Interview

«Der Wahlkampf geht gleich weiter»

Präsident Sarkozy darf die Operation in Toulouse als Erfolg werten, sagt Korrespondent Oliver Meiler. Und er erklärt, warum Mohammed Merah ein Einzelfall war.

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Der mutmassliche Attentäter von Toulouse ist tot. Ein Erfolg für Nicolas Sarkozy?
Oliver Meiler: Die Regierung wollte ihn eigentlich lebend. Aber das Drama ist vorbei, auch wenn es über 30 Stunden gedauert hat. Sarkozy hat die Angelegenheit gelöst, da gibt es nichts zu diskutieren. Niemand wird Mohammed Merah nachtrauern. Operativ war es ein Erfolg für Sarkozy.

Hat sich das in seiner kurzen Ansprache von heute Mittag gespiegelt?
Sarkozys Auftritt hat vor allem gezeigt, wie hochpolitisch die Angelegenheit durch den laufenden Wahlkampf ist. Einerseits lobte der Präsident alle Beteiligten und zeigte sich stolz über die nationale Einheit, die Frankreich während dieser schweren Prüfung bewahrt habe. Andererseits machten Vertreter der Regierungspartei UMP unmittelbar nach dem Ende der Aktion Vorwürfe an die Adresse des politischen Gegners. Die Linke habe unwürdig reagiert und verharmlose die Probleme mit dem Islamismus.

Wie gravierend sind denn diese Probleme in Frankreich?
Es stimmt, dass die Salafisten in den vergangenen Jahren in den Banlieues, den armen Vororten, an Einfluss gewonnen haben. Aber man muss die Relationen wahren: Im ganzen Land handelt es sich um rund 10'000 Personen. Als potenziell gefährlich werden dann noch ein paar Dutzend eingestuft.

Sarkozy hat heute Mittag ganz kurz Massnahmen umrissen, die er ergreifen will.
Sarkozy hat vor allem einmal auf den Tisch gehauen. Das Besuchen von jihadistischen Websites soll bestraft werden können – wobei fraglich ist, wie man das überhaupt durchsetzen will. Rückkehrer aus Terrorcamps sollen strafrechtlich verfolgt werden, was man jedoch bereits heute macht. Und die Verbreitung von extremistischem Gedankengut in den Gefängnissen soll bekämpft werden. Das alles klingt in den Ohren vieler Franzosen wohl gut. Ob es umsetzbar ist, bleibt fraglich.

In Frankreichs Banlieues gibt es Hunderttausende Jugendliche mit islamischem Hintergrund und ohne Perspektiven. Ist Mohammed Merah ein Produkt dieses Zustands?
Einerseits ja, er ist ein Produkt einiger Symptome, die es in den Banlieues gibt. Andererseits nein, denn in seinem Fall spielte eine psychopathische Komponente mit. Man kann von Merah keine Rückschlüsse auf die Banlieue-Jugend ziehen. Wer ein kleines Mädchen an den Haaren festhält und ihm in den Kopf schiesst, ist vor allem psychisch schwer gestört.

In einem Monat beginnen die Präsidentschaftswahlen. Wie wird sich das Geschehene auf den Wahlkampf auswirken?
Erst einmal fällt auf, dass der Wahlkampf gleich weitergeht. Sarkozy tritt heute Nachmittag in Strassburg auf. Er wird von jetzt an natürlich versuchen, den Erfolg in politische Zustimmung umzumünzen. Es besteht die Gefahr, dass die Debatte um innere Sicherheit, Islamismus, Integration und Zuwanderung so stark wird, dass sie andere wichtige Themen verdrängt. Marine Le Pen und die Rechte hätten daran ein grosses Interesse. Es könnte aber genauso gut sein, dass der Toulouse-Effekt bis in einem Monat verpufft und ein anderes Thema dominiert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.03.2012, 19:02 Uhr

Die französischen Rechtsextremisten haben nach den Anschlägen von Toulouse der Regierung Sarkozy schwere Vorwürfe gemacht. (Video: Reuters )

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Bei der Frage nach dem zweiten Wahlgang hat jedoch weiterhin Hollande die Nase vorn. Wie bei der letzten Umfrage gaben 54 Prozent der Umfrageteilnehmer an, sie würden für ihn stimmen. Nur 46 Prozent wären demnach in der entscheidenden Stichwahl für Sarkozy. (rub)

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Tödlicher Angriff auf jüdische Schule in Toulouse

Tödlicher Angriff auf jüdische Schule in Toulouse Ein bewaffneter Mann hat heute um 8 Uhr vor der jüdischen Schule Ozar Hatorah in Toulouse drei Menschen getötet und zwei schwer verletzt.

Oliver Meiler ist Frankreich-Korrespondent des «Tages-Anzeigers».

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