Unsere Angst macht Putin stark

Die Warnungen vor russischen Hackerangriffen nehmen im Westen hysterische Züge an. Besser könnte es für Moskaus Geheimdienst gar nicht laufen.

Wahlmaschinen mit Touchscreen verschwinden in den USA zum Teil wieder – aus Angst vor russischen Cyberangriffen. Bild: AFP/Robyn Beck

Wahlmaschinen mit Touchscreen verschwinden in den USA zum Teil wieder – aus Angst vor russischen Cyberangriffen. Bild: AFP/Robyn Beck

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Der Trend geht zurück zum Papier. Vergangene Woche beschloss der US-Staat Virginia, bei den Gouverneurswahlen auf Wahlmaschinen mit Touchscreen zu verzichten. Aus Angst vor Manipulationen durch russische Hacker werden Maschinen mit Papierkarten zum Einsatz kommen. Die Angst vor den Russen liess auch die Holländer bei den letzten Parlamentswahlen aufs elektronische Wählen verzichten. Und nun wird die Sicherheit der deutschen Wahlen infrage gestellt.

In Deutschland betrifft die vom Chaos Computer Club gefundene Sicherheitslücke nicht den Wahlvorgang selbst (der findet ohnehin auf Papier statt), sondern um die Auszählung. Dennoch geht die Angst vor russischer Einflussnahme um, seit der Verfassungsschutz ausdrücklich davor warnte.

Die USA, Frankreich, die Niederlande: Bei so gut wie allen Wahlen der letzten Zeit soll der russische Geheimdienst FSB oder von ihm gesteuerte Hackergruppen mitgemischt haben. Würde das stimmen, müssten die Russen über hochmoderne IT-Anlagen verfügen, gesteuert von hoch qualifizierten, gut eingespielten Teams nach einem von ganz oben verordneten Masterplan. Es wäre möglich. Aber es passt nicht zu dem, wie wir Russland kennen: als technologisch rückständiges Riesenreich, dessen träge Elite durch Korruption und Rohstoffverkauf reich wurde.

Desinformation und Verwirrung

Auf einem Gebiet waren östliche Geheimdienste allerdings immer schon gut: im Verbreiten von Desinformation und im Stiften von Verwirrung. Im «Guardian» berichtete der langjährige Moskau-Korrespondent Luke Harding vom Aufleben alter Geheimdienstmethoden. Waren er und seine Familie nicht zu Hause, durchsuchten FSB-Agenten die Wohnung und hinterliessen kleine Hinweise: ein abgehängtes Bild, ein offenes Fenster oder ein Sexhandbuch neben dem Bett. Das Ziel der Operation war also nicht, Informationen zu sammeln, sondern eine Botschaft zu hinterlassen: «Fürchte dich! Wir sind überall.»

Es sieht aus, als würde Russlands Geheimdienst diese Methode auch im virtuellen Raum anwenden. Wichtiger als das Hacken selbst sind Spuren, die verwirren sollen und die Bedrohung noch grösser erscheinen lassen, als sie wirklich ist. Ob Wikileaks die Mails der US-Demokraten tatsächlich von russischen Hackern bekam, wird wohl nie zu klären sein. Nur: Schon das Gerücht, dass Hackergruppen wie «Fancy Bear» oder «Guciffer 2.0» auf Befehl Moskaus operieren, machen Putin und seinen Geheimdienst stark.

Cyberangriffe finden statt. Und sie richten Schaden an. Nur: Die verbissene Suche nach den Verursachern wird uns nicht viel helfen. Hackergruppen tauchen unter und an den unwahrscheinlichsten Orten wieder auf – in Rumänien, in einem mazedonischen Dorf. Wird eine gesprengt, gründet sich anderswo sofort eine neue. Und ihre Ziele sind nicht nur die USA und die EU. Autoritäre Systeme wie Russland oder China können auch keine Angriffe auf ihre Systeme verhindern, aber zumindest die Nachrichten darüber unterdrücken. Das funktioniert in westlichen Demokratien nicht.

Gerade diese Schwäche kann zur Stärke werden. Sicherheits-Updates für IT-Systeme sind wichtig. Mehr Transparenz wäre noch wichtiger: die offenen Gesellschaften verteidigen, nicht einschränken. Wer mit offenen Karten spielt, wer Dokumente zugänglich macht, statt sie zu verschlüsseln, der nimmt Geheimdiensten die Angriffsfläche. Desinformation beobachten und entlarven ist aufwendig, aber führt schneller zum Erfolg als die Suche nach den Hintermännern.

Ein schlechter Ratgeber

Angst ist bei Wahlen kein guter Ratgeber, die Rückkehr zum Papier ist keine Lösung. Die holländischen Gemeinden waren mit der Auszählung so überfordert, dass sie nun die Rückkehr zum elektronischen Wählen verlangen.Und zu viel Desinformation kann auch auf den Verursacher zurückfallen. Der KGB war in den 1980er-Jahren so sehr damit beschäftigt, die USA mit Spionen und Fake-News zu infiltrieren, dass er den rapiden Verfall des eigenen, sowjetischen Systems völlig übersah. Als er ihn doch bemerkte, war es schon zu spät.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.09.2017, 19:46 Uhr

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