Triumph auf der Seufzerbrücke

Venedigs neuer Bürgermeister Luigi Brugnaro profitiert vom Volksverdruss über das Establishment.

Sie nennen ihn den «Tycoon der Lagune»: Venedigs neuer Bürgermeister Luigi Brugnaro beim Feiern seines Wahlsieges. Foto: Andrea Merola (EPA, Keystone)

Sie nennen ihn den «Tycoon der Lagune»: Venedigs neuer Bürgermeister Luigi Brugnaro beim Feiern seines Wahlsieges. Foto: Andrea Merola (EPA, Keystone)

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Auf einer der suggestivsten Bühnen Italiens, im umspülten Venedig, spielt ein viel beachtetes politisches Stück. Manche sehen in der Wahl des neuen Bürgermeisters sogar das Symbol einer Zeitenwende. In der Hauptrolle tritt der 53-jährige Luigi Brugnaro auf, ein reicher Unternehmer, Betreiber einer Stellenvermittlung mit 600 Mitarbeitern, nebenbei Präsident und Besitzer des örtlichen Basketballvereins Reyer Venezia. Er redet nicht so hölzern, wie das Politiker tun. Manchmal kippt sein direkter Stil auch ins Vulgäre. Doch Etiketten scheinen Brugnaro nicht zu kümmern. Er sei «né di destra, né di sinistra», sagt er mantrahaft, weder rechts noch links. Wo er genau steht, weiss niemand. Gewonnen hat er trotzdem. Oder wohl gerade deshalb.

Brugnaro beendete die über dreissigjährige Vorherrschaft der Linken in Venedig fast im Alleingang – als Kandidat aus der Zivilgesellschaft mit einem selbst finanzierten Wahlkampf. Am Tag vor dem Urnengang schmiss er eine Grillparty für mehrere Hundert Personen. Seine Wahlliste, die eilig zusammengeschusterte «Lista Brugnaro», wurde über Nacht zur stärksten Formation: 18 von 36 Sitzen. Stärker als alle herkömmlichen Parteien.

Der Rest der Sitze geht an bürgerliche und rechtspopulistische Parteien, die Brugnaro in Ermangelung eines eigenen starken Bewerbers unterstützt hatten. Der neue Sindaco duldet sie bestenfalls, hält sich selber aber für deren Seniorpartner. Zu Recht. Forza Italia, die Partei von Silvio Berlusconi etwa, die sich gerne mit dem Sieg Brugnaros schmücken würde, brachte es lediglich auf 3 Prozent der Stimmen.

Lange will er nicht bleiben

Venedig ist nur ein Beispiel für den Trend zum alternativen, unkonventionellen Wählen, den man bei den jüngsten Kommunalwahlen im ganzen Land beobachten konnte. In Sizilien etwa gewann die Protestbewegung Movimento 5 Stelle alle fünf Stichwahlen, an denen sie teilgenommen hatte. In den meisten Fällen verlor der national regierende Partito Democratico (PD) von Matteo Renzi die Wahlen. Die Partei bezahlt wohl für einige unpopuläre Reformen des jungen Premiers und für die immer neuen Enthüllungen zu Mafia Capitale, dem düsteren Römer Syndikat, an dem auch linke Politiker beteiligt waren. Der Verdruss im Volk trifft das ganze Establishment, mittlerweile auch den sieggewohnten Renzi.

Der gesteht die Niederlagen denn auch ein. Doch ausgerechnet die schallendste von allen, jene unter der Seufzerbrücke von Venedig, scheint ihm recht zu geben: Der PD war dort mit Senator Felice Casson angetreten, einem berühmten ehemaligen Staatsanwalt, der dem Renzi-kritischen, radikallinken Flügel der Partei angehört. Brugnaro hingegen offenbarte sich als Sympathisant des linken Premiers, ganz pragmatisch: «Ich mag Renzi. Die Renzianer sollten sich über meine Wahl freuen.»

Da geraten viele alte Gewissheiten durcheinander. Lange will Brugnaro nicht bleiben. «Ich miste aus, bringe die Konten in Ordnung», sagt der «Tycoon der Lagune», wie ihn die Zeitung «La Repubblica» nennt. «Dann werde ich wieder Unternehmer und übergebe an Jüngere.» Man wähnt sich an Berlusconi erinnert, ehedem ebenfalls ein politischer Quereinsteiger mit viel Geld und einem Sportverein als Fördermaschine für seine Popularität. Das Neue und Unkonventionelle klingt zunächst immer mal recht verlockend.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2015, 17:20 Uhr

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