Überschuldeter Rentner nimmt sich das Leben – Krawalle in Athen

In seinem Abschiedsbrief hatte der 77-Jährige die Politik und die wirtschaftliche Lage Griechenlands für den Selbstmord verantwortlich gemacht. Tausende Menschen gingen daraufhin in Athen auf die Strassen.

«Vom Staat verübter Mord»: Auf dem Syntagma-Platz in Athen kommt es nach dem Suizid zu Ausschreitungen. (4. April 2012)

«Vom Staat verübter Mord»: Auf dem Syntagma-Platz in Athen kommt es nach dem Suizid zu Ausschreitungen. (4. April 2012) Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der offenbar durch die griechische Schuldenkrise ausgelöste Selbstmord eines Rentners hat in der Nacht auf heute in der Athener Innenstadt zu Ausschreitungen geführt. Die Polizei feuerte mit Tränengas und Blendgranaten auf die Demonstranten, die mit Steinen und Molotowcocktails auf die Beamten warfen. Berichte von Festnahmen oder Verletzten gab es zunächst nicht.

Die anfänglich friedliche Demonstration war eine Reaktion auf den Selbstmord eines 77-jährigen pensionierten Apothekers, der seine Tat mit der Schuldenkrise begründet hatte. In einem Abschiedsbrief hatte er griechischen Medienberichten zufolge geschrieben, dass die Regierung es ihm unmöglich mache, von seiner Rente zu leben, nachdem er 35 Jahre für sie eingezahlt habe.

Weitere Proteste geplant

Der Mann hatte eine Pistole gezogen und sich während des morgendlichen Berufsverkehrs nahe eines U-Bahn-Ausgangs auf dem zentralen Syntagma-Platz in Athen in den Kopf geschossen.

Die Verzweiflungstat sorgte in der griechischen Öffentlichkeit für Empörung und heftiger Kritik an der Regierung. An einem Baum am Ort des Selbstmords waren am Mittwochabend Dutzende Nachrichten aufgehängt worden, auf denen unter anderem «Es war Mord, kein Selbstmord» und «Sparmassnahmen töten» zu lesen war. Auch die rund 1500 Demonstranten, die sich am Abend zu der Kundgebung ausserhalb des Parlaments versammelt hatten, warfen in ihren Sprechchören der Regierung vor, für die Tat des Rentners verantwortlich zu sein. Für heute waren weitere Proteste geplant.

40 Prozent mehr Selbstmorde

Ministerpräsident Lukas Papademos drückte in einer am Mittwochabend veröffentlichten Erklärung sein Bedauern über den Tod des Mannes aus. In den schweren Zeiten müssten Regierung und Bürger all jenen helfen, die verzweifelt seien, sagte Papademos. Regierungssprecher Pantelis Kapsis bezeichnete den Selbstmord als «menschliche Tragödie», die aber nicht Teil einer politischen Debatte werden sollte. Wegen der schweren Wirtschaftskrise sind Selbstmorde in den vergangenen beiden Jahren in Griechenland um 40 Prozent angestiegen. (fko/sda/DAPD)

Erstellt: 05.04.2012, 06:25 Uhr

Nach dem Suizid eines überschuldeten Rentners ist es in der griechischen Hauptstadt zu Protesten und Krawallen gekommen. (Video: Reuters)

Artikel zum Thema

Die Schweiz lässt Griechenland warten

Rund 200 Milliarden Euro horten griechische Steuersünder auf Schweizer Banken. Das soll sich ändern, und zwar schnell. Der Krisenstaat drängt auf den Abschluss eines Steuerabkommens – und macht Eingeständnisse. Mehr...

«Griechenland hat eine besonders hohe Zunahmerate an Selbstmorden»

In den EU-Ländern ist die Suizidrate deutlich angestiegen. Besonders gravierend ist der Trend bei den Ländern, die besonders von der Schuldenkrise betroffen sind. Mehr...

Troika sorgt sich um Griechenland

Troika-Chef Matthias Mors äussert zwar Zuversicht über die Entwicklung Griechenlands. Er hält aber auch zu weiteren «schmerzhaften Massnahmen» an. Mehr...

Paid Post

Ein Fehltritt mit Folgen

Eine kleine Unaufmerksamkeit, ein bisschen Pech – ein Unfall ist schnell passiert. Zum Glück hat die Suva die Kosten im Griff.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Im Wiederaufbau: Das Sonnenlicht am frühen Morgen scheint auf die Kathedrale Notre-Dame in Paris. (16. September 2019)
(Bild: Ian Langsdon) Mehr...