gremium, das nicht über die Spende, sondern auch über den Spender wacht, würde sicherstellen, dass das Geld ernst- und dauerhaft dem Gemeinwohl dient.

Die Grossspender von Notre-Dame wollten sich vor allem als Wohltäter inszenieren. Hätten sie wirklich «der Gesellschaft etwas zurückgeben» wollen, hätten sie ihr Engagement anders anlegen können: leiser, substanzieller und langfristiger. Und ganz nebenbei hätten sie sich fragen können, ob sie nicht besser auf Steuersparmodelle verzichten – für die Allgemeinheit.

Erstellt: 06.05.2019, 19:31 Uhr

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