Hintergrund

Steuerfahnder stürmten Nobelskiort Cortina

Italiens Regierung macht Ernst: Und sucht mit drastischen Methoden gezielt nach Steuersündern. In Luxusferienorten wurden Finanzbeamte bereits fündig und lösen damit ein Steuerfahnder-Fieber aus.

Schwarzgeld-Mekka:Italienische Steuerbehörden haben die Buchhaltung von Unternehmern im Nobelskiort Cortina d'Ampezzo unter die Lumpe genommen und gemerkt, dass ein Grossteil der Einnahmen nicht versteuert wird. (9.12.2006)

Schwarzgeld-Mekka:Italienische Steuerbehörden haben die Buchhaltung von Unternehmern im Nobelskiort Cortina d'Ampezzo unter die Lumpe genommen und gemerkt, dass ein Grossteil der Einnahmen nicht versteuert wird. (9.12.2006) Bild: Keystone

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Sie hatte es bereits angekündigt, die neue Regierung Montis: Im neuen Jahr würde gezielt nach Steuerhinterziehern gefahndet werden. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass in Italien jährlich 120 Milliarden Euro Steuergelder hinterzogen werden. Während der Festtage hat die Steuerfahndung ihre Drohung wahr gemacht: Rund 80 Steuerinspektoren stürmten den Nobelskiort Cortina d'Ampezzo und kontrollierten die Einnahmen von 35 der insgesamt über 1000 Dienstleister.

Luxusauto trotz Existenzminimum

Die Präsenz der staatlichen Kontrolleure wirkte auf die angepeilten Hotels, Restaurants, Boutiquen und Bars laut einem Bericht der Tageszeitung «La Repubblica» geschäftsfördernd: Restaurants nahmen plötzlich das Doppelte vom Vortag ein, und Luxusboutiquen verzeichneten das Vierfache an Einnahmen wie noch vor einem Jahr. Woraus die Steuerfahnder schliessen konnten, dass im Normalfall ein Grossteil der Einnahmen nicht versteuert wird.

Doch nebst den ortsansässigen Unternehmern hatten die Steuerfahnder auch sogenannte «finti poveri», falsche Arme, auf ihrem Radar. Damit werden in Italien seit einiger Zeit jene Leute bezeichnet, die zwar teure Autos und Jachten besitzen, aber praktisch kein Einkommen angeben. So wurden in Cortina insgesamt 251 Luxusautos, die mehr als 100'000 Euro kosten, geprüft. Anhand der Kennzeichen konnten die Besitzer festgestellt werden, und ein Anruf bei den zuständigen Finanzämtern lieferte die Steuererklärung. Das Ergebnis: Rund ein Drittel der Fahrzeughalter lebt laut eigenen Angaben am Existenzminimum und gibt als monatliches Einkommen 1800 Euro – brutto – an. 118 Fahrzeuge waren als Geschäftsautos von Firmen registriert, die in den letzten beiden Steuerjahren entweder «Verluste verzeichneten» oder weniger als 50'000 Euro Einnahmen angaben.

Der Direktor der italienischen Steuerbehörden, Attilio Befera, der die Kampfansage Montis an die Steuerhinterzieher von Anfang an unterstützt hat, ist zufrieden mit der Aktion und kündigt weitere «Blitzaktionen im Stil Cortinas» an. Damit werde ein Trend fortgesetzt, der bereits 2011 lanciert worden war. Damals hatten die italienischen Steuerbehörden mithilfe des zentralen Strassenverkehrsregisters die Steuererklärungen von rund 3000 Fahrzeughaltern kontrolliert und konnten 160 Millionen Euro unterschlagene Steuern sicherstellen.

Steuerhinterziehung als Volkssport

Der italienische Leitartikelverfasser Francesco Merlo geht in seinem Blog mit den Unternehmern und den aufgespürten falschen Armen hart ins Gericht. Er nennt den Nobelskiort – in Anlehnung an Roberto Savianos Bestseller über die organisierte Wirtschaftskriminalität der Camorra – ein «Gomorrha der Dolomiten», in dem sich die Haltung einer ganzen Nation widerspiegelt. Eine Nation, in der die Steuerhinterziehung seit Jahrzehnten tief in der Mentalität der Bürger verankert ist und «die sogenannten Schlauen die Führungsschicht ausmachen. Der Fall Cortina bestätigt alle Vorurteile gegenüber Italien.»

Einer, der das Unterschlagen von Steuergeldern stets als eine Art Notwehraktion des Bürgers sah, war Italiens ehemaliger Premierminister. So wiederholte Silvio Berlusconi fast schon wie ein Mantra (allein im letzten Jahr an mehr als zehn öffentlichen Auftritten), dass seine Partei «niemals die Hände in die Taschen der Italiener stecken werde». So erstaunt es nicht, dass die Blitzaktion in Cortina in weiten Teilen Italiens begrüsst wird, aber von Berlusconis Getreuen heftig kritisiert wird. So hatte die ehemalige Staatssekretärin Daniela Santanché (ebenfalls in der «Repubblica») von einem grossen Schaden für Cortina d'Ampezzo gesprochen. «Was hat Befera mit seiner Aktion erreicht? Dass von nun an alle nach St. Moritz in die Ferien gehen werden.» Die aufgebrachte Politikerin forderte den umgehenden Rücktritt Beferas.

Jetzt kommt Serpico

Doch dieser denkt nicht daran. Im Gegenteil, die Jagd auf Steuersünder hat erst begonnen. Letzte Woche nahmen Steuerinspektoren einen weiteren Luxusferienort in Beschlag: Sie überprüften die Kassen im ligurischen Portofino. Weitere Blitzaktionen sind bereits für Februar geplant. Und auch die Schweiz als Steuerparadies rückt wieder ins Rampenlicht der italienischen Steuerfahnder, im kommenden Jahr sollen unter anderem die Kontrollen am Zoll verschärft werden. Man wolle verhindern, dass Bargeld auf illegalem Weg in die Schweiz abwandert, so Befera.

Ausserdem ist seit 1. Januar «Serpico» im Einsatz. Der Supercomputer überwacht und analysiert für die Steuerbehörde Millionen von Finanzdaten. Serpico kann auf Datenbanken von 2000 Servern zurückgreifen und vergleicht die Einkommen von Steuerzahlern mit Bewegungen auf Kontokorrenten, aber auch Besitztümer (Immobilien, Fahrzeuge, Flugzeuge, Jachten), genauso wie Strom-, Gas- und Wasserrechnungen oder Versicherungspolicen. Anhand der Daten erstellt der Computer ein Profil. Stimmt dieses nicht mit den Angaben der Steuererklärung überein, schlägt Serpico Alarm.

Erstellt: 09.01.2012, 12:58 Uhr

Kennt kein Pardon: Der italienische Premierminister Mario Monti sagte 2011 Steuersündern den Kampf an – seit Anfang Jahr arbeiten Steuerinspektoren auf Hochtouren. (4.12.2011) (Bild: Keystone )

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