Interview

«Steinbrück ist der für Merkel gefährlichste Kandidat»

Nachdem das grosse Geheimnis der SPD gelüftet ist, stellt sich die nächste Frage: Hat Peer Steinbrück überhaupt eine Chance gegen die Bundeskanzlerin? Politologe Gerd Langguth lotet die Lage aus.

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Herr Langguth, wie schätzen Sie Peer Steinbrücks Chancen heute ein?
Alle Umfragen zeigen, dass Angela Merkel heute weit vor jedem Troika-Mitglied steht. Auch vor Peer Steinbrück. Allerdings ist Steinbrück der für Merkel gefährlichste Kandidat, weil er am ehesten im Wählerbereich der Union wildern kann.

Womit spricht er CDU-Wähler an?
Nicht unbedingt, weil er der Schweiz mit der Kavallerie gedroht hat. Steinbrück ist einfach beliebt, weil er manchmal recht schnoddrig argumentiert. Er ist ein ungewöhnlicher Politikertyp, aber auch recht norddeutsch. Sein Stil kommt insgesamt an, die Leute mögen die Art und Weise, wie er spricht. Zudem ist er kein Linker in der SPD.

Wird die Linkspartei seine Kandidatur untergraben?
Das wahrscheinlich nicht. Doch sie wird kaum mit ihrer vollen Liebe zu diesem Kanzlerkandidaten stehen.

Was Wahlen anbelangt, ist Steinbrück kein Gewinnertyp.
Die Leute haben teilweise anderes in Erinnerung – etwa den Auftritt mit Angela Merkel inmitten der Finanzkrise, als Steinbrück erklärte, die Spareinlagen der Bürger seien sicher. Steinbrück gilt als Politiker, der eine Ahnung von Wirtschafts- und Finanzfragen hat. Genau dieses Profil muss ein SPD-Kanzlerkandidat haben.

Wird die Wirtschaft das grosse Thema des Wahlkampfs sein?
Zweifellos. Zusammen mit der Europapolitik.

Wobei sich Merkel selbst in Eurofragen bereits nach links bewegt hat.
Es wird für Steinbrück sicher nicht einfach. Als es im Bundestag jüngst um den Euro ging, verblasste er neben Angela Merkel. Steinbrück darf sich nun keinen Fehler erlauben.

Wo liegen seine Schwächen?
Nicht alle Teile der SPD unterstützen ihn, weil er ein Anhänger der Agenda 2010 von Gerhard Schröder war. Obwohl sich dieses Programm im Nachhinein als Pluspunkt für die deutsche Wirtschaft herausgestellt hat, verzeihen einige linke Wähler dies der SPD bis heute nicht.

Wie wird Angela Merkel den Wahlkampf führen?
Sie wird versuchen, ihren Gegner ins Leere laufen zu lassen. Darin ist sie ja ganz geschickt. Merkel wird die Themen so setzen, dass Steinbrück sie schwer angreifen kann. In der Vergangenheit haben die beiden abgesehen davon auch gut im Kabinett zusammengearbeitet.

Ist eine grosse Koalition denkbar?
Bis jetzt gingen viele Beobachter davon aus. Allerdings hat Steinbrück nun ausdrücklich erklärt, dass er für ein Kabinett Merkel nicht zur Verfügung stehen würde. Für die SPD bleibt nun allenfalls die Variante einer Ampelkoalition oder etwas Ähnlichem. Für Rot-Grün alleine dürfte es im Herbst 2013 jedenfalls nicht reichen.

Dass die SPD sich mit der FDP zusammentun könnte, scheint schwer vorstellbar.
Ja, aber wenn die Stimmen erst einmal ausgezählt sind, und die SPD den Kanzler stellen könnte, dann würde sie wohl auch die Kröte FDP in Kauf nehmen.

Ist Angela Merkel überhaupt besiegbar?
Sie ist sicher nicht unbesiegbar. In den nächsten Tagen wird es erst mal einen Push geben zugunsten der SPD und Peer Steinbrück. Wenn die Wahl aber entsprechend den aktuellen Umfragen verläuft, wird eine Regierungsbildung schwer an Angela Merkel vorbeigehen können.

Erstellt: 28.09.2012, 13:12 Uhr

Seit heute Nachmittag ist das Rätselraten beendet: Peer Steinbrück ist der Kanzlerkandidat der SPD. (Video: Reuters )

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Zur Person

Gerd Langguth, geboren 1946 in Wertheim, ist Honorarprofessor für Politische Wissenschaft an der Universität Bonn. Zuvor war er unter anderem Direktor der Bundeszentrale für politische Bildung und geschäftsführender Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung. Von 1976 bis 1980 war er CDU-Abgeordneter im Deutschen Bundestag. Langguth hat Biografien über Angela Merkel und Horst Köhler geschrieben.

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