Teuer, teurer, Griechenland

Athen hätte am Freitag 300 Millionen Euro an den IWF überweisen sollen. Premier Tsipras hat es vorgezogen, mehrere Zahlungen am Monatsende zu bündeln.

Griechenlands Premierminister Alexis Tsipras. Foto: Alkis Konstandtinidis (Reuters)

Griechenlands Premierminister Alexis Tsipras. Foto: Alkis Konstandtinidis (Reuters)

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Man sagt ja oft, was lange währt, wird endlich gut. Für das Drama um Griechenland gilt dies leider nicht. Da geht derzeit gar nichts gut. Jeder neue Akt in dieser schier unendlichen Tragödie und jedes possenartige Zwischenspiel sorgen nur dafür, dass die Endrechnung immer höher wird, womöglich unvertretbar hoch. Nur wer die Zeche einst bezahlen muss, scheint noch offen: Griechenland oder die übrigen Eurostaaten.

An diesem Freitag hätte Athen eigentlich schon mal 300 Millionen Euro an den IWF überweisen sollen. Das Geld wäre wohl noch vorhanden gewesen. Doch Premier Alexis Tsipras hat es vorgezogen, ein IWF-Angebot anzunehmen und mehrere Zahlungen am Monatsende zu bündeln. Dieses blosse Bündeln müsste eigentlich nicht so viel Besorgnis auslösen.

Nur: Jeder Schritt, den Tsipras derzeit auf der Athener Bühne unternimmt, könnte ein Stolperschritt zu viel sein. Dass nun erstmals eine IWF-Rate von Athen nicht pünktlich bezahlt wurde, wird besonders vom Linksaussen-Flügel der Regierungspartei Syriza bejubelt. Syriza ist eigentlich gar keine Partei, sondern ein Sammelsurium von Gruppen und Gruppeninteressen. Das Farbspektrum reicht von tiefrot bis grün, von Trotzkisten über Gewerkschafter bis zu Ex-Mitgliedern der sozialdemokratischen Pasok. Tsipras’ Rolle kommt da der eines Zirkus­dompteurs schon recht nahe: Er lockt, droht, belohnt, mal Linksaussen, mal den Realo-Flügel. Fraktionsdisziplin ist damit nicht garantiert.

Das gilt umso mehr, wenn Syriza nun schlucken soll, was schon die Konservativen von Antonis Samaras für unverdaulich hielten, woraufhin sie auf Neuwahlen zusteuerten. Etwa vier Fünftel der im gemeinsamen Papier der Geldgeber den Griechen präsentierten Forderungen lesen sich so wie das, was Samaras 2014 erfüllen hätte sollen und nicht tat, weil er wusste, wie schwierig das durchzusetzen ist. Die Rentenreform zum Beispiel. Wenn EU und IWF jetzt dasselbe von Syriza verlangen, kann die griechische Regierung mit einigem Recht sagen: Dafür sind wir nicht gewählt.

Es wäre wiederum eine kostspielige Farce, wenn auch die gegenwärtige Regierung in Athen an denselben Klippen zerschellen würde wie ihre Vorgänger. Bei Syriza reden sie bereits über Neuwahlen. Sollte es so weit kommen, wird die Schlussrechnung noch höher ausfallen, weil dann noch mehr Zeit mit quälender Ungewissheit vergeht. Auch dann müssten die Euroländer Griechenland finanziell stützen, weil niemand einer sozialen Grosskatastrophe am Südrand Europas einfach so zusehen könnte. Gewonnen wäre mit einem solchen Szenario nichts. Denn auch nach Wahlen hiesse der Premier wohl wieder Tsipras und seine Regierungspartei Syriza.

Wenn es überhaupt noch einen einigermassen noblen Schlussakt in diesem unwürdigen Drama gibt, dann vielleicht so: Tsipras sollte aufhören, neue Drohkulissen aufzubauen. Am Freitag etwa telefonierte er kurz mit – dem vom G-7-Gipfel ausgeladenen – Wladimir Putin und vereinbarte ein Treffen. Nach dem Motto: Wir haben noch andere Freunde. In Brüssel und Berlin könnte man dafür mal zugeben, dass man mit dem Rettungsprogramm für Griechenland in der Vergangenheit nicht immer richtig lag.

Erstellt: 05.06.2015, 20:28 Uhr

Gläubiger

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Im Kampf gegen die Zahlungsunfähigkeit hat sich Athen zwar durch den Zahlungsaufschub des Internationalen Währungsfonds (IWF) eine kurze Atempause verschafft. Eine schnelle Einigung über eine Reformliste mit den Gläubigern ist aber nicht in Sicht.

Der griechische Regierungschef Tsipras wollte am Freitagabend im Parlament in Athen die neuen Entwicklungen im Schuldenstreit erläutern. Bekannt ist: Die griechische Regierung hat an der neuen Reformliste ihrer internationalen Geldgeber schwer zu kauen.

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