Talfahrt ins Grüne

Die Iren in der Wirtschaftskrise: Auf ihren Balkonen pflanzen sie Broccoli. Die Hunde schläfern sie ein, weil das Futter zu teuer ist. Und den Brautstrauss kaufen sie bei Aldi.

Bald eine Rarität? In den letzten zwölf Monaten haben in Irland 1300 Pubs aufgegeben.

Bald eine Rarität? In den letzten zwölf Monaten haben in Irland 1300 Pubs aufgegeben. Bild: Keystone

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«Wie nur», staunte ein Leser der «Irish Times», «ist es uns gelungen, als kleines Land mit vier Millionen Einwohnern Schulden wie eine Supernation zu machen? Mit dieser Summe könnten wir zweimal die Olympischen Spiele durchführen, vier Monate lang den Krieg in Afghanistan und im Irak bestreiten oder drei Teilchenbeschleuniger bauen. Oder wissen wir bereits genug über schwarze Löcher?»

Der Bösewicht Nummer eins

Das schwarze Loch trägt einen Namen: Anglo Irish Bank. In wenigen Monaten hat die drittgrösste Bank Irlands 26 Milliarden Euro Staatsgelder verschlungen, und das ist nur der Anfang, wie Finanzexperten versichern. Dabei sah eben noch alles so rosig aus. Unter den Bankangestellten gab es mehr Millionäre als auf den Bermudas, und auch die Kunden scheffelten Geld. Gerne erzählte Anglo-Irish-Boss Sean FitzPatrick, wie ihn ein Unbekannter auf der Strasse angesprochen und ihm für das Ferienhaus in Spanien gedankt hatte.

Heute ist aus dem Wohltäter FitzPatrick Irlands Bösewicht Nummer eins geworden. Sein Pub erteilte ihm Lokalverbot, um Unruhe unter den Gästen zu vermeiden. Im Golfklub drücken sich die früheren Freunde mit einem gemurmelten «Tut mir ja so leid für dich» rasch an ihm vorbei. Und die Presse titelt höhnisch: «Eine weitere dramatische Woche im Leben FitzPatricks», und zeigt ihn im Golfdress vor einem seiner sechs Anwesen. Seit er auch persönlich Konkurs angemeldet hat, gehören die Häuser der Gattin.

Das halbe Land ist bankrott

Bankrott ist nicht nur FitzPatrick. Bankrott ist das halbe Land. 300 000 Häuser und Wohnungen stehen leer. An manchen Strassen gibt es so viele «For sale»-Tafeln wie Briefkästen. Unzählige Bauruinen starren aus schwarzen Fensterhöhlen auf die grünen Wiesen. 15 Prozent aller Iren haben ihren Job verloren und suchen, wie zu den schlimmsten Hunger- und Massenauswanderungszeiten, Arbeit in England oder Amerika. Und als wäre das alles noch nicht genug, verkündet das irische Radio täglich neue Hiobsbotschaften und Firmenschliessungen.

Nun war der Staatssender noch nie eine Quelle des Frohsinns. Jede Nachrichtensendung pflegt mit dem neusten Mord oder Horrorunfall zu beginnen; jeden Morgen werden sämtliche Beerdigungen im Land verlesen. Jetzt aber häufen sich auch die tragischen Todesfälle. Die Selbstmorde aus wirtschaftlicher Not haben auf alarmierende Weise zugenommen, sodass der Staat eine Präventionsstelle einrichtete.

Fast jede Branche klagt. Die Fischer, weil der Hummerpreis von 24 auf 11 Euro pro Kilo abgesackt ist, die Zahnärzte, weil niemand mehr seine Löcher flicken lässt, und die Gaststätten, weil den Gästen das Geld für das Guinness fehlt. Allein in den letzten zwölf Monaten haben 1300 Pubs aufgegeben. Zuerst traf es die schicken, städtischen Lokale, die auf Champagner-Bar machten oder mit Tapas und Fernseher mit der Zeit gingen. Dann verschwanden auch viele Pubs der guten, alten Messing-und-MahagoniSorte, die eine einzige Unterhaltung duldeten: Jeder spricht mit jedem.

Nur noch jeder Vierte

Auf dem Land beschleunigte die auf 0,5 gesenkte Promillegrenze das Pub-Sterben zusätzlich. Wer zehn Meilen bis zum nächsten Dorf fahren muss, bleibt abends lieber daheim. Billiger wird es ohnehin. Seit unter den Supermarktketten der Preiskrieg tobt, kostet das Bier oft weniger als Wasser. Dass jetzt am Wochenende überall im Land hoch mit Getränkekartons beladene Einkaufswagen zu den Autokofferräumen schwanken, bekümmert nicht nur die Gastwirte. Das bedrückt auch alle, die sich um das Gemeinschaftsgefühl in ihrem Wohnort sorgen.

Das Auseinanderdriften der Dorfbewohner verstärkt noch, dass sie auch beim anderen Traditionstreff, der Sonntagsmesse, längst nicht mehr alle Nachbarn, Freunde und Familienangehörige sehen. Nur noch jeder Vierte geht regelmässig in die Kirche. Das aufregende Diesseits hatte sie zu sehr in Beschlag genommen.

2007 noch jettete halb Irland zum 24-Stunden-Christmas-Shopping nach New York. Taxifahrer erzählten ihren Fahrgästen von ihrer neuen Villa in Bulgarien und ihrem Investment in PapuaNeuguinea. Selbst ländliche Lebensmittelgeschäfte führten drei Sorten Schaumweine, Parmaschinken und Roquefort. Im bescheidensten Cottage stand eine Hollywoodküche mit eingebautem Kaffeeautomaten, und vor der Haustür parkten mindestens zwei Autos.

Wie konnte es so weit kommen?

Keiner fragte: Kann ich mir das leisten? Warum auch. Junge Paare ohne einen Euro Eigenkapital bekamen von der Bank nicht nur eine 100-ProzentHypothek für ihr Eigenheim. Sie wurden auch dazu ermuntert, weitere 30 000 Euro für die standesgemässe Ledergarnitur, das Heimkino und die Hochzeitsreise nach Thailand aufzunehmen. Das Spiel schien für alle aufzugehen: Die Immobilienpreise stiegen jährlich zuverlässig um 15 Prozent; eine durchschnittliche Vierzimmerwohnung in einem Dubliner Vorort kostete eine Million Euro.

Jetzt ist der berühmte keltische Tiger zum Bettvorleger geworden und aus dem Wilden Westen Europas ein Land des Heulens und Zähneklapperns. Wie aus einem Fiebertraum erwacht, greift sich mancher Ire an den Kopf: Wie nur konnte es so weit kommen? Und: Wer ist schuld? Die Politiker jedenfalls wollen es nicht gewesen sein.

«Mal reden sie sich mit dem Ölpreis, der Bankenkrise und der globalen Rezession heraus, mal mit der Art und Weise, wie wir unser weich gekochtes Ei köpfen», spottete ein Kommentator. Dass Staatschef Brian Cowen eben vom amerikanischen Nachrichtenmagazin «Newsweek» zu den zehn Top-Staatsmännern der Welt gezählt wurde, grenzt für viele an Hohn. Das ist, so die Meinung, als ob man den Kapitän der Titanic zum Kapitän des Jahres machte, weil ein paar Menschen den Schiffsuntergang überlebten.

Wer mag Brian Cowen?

Den Titel des globalen Superhero verdankt Brian Cowen seinem drastischen Sparprogramm. Er kürzte Sozialleistungen und Renten, schloss Spitalflügel, Postämter und Polizeistationen, erhöhte Gebühren und Steuern. Die Folgen spürt jeder Ire am eigenen Leib. Seit die Cafeteria im Altersheim geschlossen ist, hocken die Angehörigen beim Besuch auf

Mutters Bettrand. Seit die Buslinie nicht mehr verkehrt, sind ganze Dörfer auf den Verkaufswagen angewiesen, der sie mit Milch und Kartoffeln versorgt.

Kein Wunder, ist Cowens Beliebtheit im Inland auf dem Tiefpunkt. «Nur seine eigene Familie mag ihn noch», spottet das Land. Im Ausland dagegen geniesst Irland dank Cowen bereits wieder einen besseren Ruf als Griechenland, obwohl die Zahlen beider Nationen ähnlich düster sind. «Wir wurden weder geteert noch gefedert», staunte ein Delegationsmitglied auf der vom irischen Aussenhandelsministerium organisierten Goodwilltour nach Deutschland. Und dies, obwohl die Iren, undankbar und hochmütig, erst den Lissabonner Vertrag (Reform der EU) abgelehnt hatten und jetzt etliche europäische Unternehmen mit in den Strudel rissen.

Es kommt eben gut an, dass die Iren nicht auf die Strasse stürmen und, wie die Griechen, unter Protestgeheul die Hilfe des Auslands fordern. Irland will es alleine schaffen. Und hat dabei nur eine Sorge: dass es in den Augen der Welt gut dasteht. Dies ist auch der Grund, warum es die Unternehmenssteuer bei 12,5 Prozent belässt, dem tiefsten Satz in ganz Europa. Man mag sich den bereits ansässigen ausländischen Grossinvestoren wie Hewlett-Packard und Intel gegenüber nicht wortbrüchig zeigen und hofft auf weitere Zuzüger.

Weltmeister im stillen Dulden

Dass die Unternehmenssteuer als Einzige tabu bleibt, empört besonders die Linke. Zudem ortet sie in der Folgsamkeit, mit der das Volk die staatlichen Zwangsmassnahmen hinnimmt, ein Erbe der Vergangenheit. Tausend Jahre lang wurde es von der katholischen Kirche zu blindem Gehorsam gedrillt; während Jahrhunderten stand es unter der Fuchtel der Engländer. All dies hat Irland zum Weltmeister im stillen Dulden gemacht und zum Mustersohn, der seine vergangenen Sünden bereut und Besserung gelobt.

So feiert denn das Brautpaar statt mit 200 Gästen – bisher auf dem Lande gang und gäbe, selbst wenn der Bräutigam Fischer und die Braut Kassierin ist – nur mit der engsten Verwandtschaft, mit 100 Leuten. Der Brautstrauss kommt von Aldi, das Brautkleid aus dem Secondhandgeschäft, und statt fünf Toaster wünscht sich das Paar Cash.

Gegenstände, die längst aus dem nationalen Bewusstsein verschwunden sind, tauchen wieder auf. Plastikbehälter für den mitgebrachten Lunch beispielsweise. Gourmet-Chefs überbieten sich in den Kochspalten mit Tipps für Preiswertes und doch Raffiniertes. Auch der gute alte Gas- und Elektrozähler, der mit Münzen gefüttert werden muss, ist wieder da, seit Tausende von säumigen Zahlern im Dunkeln und in der Kälte sitzen.

Was frisst, wird entsorgt

Alles, was zu viel Futter frisst, wird entsorgt. 10 000 Hunde wurden im letzten Jahr eingeschläfert und Hunderte von Pferden in die Freiheit entlassen; manche Tiere irren auf Golfplätzen herum. Auf den Strassen verkehren 7 Prozent weniger Autos, dafür wird das Fahrrad wieder entrostet. Es spart nicht nur Benzin- und Buskosten, sondern auch den Mitgliederbeitrag im teuren Fitnessklub.

Auch auf Auslandferien haben die Iren dieses Jahr verzichtet. Dafür probierten sie eine Sportart aus, die sie bisher lieber den Touristen überliessen: Wandern. Dass sie sich im freien Gelände nicht mehr zurechtfinden (ausser auf Golfplätzen natürlich), zeigen die Zahlen der Bergrettung. Allein in Donegal (höchster «Gipfel»: 749 Meter) mussten die Helfer diesen Sommer mehr als 200-mal ausrücken, um im Nebel herumirrende Iren zu bergen.

Keine Münzen mehr

Doch nicht alle Branchen klagen. Die Gartencenter boomen. Mit Begeisterung werfen sich die Iren auf die «grüne Revolution», den neuen Nationalsport. Alles wird mit Kompost gefüllt: Autoreifen, ausgediente Badewannen und Überseekoffer. Auf jedem Balkon, in jedem Hinterhof spriessen die eigenen Karotten, Tomaten und Broccoli. «Zeit habe ich ja», meinte ein Arbeitsloser im Fernsehen. «Zudem ist es ein schönes Gefühl, meine Familie trotzdem ernähren zu können.» Das nötige Know-how holen sich die Hobbygärtner auf den eiligst kreierten neuen Gartenseiten der Medien. Die Elterngeneration kann niemand mehr befragen. Die hat vom Düngen, geschweige denn vom Torfstechen, ebenso wenig Ahnung wie ein Wallstreet-Börsianer.

Zuverlässigster Zeuge für den neuen Sparsinn freilich bleibt der pensionierte John Putt aus Moville. Jahrelang hatte er aus reinem Bürgersinn die Strassen seines Dörfchens gekehrt und dabei täglich Münzen im Wert von 20 Euro aufgelesen. «Und gestern», klagte er der «Donegal News», «fand ich einen einzigen Cent.»

Die renommierte Journalistin Margrit Sprecher, eine gebürtige Churerin, erhielt für ihre Reportagen unter anderem den Zürcher Journalistenpreis und den Egon-Erwin-Kisch-Preis. Sie lebt zeitweise in Donegal im Nordwesten Irlands.

Erstellt: 22.09.2010, 15:37 Uhr

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