Tränen am Sarg von Nemzow

Freunde und Weggefährten verabschieden sich vom ermordeten Boris Nemzow im Sacharow-Zentrum.

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Tausende Trauernde, Freunde und Würdenträger haben in Moskau Abschied vom ermordeten Kremlkritiker Boris Nemzow genommen. Einzeln gingen sie an der in einem offenen Sarg aufgebahrten Leiche im Sacharow-Zentrum vorbei. Viele legten Blumen nieder, als sie Nemzow ihren Respekt bezeugten. Die Reihe der Trauernden war Hunderte Meter lang. Die Beerdigung und die Trauerfeier sollten am Nachmittag stattfinden.

Das Menschenrechtszentrum ist nach dem Dissidenten und Friedensnobelpreisträger Andrei Sacharow benannt. Mitarbeiter schlossen mittlerweile den Sarg und bereiteten das Begräbnis vor.

Trauer am Sarg: Verwandte und Freunde von Boris Nemzow. (Video: Reuters; 3. März 2015)

Nemzow war am Freitagabend von hinten erschossen worden, als er über eine Brücke in der Nähe des Kremls ging. Bislang wurde kein Verdächtiger festgenommen. Der 55-Jährige war unter Präsident Boris Jelzin stellvertretender Ministerpräsident. Er war weithin als aufstrebender junger Reformer angesehen worden. Trotzdem verlor er in der Ära von Präsident Wladimir Putin seinen Sitz im Parlament.

Unter den Trauernden waren russischen Medienberichten zufolge unter anderem der US-Botschafter John Tefft, der ehemalige Ministerpräsident und jetzige Oppositionelle Michail Kassjanow, Jelzins Witwe Naina sowie die stellvertretenden russischen Ministerpräsidenten Sergei Prichodko und Arkadi Dworkowitsch.

Opposition zusätzlich geschwächt

Der Mord hat die kleine Oppositionsbewegung in Russland zutiefst erschüttert. Viele ihrer Unterstützer denken, dass der Mord vom Kreml als Vergeltung für Nemzows leidenschaftliche Kritik an Putin angeordnet wurde. Dagegen gehen die Behörden von verschiedenen möglichen Motiven aus, darunter auch, dass durch das Attentat das Ansehen von Putin befleckt werden soll.

Viele Beobachter meinen, dass wichtige Oppositionspolitiker wie Nemzow ständig von der Polizei überwacht würden. So sei es schwer vorstellbar, dass Nemzow hätte erschossen werden können, ohne dass die Polizei es mitbekommen hätte. Einige bemerkten, dass Nemzow an einem neu eingerichteten Feiertag starb, an dem an die Spezialeinsatzkräfte erinnert wird, die auf die ukrainische Halbinsel Krim einmarschiert waren und damit die Voraussetzung für die Annektierung durch Russland vor einem Jahr geschaffen hatten.

Nemzows Ort der letzten Ruhe: Der Friedhof Trojekurowo im Westen Moskaus.

Die Tötung Nemzows gilt als grösster politischer Mord seit der Erschiessung von Anna Politkowskaja. Die Kremlgegnerin und Journalistin war 2006, an Putins Geburtstag, in einem Fahrstuhl ihres Moskauer Wohnhauses getötet worden. In dem Fall waren 2014 fünf Tschetschenen verurteilt worden. Es blieb aber ungeklärt, wer den Mord beauftragt hatte.

Die Ukrainerin Anna Durizkaja, die Nemzow in der Mordnacht begleitet hatte, flog am frühen Dienstagmorgen nach Kiew zurück, wo sie umgehend von einem Sicherheitsdienst fortgebracht wurde. Die 23-Jährige ist bislang die einzige Zeugin in dem Fall, sie hatte sich seit Samstag in Russland unter Polizeischutz befunden und war ausführlich befragt worden. In einem Interview des unabhängigen russischen Fernsehsenders Doschd sagte Durizkaja am Montag, sie habe Nemzows Angreifer nicht gesehen. Nemzow kannte sie seit drei Jahren.

Merkel fordert Aufklärung

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel forderte Russland erneut auf, den Mord aufzuklären. «Die Ermordung Nemzows ist ein schwerwiegender Vorgang, ein trauriges Ereignis. Wir erwarten, dass alles daran gesetzt wird, dass dieser Mord aufgeklärt wird», sagte Merkel in Berlin.

«Wir werden uns dafür einsetzen, dass auch die, die anders denken in Russland, eine Chance haben, ihre Gedanken zu artikulieren – wenngleich ich weiss, dass das alles andere als einfach ist», so die Kanzlerin weiter. (spu/sda)

Erstellt: 03.03.2015, 10:12 Uhr

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