Tsipras ist vielleicht gar nicht so schlimm

Sie gelten als Hasardeure. Aber Alexis Tsipras und Giannis Varoufakis sind möglicherweise einfach Politiker, die das Krisenhandwerk verstehen.

Wie wird die Geschichte über sie urteilen? Alexis Tsipras (links) und Giannis Varoufakis. Foto: Orestis Panagiotou (Keystone)

Wie wird die Geschichte über sie urteilen? Alexis Tsipras (links) und Giannis Varoufakis. Foto: Orestis Panagiotou (Keystone)

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Ausser bei unverwüstlichen Kapitalismuskritikern auf der Linken gelten der griechische Premier Alexis Tsipras und sein Ex-Finanzminister Giannis Varoufakis in Europa heute als böse Buben. Man sieht in ihnen verantwortungslose Hasardeure ohne Anstand, die ihr Land und die EU an den Rand des Zusammenbruchs manövriert haben. Respektlose, populistische Kerle, die der EU-Regierungsriege auf der Nase herumgetanzt haben. Aber vielleicht kommt eines Tages doch noch der Moment, wo über die beiden etwas gnädiger geurteilt wird.

Abstimmung als notwendiger Umweg

Voraussetzung dafür ist, dass gelingt, was in den nächsten Wochen und Monaten durchaus noch passieren könnte: Die EU gewährt den Griechen mit neuen Krediten und der Erstreckung von Schulden faktisch einen Schuldenschnitt und damit einen Neuanfang. Im Gegenzug reformiert Tsipras endlich den Staat und die Steuern so, dass Griechenland wieder auf trag­fähigem Boden steht.

Das Verhalten von Tsipras und Varoufakis in den letzten Wochen erscheint dann in einem neuen Licht. Die von der EU als Provokation gescholtene Volksbefragung ist als nötiger Umweg rehabilitiert.

Alexis Tsipras wäre mit den ersten Sparvorschlägen der EU wahrscheinlich im Parlament gescheitert; wie es danach weitergegangen wäre, ist unklar. Mit dem klaren Referendums-Nein ist die Ausgangslage für eine Lösung tendenziell einfacher: Die EU muss Griechenland nun in irgendeiner Form Respekt zollen. Gleichzeitig aber stehen die Griechen selber verbindlicher in der Pflicht. Das könnte die Chance für eine Einigung eher erhöhen.

Wie überzeugt man die Mehrheit?

Tsipras und seine Vertrauensleute mögen weltfremde Postkommunisten sein, die der EU am liebsten den Kapitalismus austreiben möchten. Sie mögen linkem Nationalismus huldigen und von einer linkspopulistischen Volksbewegung nach lateinamerikanischem Vorbild träumen. Aber je nach Ausgang der Schuldenkrise ist auch eine andere Lesart möglich. Egal, was er in seinem ideologischen Rucksack mit sich herumträgt, Alexis Tsipras ist in erster Linie ein Politiker. Ein Politiker, der – wie Politiker anderswo auch – gewählt wurde, um für sein Land möglichst viel herauszuholen und mehrheitsfähige Lösungen zu finden. Je schwieriger die Zeiten, desto unkonventioneller die Methoden.

Vielleicht erleben wir gerade eine eindrück­liche Lehrstunde in politischem Krisenhandwerk.

Erstellt: 07.07.2015, 23:34 Uhr

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