Und alle warten auf den Rücktritt von Theresa May

Entgegen allen Erwartungen ist die Premierministerin noch nicht zurückgetreten. Ist es Trotz oder gar ein bisschen Wahnsinn?

Premierministerin May soll von den Tories eine Gnadenfrist erhalten haben. Foto: Peter Nicholls (Reuters)

Premierministerin May soll von den Tories eine Gnadenfrist erhalten haben. Foto: Peter Nicholls (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn man es nicht, zum Glück, besser wüsste, hätte man am Donnerstag glauben können, ein Krieg sei ausgebrochen – in der Londoner Innenstadt. Die Premierministerin habe sich in ihren Bunker zurückgezogen, schrieben die Zeitungen, sie habe sich verbarrikadiert, ihr Sofa vor die Tür geschoben, die Kommunikation gekappt. Tatsächlich ging es aber nur darum, dass Theresa May niemanden hereinlassen wollte in Number 10. ­Niemand sollte ihr die schlechte Nachricht überbringen können, dass sie besser heute als morgen ihre Koffer packt.

«Tearesa», dichtete die «Sun», in Anspielung auf Fotos, die May mit Tränen in den Augen auf der Rückfahrt vom Unterhaus, wo sie am Mittwoch wieder einmal auf verlorenem Posten gekämpft hatte, in ihren Dienstsitz zeigten. May hatte sich dort später offenbar so eingemauert, dass sie engste Mitarbeiter nicht einmal über einen Anruf informierte, den sie dann am Abend gegen 22 Uhr bekam. Darin erklärte ihr Parlamentsministerin Andrea Leadsom, sie werfe hin; sie könne Mays Politik nicht länger mittragen – und schon gar nicht könne sie am Donnerstag im ­Parlament die Abstimmung über das EU-Austrittsgesetz ankündigen, dessen Inhalt sie ablehne.

Es ist unerklärlich

Darin soll der Weg zu einem zweiten Referendum über den Brexit enthalten sein; das könne sie nicht vertreten, so Leadsom. Sie ist das sage und schreibe 36. Kabinettsmitglied, inklusive aller Staatssekretäre und Juniorminister, das der amtierenden Premierministerin den Rücken kehrt.

May hörte sich das alles an, das Telefonat sei sehr freundlich gewesen, heisst es, und erzählte es niemandem. Vielleicht glaubte sie, die schlechte Nachricht sei weniger wahr, wenn sie diese verschweige? Ihre Mitarbeiter ­erfuhren von dem Rücktritt der wichtigen Ministerin aus den Nachrichten. May sei, sagen mittlerweile selbst Menschen, die lange mit ihr sympathisierten, in einem Geisteszustand, den sich niemand mehr erklären könne. Realitätsverweigerung, Trotz, Wahnsinn?

Sie muss gehen, das ist die Nachrichtenlage: heute und sofort. Aber May schiebt das Heute auf morgen und das Morgen auf übermorgen. Sie halte, heisst es, daran fest, ihren Austrittsdeal, der auch beim vierten Mal keine Chance auf Zustimmung hat, ­Anfang Juni dem Parlament vorzulegen. Und sie wolle unbedingt noch als Premierministerin den amerikanischen Präsidenten bei seinem Staatsbesuch begrüssen. Der beginnt am 3. Juni.

Zumindest auf dem Papier wirkt diese Regierung so, als existiere sie schon gar nicht mehr.

Unklar ist, wie May überhaupt mit dem Withdrawal Agreement Bill, kurz WAB, dem Gesetz über den EU-Austritt, umgehen will, das von einer Mehrheit im Unterhaus abgelehnt wird. Eigentlich sollte das Gesetz an diesem Freitag veröffentlicht und am 7. Juni im Unterhaus debattiert werden. Aber der Plan wurde, weil alles im Fluss ist, von Downing Street wieder ad acta gelegt. Nun soll die Veröffentlichung erst nach den Pfingstferien stattfinden, und für den 7. Juni ist – zumindest derzeit – gar keine Parlamentssitzung geplant.

Zumindest auf dem Papier wirkt diese Regierung so, als existiere sie schon gar nicht mehr. Gut möglich, sagen Insider, dass in den kommenden ­Tagen weitere Minister dem Beispiel von Leadsom folgen und hinwerfen. Ein derartiges Planspiel hatte unlängst Conser­vative Home, das Organ der West­minster-Tories, durchdekliniert: Wenn May weiterhin nicht gehe, müsse eben das ganze Kabinett gehen.

Sie klammert sich an ein Amt ohne Macht

Die vergangenen Tage in Westminster überstiegen, was den Grad der Hysterie angeht, so ziemlich alles, was man zuletzt aus dem Regierungsbezirk kannte. Die britischen Parlamentskorrespondenten, die von Downing Street und der Tory-Partei regelmässig gebrieft werden und ­Zugang zu den Hinterzimmern des Westminster-Palasts haben, überschlugen sich mit Twitter-Meldungen und Ansagen, nach denen es nun jede Minute ­passieren könne. May werde hin­werfen, sie müsse hinwerfen, der Druck sei einfach zu gross. Sie warf nicht hin.

Eine Reihe von Ministern bat darum, vorgelassen zu werden, um ihr ins Gewissen zu reden. May dürfe sich nicht mehr an ihr Amt ohne Macht klammern, wollten sie sagen, um die geordnete und vor allem schnelle Kür ihres Nachfolgers oder ihrer Nachfolgerin zu ermöglichen; sie könne allenfalls als interimis­tische Regierungschefin die Geschäfte führen, bis ein neuer ­Parteichef und Premier in sechs bis acht Wochen gefunden sei. Aber: May liess ausrichten, sie sei nicht zu sprechen. Das sei nicht das letzte Wort, twitterte BBC-Korrespondentin Laura Kuenssberg, in der Nacht zum Donnerstag könne noch einiges geschehen. «Stay tuned.»

Toxische Auftritte

Das halbe Land wartete. Und May ging, vermutlich, schlafen. Sie wolle, hatte sie gesagt, am ­Donnerstag noch Europa-Wahlkampf machen. Grossbritannien wählte seine Abgeordneten am Donnerstag. Wenn man weiss, was für eine schlechte Wahlkämpferin May ist, als wie toxisch ihre Auftritte vor Bürgern mittlerweile gelten und wie ­verhasst diese Wahlen im ganzen Land sind, dann musste man sich schon wieder wundern. Was reitet diese Frau? Bei den Tories schüttelte man den Kopf. Die Partei erwartet zum Wahlausgang den grössten Absturz ihrer Geschichte. Da sich May an ihr Amt klammere, hiess es, werde wohl auch sie es sein, die am Montag die miserablen Zahlen erklären müsse. Andere als sie hätten sich das vielleicht gern erspart.

Am Mittwochnachmittag hatte es auch ein Treffen des 1922er-Komitees gegeben, in dem die Tory-Hinterbänkler organisiert sind. Sie wollten May ebenfalls sofort den Stuhl vor die Tür ­setzen, einigten sich dann aber auf ein anderes Prozedere. Dem Vernehmen nach warfen alle ­Anwesenden einen Stimmzettel in einen Briefumschlag, in dem sie festlegten, ob die Parteistatuten dahin gehend geändert werden sollen, dass sich May zum zweiten Mal innerhalb von zwölf Monaten einem Misstrauensvotum stellen muss.

May soll eine Gnadenfrist bekommen haben. Wenn sie bis zu diesem Freitag freiwillig geht, wird der Briefumschlag nicht geöffnet. Wenn sie nicht geht, wird ausgezählt; die Tories gehen ­davon aus, dass eine Mehrheit für das Misstrauensvotum zustande gekommen ist.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 23.05.2019, 20:23 Uhr

Artikel zum Thema

Mays Deal war tot, ist tot und bleibt tot

Kommentar Der letzte Versuch der britischen Premierministerin, ihren Brexit-Deal durchs Parlament zu bringen, ist chancenlos. Sie muss abtreten. Mehr...

Tritt Theresa May am Freitag zurück?

Die Europawahl könnte zu einem Schicksalstag für die Premierministerin werden. Pläne für ihren Abgang werden konkreter. Mehr...

«One last chance»: May offen für neue Volksabstimmung

Die britische Premierministerin will im Parlament den Brexit-Vertrag retten und stellt sogar ein zweites Referendum in Aussicht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Blogs

Sweet Home Oh, Olive!
Tingler Der Zauber der Deduktion
Geldblog Bell leidet wegen Schweinepest

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Schlamm drüber: Ein Goalie versucht einen Penalty beim Schlamm-Faustballturnier in Pogy, das 60 Kilometer hinter St. Petersburg liegt, zu halten (22. Juni 2019).
(Bild: Dmitri Lovetsky) Mehr...