Vincent Lambert soll leben – vorerst

Die Ärzte in Reims hatten die Maschinen bereits abgestellt. Jetzt hat ein Gericht angeordnet, dass der Wachkomapatient weiter ernährt werden muss.

«Das tun die Ärzte alles, um die Euthanasie durchzusetzen», schimpft Vincenz Lamberts Mutter (im Bild). Foto: Keystone (2014)

«Das tun die Ärzte alles, um die Euthanasie durchzusetzen», schimpft Vincenz Lamberts Mutter (im Bild). Foto: Keystone (2014)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Anwälte werden als Helden gefeiert. Kräftige Männer tragen sie auf ihren Schultern durch die Menge katholischer Aktivisten, die sich in Paris versammelt hat und nun euphorisch «Wir haben gewonnen!» skandiert, als gehe es um einen Fussballsieg. Einer der Anwälte ruft: «Vincent vivra!» Vincent wird leben. Lauter Jubel.

Es ist die Nacht von Montag auf Dienstag. Gerade hat ein Pariser Berufungsgericht angeordnet, dass die künstliche Ernährung des Wachkomapatienten Vincent Lambert wieder aufgenommen werden muss, bis ein Ausschuss der UNO Stellung genommen hat. Das ist eine dramatische Wendung in einem Fall, der Frankreich in Atem hält.

Erst am Morgen hatten die Ärzte im Uniklinikum der Stadt Reims, wo der 42-jährige Lambert gepflegt wird, alle Maschinen abgestellt und ihn in einen «tiefen, dauerhaften Schlaf» versetzt. Am Nachmittag hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte zum wiederholten Mal einen Antrag von Lamberts Eltern zurückgewiesen, der auf den Erhalt der lebenserhaltenden Massnahmen abzielte.

Familie zerstritten

Und dann, nachdem sie sich seit Jahren durch alle Instanzen geklagt haben, erzielen die Eltern im letzten Moment mit dem letzten juristischen Mittel einen entscheidenden Erfolg. «Dies ist ein grosser Sieg», sagt die Mutter, Viviane Lambert. Am Dienstagmorgen eilt sie mit den Anwälten in die Klinik, um sich zu vergewissern, dass die Maschinen auch wirklich wieder angeschlossen wurden.

Lambert soll leben. Muss leben. So wollen es die Eltern, strenggläubige Katholiken, und zwei Geschwister. Seine Frau aber und sechs weitere Geschwister wollen ihn «in Würde gehen lassen», wie sie sagen.

Der erbitterte Kampf spaltet nicht nur die Familie. Seit Jahren tragen die Angehörigen ihren Streit vor die Gerichte und in die Öffentlichkeit. Nun diskutiert das ganze Land um aktive und passive Sterbehilfe und darum, was selbstbestimmtes Leben bedeutet, wenn man nicht mehr über sich selbst bestimmen kann. Ob Ärzte und Richter den Tod eines Menschen billigen dürfen, der bei «minimalem Bewusstsein» ist, wie es über Lambert heisst. Oder ob das eine Sünde ist – soweit man gläubig ist. Sogar Staatspräsident Emmanuel Macron sieht sich bemüssigt, etwas zu Lambert zu sagen. Und sei es nur, dass ihm nicht anstehe, «eine Entscheidung der Ärzte aufzuheben, die mit den Gesetzen konform ist». Die Gerichte mögen ausserdem immer wieder erklären, dass es hier um den Einzelfall geht, nicht um eine Präzedenzfrage für alle übrigen Wachkomapatienten im Land. Dennoch wird Lamberts Los als Richtungsentscheidung wahrgenommen.

Ein UNO-Ausschuss wird über sein Schicksal entscheiden: Vincent Lambert im Krankenbett (2013). Foto: AFP

Lambert wurde vor elf Jahren bei einem Motorradunfall am Kopf verletzt. Seitdem ist er querschnittgelähmt und in einem vegetativen Zustand. Eine Patientenverfügung, die Aufschluss über seinen Willen geben könnte, gibt es nicht.

Lamberts Eltern argumentieren, ihr Sohn sei nicht sterbenskrank, sondern schwer behindert. Und als sich zuletzt abzeichnete, dass die Ärzte die lebenserhaltenden Massnahmen einstellen würden, setzten sie mit ihren Anwälten alle Hebel in Bewegung: Am Sonntag organisierten sie über katholische Netzwerke vor der Klinik in Reims eine Demonstration. Später tauchte auf der Internetsite des rechten Magazins «Valeurs Actuelles» ein Video auf. Darauf redet die Mutter dem Sohn gut zu – angeblich kurz nachdem die Ärzte ihm mitgeteilt haben, er werde sterben. Eine Reaktion Lamberts ist auf dem Video nicht zu erkennen.

Am Montag dann – vor der Entscheidung des Berufungsgerichts – versammelte die Mutter Benediktinermönche um das Krankenbett ihres Sohnes. «Das sind Monster!», schimpft Viviane Lambert über die Ärzte. «Das tun sie alles, um die Euthanasie durchzusetzen.» Die Mutter mag Verschwörungstheorien bemühen. Tatsächlich ist aktive Sterbehilfe in Frankreich verboten. Passive Sterbehilfe, etwa durch das Abschalten von Apparaten, ist dagegen nicht strafbar.

Entscheidung kann bis zu sechs Monaten dauern

Der Fall Vincent Lambert feuert kurz vor der Europawahl trotzdem den Parteienstreit an und veranlasst den Vatikan, «wirksame Lösungen zum Schutz» des Patienten zu fordern. Denn er offenbart Schwächen im Gesetz: Die Sterbehilfe ohne Willensbekundung des Betroffenen bei gleichzeitigem Streit der Angehörigen ist nicht geregelt.

Ob und wie lange Lambert noch leben darf, bleibt ungewiss. Die Pariser Berufungsrichter zwingen die Ärzte, eine Stellungnahme des UNO-Ausschusses zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderungen abzuwarten. Frankreich hatte die Ansicht des Gremiums bisher als nicht bindend eingestuft – jetzt kommt ihm womöglich die Entscheidung zu. Bis sie vorliegt, können sechs Monate vergehen. Ein Neffe Lamberts, der auf der Seite der Ehefrau steht, spricht von «purem Sadismus».

Erstellt: 22.05.2019, 08:00 Uhr

Artikel zum Thema

Zehn Jahre im Wachkoma: Ärzte dürfen Patient nicht sterben lassen

Der Fall beschäftigt selbst Emmanuel Macron: In Frankreich müssen Ärzte die Schläuche von Vincent Lambert wieder anschliessen. Mehr...

Er darf (noch) nicht sterben

Porträt Der Franzose Vincent Lambert liegt im Wachkoma und bewegt das ganze Land. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...