Verfolgt bis in die Hotellobby

Was passierte am Wochenende in Istanbul? Man habe lediglich den Gezi-Park «gesäubert», sagt der türkische Präsident Erdogan. Im Internet kursierende Videos zeichnen ein anderes Bild.

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Der Gezi-Park ist geräumt, doch Ruhe ist in die Strassen Istanbuls am Wochenende nicht eingekehrt, im Gegenteil. Auch in der Nacht auf heute ging die Polizei gewaltsam gegen regierungskritische Demonstranten vor. Sie hinderte Tausende Menschen daran, zum zentralen Taksim-Platz zu ziehen. In den umliegenden Stadtvierteln kam es zu Strassenschlachten, die Polizei setzte wieder Wasserwerfer und Tränengas ein. Laut dem Protestbündnis wurden dabei Hunderte Demonstranten verletzt.

Der Gezi-Park sei «gesäubert» worden, sagte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan gestern in einer Ansprache, «wir überlassen ihn keinen Terroristen». Die türkische Polizei hat die Demonstranten am Samstagabend jedoch nicht nur aus dem Park vertrieben, sondern regelrecht verfolgt – bis in die Lobbys von Hotels, in denen viele Menschen Schutz suchten. Dies lassen zumindest Bilder und Videos vermuten, die seit dem Wochenende im Netz kursieren.

Eines von ihnen zeigt, wie Polizisten die Lobby des Hilton-Hotels zu stürmen versuchen. Die Angestellten des Hotels hatten die flüchtenden Demonstranten laut Berichten hereingelassen. Auf dem Video ist zu sehen, wie die Polizisten mit Demonstranten und Sicherheitskräften aneinandergeraten, einem Angestellten nehmen sie die Gasmaske weg. Die Beamten ziehen schliesslich unverrichteter Dinge wieder ab, die Menschen im Hotel jubeln.


(Quelle: Youtube-Nutzer RuptlyTV)

Auch im Divan-Hotel sollen Demonstranten bedroht worden sein, die dort Schutz suchten (siehe auch Bildstrecke). Das Hotel habe sich nach und nach in ein Lazarett verwandelt, berichtet eine «Spiegel»-Journalistin, Verletzte seien dort von Ärzten behandelt worden. Das habe die Polizei nicht davon abgehalten, die Demonstranten nach draussen zu zerren und mit Gaskartuschen und Wasserwerfern in die Eingangshalle zu schiessen, sagen andere Journalisten. Auf einem Video ist zu sehen, wie sich Rauch in den Räumen des Hotels ausbreitet, Menschen husten und flüchten in einen Lift.


(Quelle: Storyful, Berkan Cesur)

Ähnliches passierte offenbar im Ramada Hotel: Dort hätten Polizisten sogar Ärzte verhaftet, die verletzte Demonstranten behandelten, schreibt die türkische Zeitung «Hürriyet».

Zu aussergewöhnlichen Szenen kam es zudem im Einkaufszentrum Cevahir nahe dem Taksim-Platz. Dorthin hatten sich ebenfalls Demonstranten geflüchtet, die Polizei folgte ihnen auf dem Fuss. Die Beamten kamen jedoch nicht weit: Die Besucher des Shoppingcenters begannen spontan, Parolen zu skandieren, die Polizei zog sich zurück.


(Quelle: Storyful, Youtube-Nutzer Taksim Gezi)

Am Sonntag gingen die Proteste mit unverminderter Heftigkeit weiter. Tausende Menschen versuchten, nach der gewaltsamen Räumung zum Gezi-Park zu gelangen. Die Polizei verhaftete laut der Rechtsanwaltskammer von Istanbul mehr als 400 Demonstranten, unter ihnen der türkische Journalist Gokhan Bicici. Auf einem Video ist zu sehen, wie er mitten auf der Strasse von mehreren Polizisten festgehalten und weggetragen wird, einer von ihnen versetzt ihm einen Tritt.


(Quelle: Storyful, Bir Dost)

Aus Protest gegen das gewaltsame Vorgehen der Polizei riefen zwei Gewerkschaftsdachverbände für heute zu einem landesweiten Streik auf.

Der Taksim-Platz wurde am Morgen wieder für Fussgänger freigegeben. Auf dem für den Verkehr weiterhin gesperrten Platz und an den Zugangsstrassen waren nach Augenzeugenberichten zahlreiche Polizisten versammelt.

(Mit Material der Nachrichtenagenturen SDA und AP)

Erstellt: 17.06.2013, 12:05 Uhr

Türkische Börse im Keller

Neue Massenproteste nach der gewaltsamen Räumung des Gezi-Parks in Istanbul haben die türkische Börse am Montag auf Talfahrt geschickt.

Der Leitindex des Aktienmarktes fiel um bis zu 2,1 Prozent. Damit summiert sich das Minus seit den ersten Demonstrationen vor rund drei Wochen auf etwa 13 Prozent.

Auch die türkische Währung stand am Montag unter Druck. Ein Korb aus Euro und Dollar verteuerte sich um bis zu 1,3 Prozent auf 2.1923 Lira. Der Verkauf von Staatsanleihen trieb die Rendite der richtungsweisenden zweijährigen auf 6,51 Prozent von 6,21 Prozent am Freitag. (sda)

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