Staatsanwalt: Schütze wollte Politiker treffen

Beim Mann, der in Rom drei Menschen anschoss, handelt es sich offenbar um einen «Verzweifelten, der Arbeit und alles andere» verlor. Die neue Regierung um Enrico Letta wurde derweil wie geplant vereidigt.

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Der Schütze vor dem Amtssitz des neuen italienischen Regierungschefs wollte eigentlich auf Politiker schiessen. Das teilte Staatsanwalt Pierfilippo Laviani mit. Der mutmassliche Angreifer hatte um die Mittagszeit am Rand des belebten Chigi-Platzes in Rom zwei Carabinieri angeschossen und eine Passantin verletzt. Die Tat ereignete sich einen Kilometer vom Quirinalspalast entfernt, wo der neue Regierungschef Enrico Letta und seine Minister gerade vereidigt wurden.

Der Schütze habe «alles gestanden», sagte Laviani nach einem Verhör. So habe er «Politiker erschiessen wollen, jedoch keinen von ihnen erreichen können und daher auf Carabinieri geschossen», sagte der Staatsanwalt weiter. Bei dem Angreifer handele es sich um einen «Verzweifelten, der Arbeit und alles andere» verloren habe. Geistig verwirrt habe er nicht gewirkt, sagte Laviani.

Mehrere Verletzte

Zur Schiesserei kam es am Mittag vor der Vereidigung der neuen italienischen Regierung unter Enrico Letta. Der 46-Jährige Täter zog Medienberichten zufolge eine Pistole aus der Tasche seines Anzugs und schoss auf zwei Carabinieri, die sich vor dem Regierungssitz befanden. Einer von ihnen wurde am Hals getroffen; sein Zustand sei entgegen ersten Meldungen nicht besorgniserregend, berichtete der italienische TV-Sender Sky TG 24. Die Zeitung «La Repubblica» bestätigt, dass die Verletzungen nicht schwerwiegend seien.

Ein weiterer Carabiniere wurde am Bein getroffen. Auch eine Fussgängerin wurde von einer Kugel leicht verletzt. Augenzeugen sprachen von sieben Pistolenschüssen, die sie gehört hätten. Wie eine Reporterin des Fernsehsenders Rai News 24 berichtet, habe der Mann den ganzen Platz ruhig überquert und schliesslich sieben Schüsse mit einer Waffe kleinen Kalibers abgefeuert. Nach der Schussabgabe überwältigten demnach andere Polizisten den mutmasslichen Schützen und drückten ihn zu Boden. Er ist am Kopf verletzt und wird zurzeit im Spital behandelt.

Augenzeugen berichteten, der Schütze habe aus etwa fünf Metern Entfernung auf die Carabinieri geschossen. Die verletzte Frau ist laut Medienberichten schwanger und war mit Mann und Kind unterwegs.

Arbeitsloser Handwerker

Der mutmassliche Schütze L. P. stammt gemäss der italienischen Zeitung «La Stampa» aus Rosarno in Kalabrien, wohne aber in Alessandria im Piemont. Der 46-Jährige habe psychische Probleme. Er habe kürzlich seinen Job verloren, und eine Beziehung sei in die Brüche gegangen, erzählte sein Bruder.

Nachdem er seine Stelle verloren habe, sei er zu seinen Eltern nach Kalabrien zurückgekehrt, weiss die Zeitung «La Repubblica». Der Mann sei zuvor als Bauhandwerker tätig gewesen, schreibt der «Corriere della Sera». Der Mann ist nach Polizeiangaben nicht vorbestraft und hat offenbar allein gehandelt.

«Man darf sich nicht wundern»

Der römische Bürgermeister Gianni Alemanno machte das angespannte politische Klima in Italien für die Schiesserei vor dem Regierungssitz verantwortlich. «Es handelt sich um die Tat eines geistig Verwirrten, doch man darf sich nicht wundern, wenn man ununterbrochen gegen die Institutionen wettert, als wären sie abzubauen», sagte Alemanno.

Alemanno bestätigte, dass die drei Verletzten nicht in Lebensgefahr schweben. Der neue Innenminister Angelino Alfano besuchte sie im Spital.

Schiesserei überschattet Vereidigung

Regierungschef Letta und seine 21 Kabinettsmitglieder legten derweil im einen Kilometer vom Tatort entfernten Quirinalspalast vor Präsident Giorgio Napolitano ihren Amtseid ab. Der neuen Regierung gehören mehrere Frauen an, zudem setzte Letta auf eine Verjüngung des Kabinetts. Alfano, der Vorsitzende der Berlusconi-Partei, ist Vize-Regierungschef und Innenminister der neuen Regierung. Der Direktor der italienischen Nationalbank, Fabrizio Saccomanni, ist neuer Wirtschafts- und Finanzminister. Neue Aussenministerin wurde die ehemalige EU-Kommissarin Emma Bonino.

Der 46-jährige Letta will am Montag bei einer Parlamentssitzung sein Regierungsprogramm vorlegen, eine Vertrauensabstimmung ist für Dienstag geplant. EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy gratulierte Letta zur Regierungsbildung. Die neue italienische Regierung habe die «volle und ganze Unterstützung der europäischen Institutionen», erklärte er.

Seit der Parlamentswahl Ende Februar steckte Italien in einer politischen Krise, da keine Partei eine ausreichende Mehrheit zur Bildung einer Regierung erreichte. Die politische Sackgasse war vor allem angesichts der aktuellen Haushalts- und Wirtschaftskrise in der drittgrössten Volkswirtschaft der Eurozone brisant.

Die Schuldenlast des Landes dürfte dieses Jahr mehr als 130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen. Ausserdem bereitet eine hohe Jugendarbeitslosigkeit von knapp 40 Prozent Sorge. Saccomanni kündigte einen nationalen Konjunktur-«Pakt» an, ohne jedoch Einzelheiten zu nennen. (fko/rbi/mw/AFP/sda/AP)

Erstellt: 28.04.2013, 11:47 Uhr

Vor dem Amtssitz des neuen italienischen Ministerpräsidenten Enrico Letta sind mehrere Schüsse gefallen. Es gab Verletzte. (Video: Reuters)

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