Viel Fleisch und gebrochene Knochen

Der Skandal um den Fleischverarbeiter Spanghero ist auch das Drama einer berühmten südfranzösischen Rugby-Familie. Unverschuldet, indirekt, aber rührend.

Weinten vor den Kameras: Walter Spanghero, Rugby-Held der Nation, und sein Bruder Claude, Mitgründer der Fleischverarbeitungsfirma (1972).

Weinten vor den Kameras: Walter Spanghero, Rugby-Held der Nation, und sein Bruder Claude, Mitgründer der Fleischverarbeitungsfirma (1972). Bild: AFP

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Auch Tränen kommen vor in der Affäre um richtige Pferde und falsche Rinder aus dem südwestfranzösischen Castelnaudary. Um diesen Skandal, der über tiefgefrorene Lasagne das Vertrauen der Konsumenten in halb Europa wegfrisst. Und um die Firma Spanghero, die für diese Schweinereien am Pranger steht. Dieser Tage sah man die sechs Gebrüder Spanghero, alles gestandene Männer im reifen Alter, vor der Fernsehkamera weinen. Die Szenen rühren die Franzosen, weil die Gebrüder in dieser Affäre gar keine Schuld trifft. Es ist nur die Geschichte ihres Namens: Spanghero. In einer Gegend von Frankreich, in der Namen noch wichtiger sind als anderswo.

Spanghero! Die Franzosen kennen ihn seit vielen Jahren, seit den 60ern. Damals war Walter Spanghero, Sohn eines italienischen Emigranten und Maurers, ein Held des «XV de France», der französischen Rugby-Nationalmannschaft. Einer, der besonders hart war im Nehmen und Geben, ein Kapitän für epische Schlachten, 1,87 Meter gross und über 100 Kilogramm schwer, der seine vielen Knochenbrüche jeweils wie Trophäen mit sich herumtrug. So mögen sie im Südwesten Frankreichs ihre Männer: hart und ehrlich. Rugby ist dort gross, viel grösser als Fussball, und mehr als ein Sport. Rugby gilt als Lebensschule, als Kulturstifter. Und als Antwort auf die metrosexuellen Weicheier des Fussballs. So sehen sie das. Alle sechs Brüder Spanghero spielten Rugby. Zwei schafften es in die Nationalmannschaft. Doch nur Walter, der «Mann aus Eisen», wurde ganz gross. Er wurde zur Legende, machte sie alle prominent.

Der Eintopf aus Castelnaudary

Zwei seiner Brüder, Laurent und Claude, gründeten 1970 die Firma, die nun in aller Munde ist. Sie kauften dafür die städtische Schlachterei von Castelnaudary, eine Kleinstadt am Canal du Midi, zwischen Toulouse und Carcassonne. Da kommen sie her. Castelnaudary gilt als Hauptstadt des Cassoulet, eines Eintopfs aus Bohnen, Speck und Würsten, der schwer auf dem Magen liegt, den Franzosen aber überaus gut schmeckt. Die Gebrüder Spanghero machten unter anderem ein beliebtes Cassoulet in Büchsen, höheres Preissegment. Der berühmte Name half bei der Vermarktung. In den besten Zeiten hatte man über 500 Angestellte. Vor einigen Jahren brach das Geschäft ein, auch die Franzosen assen weniger Fleisch. 2008 wies Spanghero 3 Millionen Euro Verlust aus.

Man beschloss, die Firma zu verkaufen. Eine Kooperative aus dem französischen Baskenland, Lur Berri, an der 5000 Bauernbetriebe hängen, kaufte das Unternehmen über die Poujol-Holding für 5 Millionen Euro. Ihre Bedingung war, dass sie den Namen Spanghero behalten durfte. Der Name galt als Garantie, gewissermassen als Rugby-Ehrenwort. Die Spangheros sagten zu, schieden aus der Firma aus. Laurent macht nun Fertiggerichte aus Gemüse. Andere Brüder blieben beim Fleisch.

Als nun vor einer Woche der Skandal um ihre frühere Firma aufkam, brach für die Familie eine Welt zusammen. Medien und Minister weisen zwar ständig darauf hin, dass die Gebrüder Spanghero mit der Affäre nichts zu tun hätten. Doch das reicht nicht, der Name ist befleckt. Laurent Spanghero sagte vor einer Kamera von BFM TV, bitter schluchzend: «Wir sind am Boden, auch wenn wir nichts dafürkönnen. Stellen Sie sich unsere Kinder und Enkel vor, in ihrem Rücken wird man sagen: Das ist ein Spanghero.» Das sagte man früher schon, nur war es bisher eine Marke.

750 Tonnen Pferd

Lur Berri straffte das Unternehmen. Nun arbeiten noch 332 Angestellte im Betrieb, fabrizieren jährlich 7700 Tonnen Würste und Hamburger sowie 8400 Tonnen Fertiggerichte. Im letzten Jahr setzte Spanghero 52 Millionen Euro um, minus 7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ihr Präsident, Barthélemy Aguerre, beteuert, man habe 2012 wieder Gewinn erwirtschaftet. Und dank einem neuen Labor für die Lebensmittelanalyse, hiess es kürzlich in einem Communiqué, habe sich das Unternehmen mit dem Label ISF zertifizieren können: International Food Standard. Auch das klang gut.

Vielleicht zu gut. Frankreichs Regierung wirft Spanghero vor, in den letzten sechs Monaten über einen Händler wissentlich 750 Tonnen rumänisches Pferdefleisch eingekauft und unter falscher Etikette als Rindfleisch weiterverkauft zu haben (TA von gestern). Mit einem strafbaren Täuschungsmanöver also. Aguerre streitet den Vorwurf ab. Er bezichtigt die Regierung, die ihm nun die Lizenz für die Fleischverarbeitung entzog, sie zeige leichtfertig mit dem Finger auf Spanghero und setze damit Hunderte von Jobs aufs Spiel. Dabei sei sein Unternehmen selber Opfer einer Täuschung von Zwischenhändlern geworden. Opfer überall, weinende und wetternde.

Erstellt: 16.02.2013, 11:52 Uhr

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