Türkei, wer bist du?

Unsere Autorin blieb ihrem Heimatland nach dem gescheiterten Putsch zwei Jahre fern. Wo steht das Land heute?

Die moderne Türkei ist noch auf der Suche nach ihrer Identität: Eine Frau sitzt am Goldenen Horn in Istanbul.

Die moderne Türkei ist noch auf der Suche nach ihrer Identität: Eine Frau sitzt am Goldenen Horn in Istanbul. Bild: Keystone

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Hast du Kummer, steht dir eine Entscheidung bevor, sagte meine Grossmutter: Leg dich mit dem Wunsch schlafen, der Traum möge dir Antwort geben.

Meine Tante starb mit sechzehn an einer Gehirnblutung. Das Jahr darauf mein Grossvater an Leberzirrhose. Mein Onkel zog für das Studium nach Deutschland. Meine Eltern verkündeten, in die Schweiz auszuwandern. Meine Grossmutter verzweifelte. Dann träumte sie: Ihr Sohn, schwebend auf einer Schaukel über dem Bosporus. Der Mufti ihres Vertrauens deutete: Sein Leben zwischen zwei Ländern wird fliessen wie ein Bach. Lass ihn gehen, riet er, das Schicksal ist mächtiger als wir.

Die Türkei meiner Kindheit prägten Bräuche und Erzählungen wie diese; sie war ein Ort der Träume und Mythen. In der Jugend dann realisierte ich, dass sie auch Ort der Verzweiflung, des Verrats war. Erzählten meine Eltern etwa von Panzern vor der Haustüre 1980; vom Bombenanschlag rechter Extremisten, dem mein Vater vor einer Fähre entkam; von Prügeln, die der Grossvater erhielt, weil seine Söhne mit den Gewerkschaften marschierten. Debattierten meine Onkel und Tanten über dieses ungezogene Volk, die verlogenen Politiker, beschlich mich Unbehagen. Dass meine Türkei zwei Gesichter hat, lernte ich hinzunehmen, doch das Unbehagen bekam nach dem Putschversuch 2016 Oberhand.

Nach dem Putschversuch traute ich mich nicht mehr nach Istanbul, wurde paranoid.

Achtundzwanzig Monate. Für mich war es die längste Zeit, die ich der Türkei ferngeblieben bin. Im Juni 2016 sprengten sich, wenige Stunden nach meiner Ankunft, am Flughafen Atatürk in Istanbul drei Selbstmordattentäter in die Luft. Ich war in der Innenstadt, als das Fernsehen viele Tote und Verletzte meldete. Istanbul und seine Menschen wirkten gefasst. Ein paar Tage nach meiner Abreise rollten Panzer über die Bosporusbrücke. Mit dem Putschversuch im Juli 2016 begann in der Türkei eine neue Zeitrechnung.

Ausnahmezustand, Massenverhaftungen, Überwachung, Angst – diesen Wahnsinn wollte ich nicht erleben, doch wirkte er aus der Ferne. Ich traute mich nicht mehr nach Istanbul, wurde paranoid: Hatte ich Verfängliches geschrieben? In den sozialen Medien kommentiert? War ich an Veranstaltungen gewesen, die man mir zur Last legen könnte? Manchmal musste ich über mich selbst lachen: Wie wichtig du dich nimmst!, sagte ich mir, die Beklemmung aber blieb. Sie übertrug sich auf meine Familie. Meine Mutter bekam Herzrasen, als ihr einmal ein Grenzbeamter eine banale Frage stellte; meine Schwester sah sich im Verhör, als ihre Passkontrolle länger dauerte. «Hast du uns vergessen, wann kommst du her?», brüllte meine Grossmutter ins Telefon.

Im letzten Herbst zappte ich einmal durch türkische Sender. Ich verstand die Sprache, erkannte Orte, doch die Bilder wirkten fremd. Ich sah jubelnde, protestierende, klagende Menschen. Jeder wollte das Türkischsein für sich pachten. Türkischsein, fragte ich mich, was bedeutet das heute? Ich spürte: Zeit für ein Wiedersehen.

Die Republik

Ich bin nervös. Der Reisepass rutscht zwischen meinen feuchten Fingerkuppen. Dem Grenzbeamten am Flughafen in Istanbul schaut der Schalk aus den Augen, er knallt den Einreisestempel in den Pass, schiebt ihn durch den Spalt: «Willkommen in der Heimat.»

Herbst 2018, Türkeiflaggen und das Porträt des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk kleiden Häuserfassaden ein. Die Republik, die Atatürk am 29. Oktober 1923 ausrief, feiert ihren fünfundneunzigsten Geburtstag. Bei seinen Denkmälern liegen Kränze, es gibt Militärparaden, Konzerte, abends marschiert das Volk.

«Die Türkei ist so, wie du sie verlassen hast!», sagt meine Cousine. Ihre schwarzen Locken reichen bis zur Brust, sie ist schlank und hat dunkle Augen. «Gleich verrückt?», frage ich. «Wenn alles verrückt ist, ist nichts mehr verrückt. Wir sind Survivor geworden.»

«Wen interessiert dieses Gerede? Nicht einmal die Hälfte der Türkei.»Meine Cousine

Wir sitzen im Parteilokal der kemalistischen CHP im Quartier Moda, im asiatischen Stadtteil Kadiköy. Die Frauensektion hat zum Podium mit der Autorin Buket Uzuner geladen. Atatürk-Porträts hängen an den Wänden, in einem Büchergestell stehen Werke bedeutender Autoren wie Orhan Pamuk, Oguz Atay, Nâzim Hikmet. Die Stühle besetzen Frauen über fünfzig. Sie tragen Blusen zu hoch geschnittenen Hosen oder kniekurzen Röcken, lackierte Fingernägel, Parfümwolke, keine Frau mit Kopftuch. Uzuner spricht von Humanismus, Liberalismus, Empathie – auch bei verschleierten Frauen, sie spricht und spricht und spricht. Plötzlich das Rattern von Helikoptern: «Holen sie mich jetzt?», fragt sie.

Eine Dame aus dem Publikum: «Sie holen uns alle, weil wir nicht am Flughafen sind.» Gelächter. In diesen Stunden eröffnet der Präsident den neuen Flughafen «Istanbul». Plakate in den Strassen, signiert vom Staatspräsidenten, preisen ihn als «Ehrendenkmal des Sieges».

«Lass uns gehen», flüstert meine Cousine, die für ihre fünfundzwanzig belesen ist, gerne nachdenkt, bald ein Doktorat in Sprachwissenschaften beginnt. «Wen interessiert dieses Gerede? Nicht einmal die Hälfte der Türkei», sagt sie draussen. «Kein Wunder, sitzt da nur altes Eisen, die werden uns nicht retten! Mit dem Kemalismus erreicht man heute nicht mal zwanzig Prozent. Viele wählen die CHP, weil es keine oppositionelle Alternative gibt.»

Wir fahren zur Bagdat Caddesi, der Flaniermeile Kadiköys, wo der grosse Umzug stattfindet. Den 29. Oktober feiert meine Cousine als Brauch, sagt sie; sie versteht sich nicht als Kemalistin – was aber nicht bedeutet, dass sie den Staatsgründer nicht respektiert. Früher, in der Schule, begann und endete ihre Woche mit der Nationalhymne, im Chor gesungen, sie musste Parolen wie diese aufsagen: «Glücklich ein jeder, der sich Türke nennt.» – «Ich bin Türke, ich bin ehrlich, ich bin fleissig.» Auf der Bagdat Caddesi ragen Fackeln, farbige Lichter, Flaggen, rote Herzballone aus der Menge. Wohin ich auch blicke, sehe ich Atatürks ernste Miene: auf T-Shirts, roten Haarbändern, Flaggen. Den Umzug führen mehrere Wagen an, mit Atatürk-Aufklebern versehen und mit «Zum 95. Jahr, schön ist alles mit dir» beschriftet. Aus Boxen auf den Wagendächern dröhnen Hymnen. Sie erzählen von Kämpfen, Märtyrern, der Liebe zum Staatsgründer. Meine Cousine singt mit, aus vollem Herzen.

Die Entstehung der Republik ist ein Trauma, das die Türken bis heute nicht überwunden haben.

Mustafa Kemal Atatürk gilt als Retter der Türken, die Republik ist sein Werk. Geboren 1881 als Mustafa gibt ein Lehrer ihm den Beinamen Kemal, der Vollkommene. An der Militärakademie wächst er hinein in eine Elite, die nationalistisch ist, sich am Westen orientiert. Mustafa Kemal spricht Französisch, befasst sich mit den politischen Ideen des Westens, skizziert seine moderne Türkei. Nach dem Ersten Weltkrieg wollen die Siegermächte das Osmanische Reich auf einen schmalen Landstrich beschränken. Mustafa Kemal führt den bewaffneten Widerstand an, gründet ein Komitee zur Bildung einer Gegenregierung. Schliesslich legt der Vertrag von Lausanne 1923 die Grenzen der heutigen Türkei fest.

Mustafa Kemal ruft die Republik aus, formt einen laizistischen Staat. Er verbietet Derwischkonvente, schafft die islamische Regierungs-und Rechtsform ab, führt das Schweizer Zivilrecht ein. Frauen dürfen ab 1930 wählen, früher als in der Schweiz. Mustafa Kemal ersetzt die arabische Schrift durch das lateinische Alphabet, um die Bande zum Islam zu kappen, das Volk zu alphabetisieren. Männer müssen vom Fes zum Hut wechseln, die Frauen den Schleier ablegen. Die Türken trugen bis 1934 nur Vornamen und müssen nun einen Nachnamen annehmen. Mustafa Kemal reserviert für sich den Nachnamen Atatürk, Vater der Türken. Wer gegen die aufgezwungene Modernisierung aufbegehrt, wird eingesperrt.

Atatürk stirbt 1938 mit siebenundfünfzig Jahren. Noch heute heulen an seinem Todestag, dem 10. November, um 9.05 Uhr die Sirenen, das Land steht für eine Schweigeminute still.

Gilt als Retter der Türken: Eine Statue von Mustafa Kemal Atatürk im Gulhane-Park in Istanbul. Foto: Getty Images

Die Entstehung der Republik ist ein Trauma, das die Türken bis heute nicht überwunden haben. Atatürks ambitionierte Reformen waren ein grausamer Bruch mit der Vergangenheit. Er wollte die Bevormundung durch Religion abschaffen – eine Entwicklung, die in Westeuropa Generationen gedauert hatte –, nahm den Menschen so die kulturelle Identität. Das zwanghafte Streben nach Westen füllte diese Lücke nicht. Stattdessen suchten die Menschen sich mit ihrer Ethnie oder Religion zu identifizieren.

Beim muhtar, Stadtteilvorsteher, empfängt Atatürk mit einem Lächeln, sein Porträt ist das Erste, was man sieht. Keine Amtsstube ohne Atatürks Bild oder Büste. Der muhtar gähnt, 10.30 Uhr, «verdammt früh». Er setzt Tee auf. «Bitte!», sagt er, noch ehe sein Büro offen ist. Auf dem Schreibtisch stehen verwelkte Schnittblumen.

Ein muhtar ist die kleinste behördliche Instanz. Mit eigenem Siegel ist er autonom, stellt amtliche Papiere aus. Und er ist mehr. Der muhtar eines Stadtteils kennt seine Bewohner. Er weiss, wer etwas verdient, hungert, betrügt, welche Partei wählt. Er hört zu, vermittelt, hilft. Die Bewohner wählen ihren muhtar alle fünf Jahre. «Würde nach Gesinnung gewählt, hätte ich als Kemalist und Sozialdemokrat bei den Frommen hier keine Chance», sagt der muhtar. Er ist, mit einigen Assistenten, zuständig für die knapp 30'000 Bewohner des europäischen Stadtteils, wo er seit zweiundfünfzig Jahren lebt.

«Lieber hätten sie einen feudalen Kopf, schicken auch so einen ins Rennen, können mir dann doch nicht widerstehen, auch wenn ich abends gern trinke. Heute haben Sie mich gut erwischt, rasiert, mit neuem T-Shirt...»
Eine junge Frau beim Empfang, er eilt. «Wann hast du geheiratet, Mädchen? Erst die Bescheinigung, ohne die kann ich nichts ausstellen.»
Zurück im Büro: «Sie wählen mich, weil ich jedem zu helfen weiss.»

Bei der Liebe zum Vaterland treffen sich alle Gesinnungen.

Eine verschleierte Frau mit Baby steht in der Türe. Er: «Taschen? Lass mich sehen, leider aus! Kleiderspenden kriegen wir nächste Woche wieder.»
«Herr muhtar, hier leben Menschen aus allen Regionen der Türkei. Wer sind die Türken?»
«Ein Wandervolk aus Mittelasien. Meine Vorfahren etwa sind vom Balkan übergesiedelt. Alle, die hier leben, sind Türken oder, von mir aus, Bürger der Türkei. Sie müssen sich nicht als Türken fühlen. Wer sich mit den Werten des Kemalismus identifiziert, ist dabei. Ich bin oft in einem kurdischen Kaffeehaus, wir streiten nicht wie unsere Politiker. Aber einen anderen Staat in unserem Staat – da hört es auf! Keine Zugeständnisse bei unseren Grenzen, wir verteidigen sie bis aufs Blut, so wie unsere Ahnen.»

Bei der Liebe zum Vaterland treffen sich alle Gesinnungen. Der Türke ist Kind eines Volkes, das mit Kampfgeist ausgestattet ist.

«Wie frei fühlen Sie sich, Herr muhtar?»
«Freiheit ist hier launenhaft. Sie kann jedem plötzlich entzogen werden. Immer war das so. Wie frei ist Europa? Wir sind doch alle nur so frei, wie es die Mächtigen dieser Welt zulassen. Vielleicht sind wir Türken ein Sonderfall, schliesslich sind wir verrückt. Wir sind nicht gemacht für Demokratie. Jede unserer Regierungen versteht Demokratie als Schalten und Walten nach eigenem Willen. Deswegen ist aber nicht alles schlecht an unseren Regierungen. Unsere Militäroffensive in Syrien etwa unterstützte ich.»
«Als Sozialdemokrat?»
«Innenpolitik ist nicht Aussenpolitik. Wir Türken sind eine grosse Familie. In einer Familie ist man sich nicht immer einig, man streitet. Wir kritisieren einander, fluchen über diesen Unrechtsstaat, aber nach aussen stehen wir geschlossen. Und Kritik von Familien wie den USA oder der EU ertragen wir nicht. Ich habe mit meinem Bruder und Vater gebrochen. Letztens am Grab meiner Mutter begegnete ich zufällig meinem Vater …»

Ein Herr mit langem, grauem Bart steht in der Tür.
«Was denn jetzt …? Waaas? Nein, kann ich nicht!»
Zu mir: «Der fromme Typ kriegt nichts, ein Assozialer aus der Nachbarschaft! Auf dem Friedhof, meine Tochter war dabei, ignorierte ich meinen Vater. Später im Auto sagte ich zu ihr: ‹Hol deinen Grossvater, wir fahren ihn den Berg hoch bis zur Bushaltestelle.› Bei aller Wut: Vater bleibt Vater. Das ist wie mit der Türkei: Bei allem, was ich den gottlosen Frömmlern an den Hals wünsche – Heimat bleibt Heimat.»

Schon über die Art und Weise, wie man auf Türkisch Fremde anspricht, stellt man ein Gefühl der Familiarität her. Unbekannte Frauen spricht man mit abla an, grosse Schwester, Männer mit agabey, grosser Bruder; sobald man sich kennt, sagt man den Vornamen, dazu «mein». Ich trinke meinen çai, Schwarztee, aus.

Die neue Türkei

Mein Vater hat achtunddreissig Cousinen und Cousins. Mit Ergül und einer Handvoll hat er sporadisch Kontakt. Mit ihren Kindern hüpften wir im Sommer im Garten meiner Grossmutter herum. Später verlor ich den Kontakt, wir haben uns Jahre nicht gesehen. Ergül lebt mit ihrer Familie im Quartier Erenköy, im Stadtteil Kadiköy. Unweit der Wohnung liegt die Bagdat Caddesi, wo der Umzug am 29. Oktober stattfand.

Familie Süslü empfängt mich freudig im Salon, golden sind die Vasen, die Vorhänge und die Sofas. Alle stecken in Markenkleidern: Ergül (52) und ihr Mann Saban (58), ihre Töchter Hilal (29) mit Sohn (8 Monate) und Seval (17). Atalay (32), der älteste von drei Kindern, steht wieder einmal irgendwo im Stau, lässt mich Ergül wissen. Es gibt Limonade, wir plaudern über damals und heute.

«Spricht Europa etwa von einer Krise? Unser Präsident hat die Zügel in der Hand.»Saban, Mann meiner Cousine

«Unser Unternehmen läuft, nichts zu klagen», sagt Saban. «Ihr spürt die türkische Wirtschaftskrise nicht?» «Krise? Spricht Europa etwa von einer Krise? Unser Präsident hat die Zügel in der Hand.»

Der Präsident ist Sabans Kamerad aus der Jugend. Sie spielten Fussball in Istanbuls Armenviertel Kasimpasa, wo beide aufwuchsen. Saban zeigt alte Fotos. Ein sepiafarbenes Bild mit Burschen im Fussballtrikot, ich erkenne Saban und Recep Tayyip Erdogan. «Schon damals begeisterte er Gruppen. Bei den Jungen etwa war Beten out, mit ihm ging die Clique in die Moschee.»

«Wie ist er heute?» «Der Gleiche! Die Macht hat ihn nicht verdorben. Bei einem Grundstück, ein Erbe, kämpfe ich schon lange mit der Bürokratie. Mit meiner Geduld am Ende schrieb ich ihm, er antwortete am selben Tag. Nun kümmern sich seine Leute darum.» Zuletzt plauderten sie vor knapp zwei Jahren an der Feier eines gemeinsamen Freundes. «Ich klopfte ihm auf die Schulter, sanft schob sein Personenschutz meine Hand weg. Sie haben Angst um ihn. Er ist furchtlos, weil er an das ihm von Allah zugeteilte Schicksal glaubt.»

In der Türkei sind alle überzeugt, dass die Gülen-Bewegung hinter dem Putsch steckt.

Deshalb ist auch Saban furchtlos. Als in der Nacht des Putschversuchs Kampfjets über Istanbul flogen, folgte er dem Ruf des Präsidenten: «Auf die Strassen!» Saban stand auf der Bosporusbrücke vor Panzern, sie schossen aus der Luft. Er sah Leichen, zerfetzte Arme und Beine, Blutlachen. «Angst? Wir mussten unser Land verteidigen. Mögen die zweihundertfünfzig Märtyrer in Frieden ruhen.»

Für die Märtyrer liess der Präsident eine Gedenkstätte errichten. Am asiatischen Ufer der Bosporusbrücke, die neu «Brücke der Märtyrer vom 15. Juli» heisst. Im kleinen Park wächst für jeden Märtyrer ein Baum, jeder versehen mit einer Namenstafel.

Dreimal putschte das Militär in der Türkei: 1960, 1971, 1980. Als Hüter des kemalistischen Erbes hatten die Generäle einzugreifen, sahen sie den Laizismus bedroht. Der versuchte Putsch 2016 folgte nicht dieser Regel. Er ist nicht fertig aufgearbeitet, doch scheint er von der Gülen-Bewegung ausgegangen zu sein. In Europa versteht man das oft als Version der türkischen Regierung, in der Türkei aber ist man, unabhängig von der politischen Couleur, davon überzeugt. Regierungskritiker warnten zu Zeiten enger Allianz zwischen Gülen und Erdogan vor der Infiltrierung in Militär, Polizei und Justiz. Wie kein anderer Text in einem westlichen Medium, entwirrte Dexter Filkins die Machenschaft Gülens in «Turkey’s Thirty-Year Coup», erschienen in der renommierten Zeitschrift «The New Yorker».

Spaltet die türkische Gesellschaft: Präsident Recep Tayyip Erdogan, hier bei einer Rede vor Anhängern in Istanbul. Foto: Getty Images

«Wäre das Volk nicht mutig gewesen, sässen wir jetzt nicht da», sagt Atalay, der, eben heimgekommen, mitredet. «Wir Türken sind eisern. Das hat uns nicht erstarren lassen.»

Die Frauen rufen zur Tafel. Börek, meze, mit Reis gefüllte Weinblätter, Suppe, Festtagsreis, geschmortes Rind. «Meine Tugba, iss, soviel du kannst, du hast die Speisen bestimmt vermisst», sagt Ergül.

«Eisern – ist das für dich der Türke?», frage ich Atalay.«Ja, der Türke führt erhobenen Hauptes an, trägt stolz seine Fahne.» «Für dich, Seval?», frage ich die mit Jahrgang 2002 Jüngste am Tisch. «Weiss nicht», sagt sie verlegen, was nicht zu ihrem frechen Look passt: enge Jeans, bauchfreier Pulli. Als Einzige in der Familie trägt sie kein Kopftuch.

«Seval interessieren die Trends auf Instagram», wirft Atalay ein und fügt hinzu: «Wer sind wir für den Westen? Natürlich Hinterwäldler!» Die Fremde, der Westen – immer Thema. Früher kündigte man unsere Besuche an mit: «Die Europäer kommen!» Atalay fährt fort: «Mir fällt eine Folge von James Bond ein, glaube ‹Skyfall›, er rast in Istanbul über einen alten Basar, Moscheen, verhüllte Frauen im Bild. So klischiert, ätzend! Denken die wirklich, so lebt der Muslim von heute?!»

«Unsere Ahnen sagten: Der Türke hat keinen Freund ausser den Türken.»Saban, Mann meiner Cousine

Die Frauen kommen nicht zu Wort, servieren Speisen. Saban: «Die Angst vor den Türken sitzt tief im Westen: Weil das Osmanische Reich einst stark war, will man uns kleinhalten.» «Unsere Ahnen sagten: ‹Der Türke hat keinen Freund ausser den Türken›, so wahr! In den Nachrichten sehen wir, dass Europa ständig gegen uns schiesst», sagt Atalay.

Zuletzt servieren Hilal und ihre Mutter Ergül çai und Desserts: Baklava, Schokoladentorte, Zitronentarte. «Dieser Wohlstand, diese Freiheit – das ist nicht die Türkei meiner Jugend!», sagt Saban. Aus seiner Sicht ist jeder Türke wohlhabender denn je. Selbst wenn es die meisten derzeit zermürbt, dass der Einkauf auf dem Markt plötzlich mehr als das Doppelte kostet und viele verschuldet sind wie der Staat selbst. Das Verdienst eines einzigen Mannes, sein Name ist bekannt, bleibt unanfechtbar. Er hat Universitäten in abgelegenen Provinzen eröffnet. Er hat ein exzellentes Strassennetz und den weltgrössten Flughafen bauen lassen. Er hat eine staatliche Krankenversorgung etabliert. Er hat die Armen mit Brot und einer warmen Wohnstube versorgt. Er hat den Islam populär gemacht. Er, der stets mit der rechten Hand auf dem Herzen zu den Menschen spricht: «Alles für die Türkei. Alles für das Volk.»

«So frei war die Türkei nie. Jeder lebt, wie er will», sagt Saban.«Was ist mit den vielen Menschen in Haft?», frage ich. «Niemand sitzt unschuldig. Das sind Verräter, Terroristen», antwortet Saban. «Wie siehst du das, Tugba?» «Das will ich nicht beurteilen.» Ich fühle mich feige. Mit ihnen zu debattieren aber scheint mir müssig. Und ich schweige wohl auch, weil mich die Eltern, die nie auffallen wollten, lehrten: keine Diskussion bei ideologischen Gräben, lächeln, das Gesicht wahren.

Heute darf man mit Kopftuch studieren und im öffentlichen Dienst arbeiten.»Hilal, Tochter meiner Cousine

«Wir kennen andere Zeiten», sagt Saban. «Ich studierte, kurz bevor das Kopftuchverbot ausser Kraft war. Bei der Immatrikulation auf dem Sekretariat fauchte mich die Beamtin an: ‹Runter mit dem Tuch, du bist auf dem Amt!› Geächtet wurde ich wie alle verschleierten Frauen», erzählt Hilal. Eine Schmach, die tief sitzt. Sie, die älteste Tochter, hat dunkel geschminkte Augen, vor Vater und Ehemann trägt sie keine Tunika über den Hosen, ihr langes Haar, zum Dutt geknotet, ist unverhüllt. «Heute darf man mit Kopftuch studieren, im öffentlichen Dienst arbeiten.» Die Genugtuung darüber ist gross. Früher repräsentierten unverhüllte, westlich gekleidete Frauen die wohlhabende Türkin. Heute fahren bei schicken Lokalen auch Frauen mit Kopftuch in Karossen vor. «Die Kemalisten ertragen unseren Wohlstand nicht», sagt Hilal.

Saban ergänzt: «Sie schauen noch immer auf uns herab. Letztens sagte eine Kemalistin im Fernsehen: ‹Die werden nach ihren Freiheiten dürsten, sind wir an der Macht.› Wir sind in der Mehrzahl, und die drohen uns!»

Kurz vor Mitternacht bringt mich Atalay in mein Hotel zurück, über den Bosporus nach Europa. «Meine Tugba, es geht um die Zukunft der Türkei, nicht um Erdogan. Das Land soll wirtschaftlich stärker, wohlhabender, werden, mit Weltmächten auf Augenhöhe verhandeln. Wer uns dahin bringt, soll regieren.» Atalay hat die Idee der neuen Türkei, yeni Türkiye, verinnerlicht wie alle, die an Erdogan glauben, der den Begriff kreierte. Die neue Türkei soll zum hundertsten Geburtstag der Republik vollkommen sein. «Er sorgt für das Volk, hält seine Versprechen. Wir vertrauen ihm.»

Die andere Türkei

Istanbul ist ein Koloss mit gespreizten Beinen. Eines steht in Asien, das andere in Europa. Auf der europäischen Seite regiert Geld: In Bebek flaniert man in Markenkleidern; in den Erdgeschossen von Zeytinburnu schuften Tagelöhner; in der Altstadt bestaunen Touristen die Pracht osmanischer Bauten. Auf der asiatischen Seite hingegen träumt man, schaut bei Kanlica auf den Bosporus; kreischende Möwen, Freiheit. Das asiatische Istanbul, sagt meine Grossmutter, ist das wahre – nicht das von Fremden ruinierte.

Ruiniert hat die Stadt die Modernisierung des letzten Jahrzehnts, Wolkenkratzer und Baustellen bestimmen ihre Silhouette.

«Ich lernte im Bosporus schwimmen, so sauber war das Wasser damals, unverbaut die Ufer. Heute atmen wir schwer», sagt Mücella Yapici. Auch in ihrem Büro atmet man schwer. Sie raucht Kette, obwohl sie unseren ersten Termin wegen einer Angina absagte. Der Rauch vernebelt die Sicht aus dem Fenster auf die Stadt oder, in Yapicis Worten, «was von ihr noch übrig ist». Sie räuspert sich, gehört wird die Generalsekretärin der Istanbuler Architektenkammer sowieso, wenn sie das wahllose Bauen kritisiert. «Unter städtischer Transformation versteht man in der Türkei, eine taumelnde Wirtschaft anzukurbeln.»

Die Wirtschaftsreform von 1980 sollte die Türkei im internationalen Markt integrieren. Durch ein Programm des IWF stiegen kurzfristig Wachstum und Exporte an, doch endete es in ökonomischer Instabilität. «In den Nullerjahren sah man finanzielle Rettung in der Baubranche. Als die AKP ab 2002 mit einer Mehrheit regierte, konnte man die Entscheidungsmacht bei der Regierung zentralisieren», sagt Yapici.

«Die Regierung hat dafür gesorgt, dass es kein zweites Gezi geben wird.»Mücella Yapici, Generalsekretärin Istanbuler Architektenkammer

Der Bausektor liess unter der AKP Wachstumsraten in die Höhe schnellen, doch brachten die Neubauten laut Yapici nicht so viele Investoren wie erwartet. «Mit Megaprojekten wie der dritten Bosporusbrücke, dem neuen Flughafen wollte man Verluste kompensieren. Doch sie belasten das Budget zusätzlich. Konsortien finanzieren Megaprojekte, der Staat garantiert ihnen eine bestimmte Summe für Einnahmen. Erzielen sie diese nicht, zahlt die Staatskasse die Differenz.»

Über das Bauen wird auch der ideologische Machtkampf ausgetragen. Fast fünfzig Jahre forderten Fromme den Bau einer Moschee auf dem Taksimplatz, was diverse Institutionen blockierten. Heute steht der Rohbau samt Kuppeln. Das nach dem Staatsgründer benannte Kulturzentrum Atatürk Kültür Merkezi (AKM) gegenüber wurde abgerissen und wird neu errichtet. «Als das AKM beim Abriss in sich zerfiel, schien die Moschee gegenüber höher», sagt Mücella Yapici, «die Symbolik liess mich erschauern. Ich sah mein kulturelles Gedächtnis vernichtet, den Ort meiner ersten Opern; Ort des Widerstands, wo am 15. und 16. Juni [1970, bei den Arbeiterprotesten] und bei den Geziprotesten [2013] die Fassade mit Plakaten zugekleistert war. Diese Bilder werde ich nicht mehr abrufen können.»

Es war auch ein Bauvorhaben im Gezi-Park, das das Land 2013 zum Toben brachte. Der Verein Taksim Dayanismasi – dessen Sprecherin Yapici ist – stellte sich dagegen, daraus wurde eine Bewegung, die wochenlang protestierte. Es ging um mehr. «Gezi schuf Vertrauen in die Gesellschaft. Zeigte, dass Widerstand wirken kann. Diese Kraft alarmierte die Regierung», sagt Yapici. «Diese hat daraus gelernt, wir nicht. Wir haben den Gemeinschaftsgeist von Gezi nicht in die Politik getragen. Kemalisten, Religiöse oder Kurden hissen ihr eigenes Fähnchen. Die Regierung dagegen hat dafür gesorgt, dass es kein zweites Gezi geben wird.»

«Als Regierungsgegner schafft man es nicht einmal zum Strassenfeger.»Mein Onkel

Ein Geschäftshaus im europäischen Stadtteil Zeytinburnu, wo mein Onkel als Buchhalter ein Büro hat. Fünf Männer über fünfzig beim nachmittäglichen çai, maximaler Lärmpegel, alle reden durcheinander. Themen sind der gescheiterte Aufstand, Verrat, das Los der Türkei.

Pensionierter Beamter: Mädchen, Geschichten der Türkei erzählen? Wir sind am Ende, mehr nicht!
Textilhändler: Alter, wie sprichst du über uns, Landesverräter! Alle lachen.
Pensionierter Beamter: Die Wahrheit spreche ich, fremd im eigenen Land bin ich geworden. Ein Volk ohne Moral, wo ist unsere Menschlichkeit …
Hausmeister: … Ich schäme mich meiner Herkunft. Gehe lange nicht mehr zum Freitagsgebet, mag diese verlogenen AKP-Hunde nicht sehen!
Arbeitsloser zum Textilhändler: Wie läuft das Geschäft?
Textilhändler: Wie solls schon laufen? Bin gesund, auch geistig, das zählt!
Lokalpolitiker: … Der alte Nationalist wollte an der Beerdigung über die Partei sprechen, ich schimpfte: Hier sicher keine Scheisspolitik! Entschuldige die Sprache, Fräulein!
Pensionierter Beamter: Ich wähle nicht bei den Kommunalwahlen. Jeder will einen Posten, keiner macht Politik!
Textilhändler: Bruder, wer oder was hat dich so aufgebracht?
Arbeitsloser: Das Leben, was sonst!
Hausmeister: … Ein Gangster. Die neue Bosporusbrücke, der Flughafen, das Geld fliesst in seine Taschen. Wir ersticken, Wolkenkratzer überall!
Pensionierter Beamter: … Hoffnung? Schwachsinn! Wir verdrängen unsere Verzweiflung.

«Wie eine Selbsthilfegruppe», sagt mein Onkel, als wir allein sind. Der jüngste Bruder meiner Mutter ist dreiundfünfzig, knapp zwei Meter gross, ein zurückhaltender Mensch mit sehr blauen Augen. «Sie trauern um verwehrte Chancen. Ich nähre meinen Frust nicht, die Türkei hat zu viele Leiden: Armut, Unrechtsstaat, Arbeitslosigkeit – als Regierungsgegner schafft man es nicht einmal zum Strassenfeger.»

Zwei Welten: Die Bosporusbrücke verbindet den asiatischen und den europäischen Teil Istanbuls. Foto: Getty Images

Ein paar Tage später treffe ich meinen Onkel in einem Vereinslokal, ein Altbau mit hohen Decken, ein paar Gassen hinter der Einkaufsstrasse Istiklal. Der Verein «Bir Umut», eine Hoffnung, trifft sich monatlich zur Mahnwache gegen tödliche Arbeitsunfälle. Angehörige, Juristen, Aktivisten fordern seit Jahren mit der Parole «Keine Unfälle, sondern Morde!» sichere Arbeitsbedingungen. Letztes Jahr starben in der Türkei knapp zweitausend Menschen bei der Arbeit. Meinen Onkel halten die Aufgaben für den Verein am Leben. Eine Starkstromleitung tötete meinen Cousin in der Lehre zum Elektriker. Nach sechzig Mahnwachen glaubt mein Onkel noch immer, die Gerechtigkeit werde siegen.

«Vielleicht können wir heute nicht wie üblich vor dem Galatasaray-Gymnasium an der Istiklal stehen, die letzten drei Male wurden wir daran gehindert», sagt er. Circa dreissig Minuten später verlassen wir mit der Gruppe den Altbau. Vor der Türe stehen sechs Polizisten in Zivil, Funkgeräte am Hosenbund. «Heute keine Mahnwache an der Istiklal, zur Wahrung der öffentlichen Sicherheit. Hier vor dem Vereinslokal dürft ihr», sagt einer. Ein Mitglied des Vereins hat als Einverständnis ein Dokument zu unterschreiben.

Mein Onkel zum Polizisten: «Wir müssen aber die anderen Teilnehmer an der Istiklal abholen.» «Na gut, aber nicht in der Gruppe! Gibt Probleme.» Wir teilen uns auf, Polizisten begleiten uns. Vor dem Galatasaray-Gymnasium, wo die Mahnwache stattfinden sollte, stehen drei Polizeibusse, ein Wasserwerfer, Polizisten in Montur. «So weit alles normal», flüstert mein Onkel. «Dieses Aufgebot gegen Wehklagen?», frage ich. «Das hier ist die Türkei!»

«Gesetze werden umgangen, neue kreiert, nach dem Zufallsprinzip angewandt.»Berrin Demir, Anwältin

Wie ich diesen Satz vermisst hatte! Er macht Momente wie diese erträglich. Mit einem ergebenen Lächeln oder einem Augenzwinkern versucht man, mit diesem inhaltsleeren Satz alle Begebenheiten in diesem Land zu erklären. Er kann Erstaunen ausdrücken, zugleich beschwichtigen, dass man sich über nichts mehr wundern muss. Wenn etwa Wahlen ein Jahr früher als angekündigt stattfinden; Tausende Menschen aus dem Dienst entlassen werden; eine Hochzeit die Strasse blockiert, weil der Bräutigam mit Freunden, mit Tanz, Trommeln und Klarinette seine Braut abholt – das hier ist die Türkei!

Vor dem Vereinslokal formieren sich rund dreissig Menschen im Halbkreis, halten Bilder Verstorbener hoch. Gegenüber zwölf Polizisten, sie filmen, fotografieren, funken. Nach zwanzig Minuten schliesst einer mit: «Fürchtet euch nicht vor uns, sondern vor schweigenden Gesellschaften.» Der Halbkreis löst sich auf, die Polizisten schlendern davon. Ihr Chef ruft meinem Onkel zu: «Viel Leichtigkeit Ihnen!», er lächelt, legt die Rechte aufs Herz und zwinkert; als wäre man sich über den Irrsinn dieses Spiels einig.

«Polizisten sagten mir schon, wie unsinnig sie die Massnahmen finden – auch juristisch sind sie nicht schlüssig», sagt Anwältin Berrin Demir, die auf Arbeitsunfälle spezialisiert ist. Für «Bir Umut» ist sie ehrenamtlich tätig. Ihre juristische Mission steht zuvorderst: die Menschen über ihre Rechte unterrichten, sie ermutigen, diese zu verteidigen. Besonders regierungstreuen Menschen will sie klarmachen, dass für Rechte einzustehen kein Verrat am Vaterland ist. «Die Mission lässt sich schwer erfüllen. Gesetze werden umgangen, neue kreiert, nach dem Zufallsprinzip angewandt. Pfefferspray, Schlagstöcke im Gerichtssaal, weil man Juristen von Verhandlungen ausschliessen will», sagt sie. «Wäre es nur die Gewalt. Richter und Staatsanwälte sind nicht kompetent. Nach der Entlassungswelle wurden unerfahrene Leute im Eilverfahren ‹eingearbeitet›.»

Trotz der ideologischen Gräben spüre ich im Kleinen Verbundenheit.

Als junge Juristin sagte sich Berrin: Bin ich über fünfzig und die Türkei noch kein reifer Rechtsstaat, wandere ich aus. «Jetzt bin ich fünfundfünfzig, wir stecken in einem dunklen Tunnel, ich will nicht resignieren. Ich will im Kleinen etwas verändern!»

Der Schlaf kommt in dieser Nacht nicht, meine Gedanken kreisen. In diesem Land existieren so viele Wahrheiten wie Lügen. Realitäten klaffen auseinander. Leben diese Menschen im gleichen Land? Trotz der ideologischen Gräben spüre ich im Kleinen Verbundenheit: wenn eine Frau den Busfahrer fragt, wo sie umsteigen muss, und am Ende der halbe Bus die Route plant; wenn in einer Teestube am Bosporus Rentner, Strassenfeger, verhüllte, unverhüllte Frauen über das Schicksal des Landes sinnieren; wenn ich mithöre, wie sich die Angler von Karaköy absprechen, wer den streunenden Kater mit der verletzten Pfote zum Tierarzt bringt.

Beklemmung beschleicht mich, erlebe ich, dass diese Verbundenheit im Grossen nicht funktioniert. Dass Menschen wie etwa die Familie Süslü uneingeschränkt nach ihrer Ideologie leben können, bedingt, dass Andersdenkende eingeschränkt werden. Für dieses Tauziehen wird gerne der Islam verantwortlich gemacht, die Türkei werde heute re-islamisiert, heisst es oft. Ist nicht der fehlende Pluralismus in der Gesellschaft Ursache der Polarisierung? In der Türkei taumelt die Wirtschaft wie auch in vielen westlichen Ländern, die ungleiche Einkommensverteilung wächst. Steckt dieses Land nicht viel eher in einem Klassenkampf als in einer Phase der Re-Islamisierung? Von Taxifahrern, Kellnern oder Händlern höre ich Sätze wie: «Wir leben, um zu überleben.» – «Für ein Brot schuften wir.» – «Erst das Fressen, dann die Moral.» Das Menschenrechtszeugnis 2018 kümmert da nur noch wenige: anhaltende Verhaftungen, massenweise Entlassungen im öffentlichen Dienst, höchste Rate der Arbeitsunfälle in Europa, kategorisiert als unfreies Land, 440 Frauenmorde in einem Jahr.

Der Vielvölkerstaat

Mehmet Deniz würde nicht in Istanbul leben, gäbe es in seiner Heimat Fabriken. Die Stadt ist ihm zu laut, zu gross. Bei Midyat unweit der syrischen Grenze ist die Luft sauber. Zwei-, dreimal im Jahr fährt er mit seiner Frau und den drei Kindern knapp 1600 Kilometer dorthin. Verwandte besuchen, seine Sehnsucht stillen. In die Grossstadt kam Mehmet vor acht Jahren. Nach dem Physikstudium im zentralanatolischen Sivas wollte er an Privatschulen in Istanbul unterrichten. Doch fehlten ihm Beziehungen. Verwandte schleusten ihn in eine Firma für Meinungsumfragen. Mehmet ging zwei Jahre mit Fragebögen von Haus zu Haus: Was fehlt in Ihrem Quartier? Sind Sie zufrieden mit den Strassen? Den Schulen? Den Spitälern? Es war nicht zu erkennen, von wem die Fragen stammen, doch Mehmet ahnte es. Die Nachtschichten zehrten an ihm. Er sagte sich: Werde Chef. Aber wie? Ihm blieb das Nähen, das Handwerk seiner Familie. In Zeytinburnu, Heimat der Textilindustrie, richtete Mehmet vor sechs Jahren eine Näherei ein. Heute sitzen hier vierzehn junge Männer und Frauen hinter den Overlocks, nähen Pullover für Discounter zusammen. Neonröhren blinken an der Decke, in den Ecken Stoffberge, der Boden übersät mit Stofffetzen. Aus den Boxen dröhnt Musik, das Rattern der Overlocks übertönt sie. Ich schnappe «Kurdistan», «Öcalan» auf.

Mehmet sitzt den ganzen Tag in seinem verglasten Kabuff an einem Tisch, beobachtet die Näherinnen und Näher, raucht, streicht durch seinen dunklen Vollbart, trinkt çai. Hinter dem Chefsessel an der Wand hängen gerahmt goldene Koransuren. Mehmet heisst eigentlich nicht Mehmet. Die Behörden nannten ihn so, weil sie seinen kurdischen Namen kompliziert fanden. Er wünscht sich seinen Namen zurück, Schulunterricht, Radio und Zeitungen, Strassenschilder in kurdischer Sprache. «Millionen Menschen aus Syrien hat der türkische Staat solche Dinge in Arabisch zugestanden. Ich neide nicht, fühle mich aber als Bürger dieses Landes ausgegrenzt.» Mehmet bezeichnet sich als Kurden mit türkischer Staatsbürgerschaft. Er sieht sich nur deshalb nicht als Türken, weil Türkischsein für ihn Nationalismus voraussetzt. Damit kann er sich nicht identifizieren, mit den übrigen Werten Atatürks schon. «Nationalismus wirkt wie das dritte newtonsche Gesetz – Kraft gleich Gegenkraft, das sehe ich seit meiner Jugend. Heute, mit achtunddreissig, weiss ich: Erfahre ich türkischen Nationalismus, wächst ungewollt mein kurdischer Nationalismus.»

Vor fünf Jahren blühte Mehmets Hoffnung auf Frieden. Verhandlungen schritten voran, in seiner Heimat hob man militärische Sperrzonen auf. Er überlegte zurückzukehren, in der Region die Textilindustrie zu stärken. Die Ruhe zwischen der türkischen Armee und der Arbeiterpartei PKK währte nicht lange. Die in der Türkei und von anderen Staaten als Terrororganisation kategorisierte PKK ist für Mehmet Anker der kurdischen Gemeinschaft, weil «sie uns zusammenhält, für unsere Forderungen einsteht». Abdullah Öcalan, Kopf der Organisation, seit zwanzig Jahren inhaftiert, gibt ihm wie vielen Kurden Mut zu seiner Identität. «Nach einem unabhängigen Kurdistan sehne ich mich nicht. Von einem Staat können wir keinen Staat fordern, unsere Kultur frei zu leben – das schon.»

Freiheit steht in der Türkei dem Menschen nur nach Gesinnung zu.

Vom Eingang der Näherei winkt Mehmets dreijähriger Sohn. Mit der Mutter und der vierjährigen Schwester kommt er herein. Mehmets Frau, Hairie (35), stellt sich mir vor, mit einer Umarmung, einem Kuss auf jede Wange. Mehmet eilt zu einem Mitarbeiter. Hairie packt ein Stück violett glitzernden Stoff aus, aus dem sie ihrer Tochter für die Hochzeit ihrer Cousine ein Kleid nähen will.

«Sind Sie Schneiderin?», frage ich. «Nein, ich nähe, weil Festkleider teuer sind. Aber ich arbeite neuerdings! Kaufe online Kosmetikprodukte und verkaufe sie an Freundinnen. Mehmet war erst dagegen – ich solle mich auf den Haushalt und die Kinder konzentrieren.» Hairie lacht, legt die Hände vors Gesicht, zupft am Kopftuch. «Immer fernsehen, kochen, putzen – so langweilig! Ich jammerte, bis er einwilligte.» Sie geht an ihre Nähmaschine.

Mehmet, zurück im Gespräch, sagt: «Ich bin nicht stolz, Kurde zu sein. Ich wollte aber auch nicht Türke oder Araber sein. Mit diesen Identitäten bleiben einem komfortables Leben und Freiheit verwehrt. Deshalb wäre ich gern in Europa geboren.» Was nützen neue Strassen, Schulen, Moscheen, fragt er, wo Bildung, Justiz, Wirtschaft nicht funktionieren? Als Jugendlicher kämpfte Mehmet für Fortschritt und Gleichberechtigung. Er marschierte gegen das Kopftuchverbot in öffentlichen Einrichtungen, bekam Prügel ab. Den Traum von einem freien Land hat er vertagt, er erkannte: Freiheit steht in der Türkei dem Menschen nur nach Gesinnung zu. «Wahre Freiheit muss wie Liebe sein. Kostet man davon, will man sie nicht mehr hergeben. Der Türkei war sie nie vergönnt, unter keiner Regierung – das sage ich nicht als Kurde. Hätten wir je Freiheit gekostet, würden wir sie nicht auf Kosten anderer einfordern. Kraft gleich Gegenkraft.»

Eine Migrationsgeschichte hat praktisch jede Familie in Istanbul.

Ich schlendere durch Zeytinburnu. Kinder rennen auf den Trottoirs umher, Musik dröhnt aus Autos. Ich komme an Lokalen, Kleider-und Lebensmittelläden vorbei, die nach Ortschaften in der Türkei benannt sind. Meist eröffnet von Zugewanderten der Schwarzmeerküste, aus Zentral-oder Ostanatolien. In der Einsamkeit der Grossstadt leben sie in Sehnsucht nach der Heimat und ihren Bräuchen. Schätzungsweise ein Viertel der knapp 80 Millionen Türkinnen und Türken lebt in Istanbul; siebzehn, achtzehn, neunzehn Millionen, genau weiss es keiner. In Istanbul, sagt man, verschmelzen die 81 Provinzen der Türkei.

Eine Migrationsgeschichte hat praktisch jede Familie. Etwa meine Grosseltern väterlicherseits übersiedelten von Trabzon an der Schwarzmeerküste. Vermutlich reichen ihre Wurzeln zu den Pontos-Griechen, die in dieser Region lebten. Meine anderen Grosseltern wanderten aus dem heutigen Mazedonien aus, wohin man sie zu Zeiten des Osmanischen Reichs zwangsumgesiedelt hatte. Bei neuen Bekanntschaften ist daher eine der ersten Fragen: Nerelisin? Woher kommst du? So schafft man Nähe, ordnet sein Gegenüber nach Region ein.

«Wer ist der Türke, die Türkin?» Sehr viele meiner Gesprächspartner schnaubten bei der Frage und antworteten mit «schwierig» oder «kompliziert». Den Türken, die Türkin, sagte ein Freund, gibt es nicht, wir selbst verstehen unsere Identität nicht. Diese Verwirrtheit ist jeder türkischen Identität eigen. Sie stiftet wohl auch meine Zerrissenheit zwischen Unbehagen und Heiterkeit, zwischen Traum und Realität. Die Kluft scheint die einzige Konstante in diesem verrückten Land. Als ich in diesen Tagen zwischen Asien und Europa pendle, denke ich oft an diese Zeilen des Dichters Turgut Uyar:

Von Ost nach West,
herbstlich gestimmt,
wild und melancholisch

So das Türkischsein.

Erstellt: 30.04.2019, 21:14 Uhr

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