Unheiliges Schweigen

Johannes Paul II. taugt nicht zum Heiligen, weil er die Missbrauchsfälle in der Kirche vertuschte.

Seliggesprochen: Der polnische Papst segnete Legionäre-Christi-Gründer Marcial Maciel trotz schwerer Missbrauchsvorwürfe. Foto: Keystone

Seliggesprochen: Der polnische Papst segnete Legionäre-Christi-Gründer Marcial Maciel trotz schwerer Missbrauchsvorwürfe. Foto: Keystone

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10. Oktober 2002: Im Palais des Nations in Genf erhebt eine Gruppe mexikanischer Männer schwere Vorwürfe gegen Johannes Paul II. Der Papst verweigere ihnen das Gehör. Schon 1983 hatten die Männer ihn ausführlich darüber informiert, dass sie als Knaben im Seminar Massimo in Rom vom Leiter Marcial Maciel zu kollektiver Masturbation und Penetration gezwungen worden seien. Der Chef der Legionäre Christi habe Hunderte von Knaben missbraucht. 1998 reichte die Opfergruppe formell Anklage bei der Glaubenskongregation ein. Doch deren Chef, Kardinal Joseph Ratzinger, wies diese zurück. Darum wandten sich die Betroffenen an die UNO und die Medien.

Morgen Sonntag nun soll der Papst, der nicht hinhören wollte, heilig­gesprochen werden. Seliggesprochen wurde er bereits 2011 durch Benedikt XVI., schon damals im Hauruck­verfahren und ungeachtet von Vorbehalten. Der wichtigste: Johannes Paul II. habe als «Schutzpatron der Kinderschänder» aktiv für die Vertuschung von Missbrauchsfällen und die Straflosigkeit der Täter gesorgt. Der «National Catholic Reporter» hielt fest, dass so «die Schuld von Johannes Paul II. weissgewaschen» werde. Schliesslich gehe es bei einer Selig- und Heiligsprechung nicht um die kirchenpolitische Bedeutung einer Person, sondern um ihr in «heroischer Tugend» geführtes Leben.

Kurz vor seinem Tod 2004 gewährte der polnische Papst noch dem in Verruf geratenen Oberlegionär Christi eine Audienz und segnete ihn. Erst Benedikt XVI. ordnete 2005 an, dass Maciel seine Ämter niederlegen müsse, verzichtete aber auf ein Verfahren gegen ihn. Ein pikantes Detail: Maciels zwei begüterte Geliebte sollen die fünf Mexikoreisen von Johannes Paul II. finanziert haben. Mit den beiden Mexikanerinnen hatte Priester Maciel drei Kinder; den Sohn soll er ebenfalls missbraucht haben.

Schützende Hand

Marcial Maciel war nur der spektakulärste Kinderschänderfall unter katholischen Priestern, den der polnische Papst vertuschte. In den 90er-Jahren legte er seine schützende Hand auch über den pädophilen Wiener Kardinal Hans Hermann Groër. Unbestraft liess er auch den Priester Lawrence C. Murphy, der sich als Leiter einer Gehörlosenschule im US-Bundesstaat Wisconsin in den 60er- und 70er-Jahren an Jungen vergriffen und dies später als Sexualunterricht abgetan hatte. Als seine Verbrechen 1976 aktenkundig wurden, versetzte die Kirche ihn an andere Schulen. Oscarpreisträger Alex Gibney lässt im berührenden Dokumentarfilm «Mea Maxima Culpa» einige der 200 Opfer in der Gebärdensprache ihre Not ausdrücken. Daneben dokumentiert er das institutionalisierte Schweigen, auf das im Vatikan alle klagenden Opfer stiessen.

Als das Ausmass von Murphys Missbrauch 2002 publik wurde, bestellte Papst Johannes Paul II. unter dem Druck der Weltöffentlichkeit die amerikanischen Bischöfe zu einem Krisengipfel nach Rom. Fortan vertrat er eine Nulltoleranzpolitik und traf sich wiederholt mit Missbrauchsopfern.

Der späte Kurswechsel darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass er Maciel, Groër oder Murphy deckte. Johannes Paul II. mag ein grosser Papst gewesen sein – zum Heiligen und Vorbild der Gläubigen taugt er nicht. Schlimm, dass auch Franziskus die Schattenseite seines Vor-Vorgängers nicht wahrhaben will.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2014, 06:53 Uhr

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