Voller Stolz Nein sagen

Viele Griechen sind Tsipras dankbar, weil er ihnen das Selbstwertgefühl zurückgegeben habe. Sie lehnen die Vorgaben der Geldgeber ab.

Die Zeitung zu kaufen liegt für viele nicht mehr drin: Bürger studieren an einem Kiosk in Athen die Nachrichtenlage. Foto: Emilio Morenatti (Keystone)

Die Zeitung zu kaufen liegt für viele nicht mehr drin: Bürger studieren an einem Kiosk in Athen die Nachrichtenlage. Foto: Emilio Morenatti (Keystone)

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Vassilis Bakalis geht die Treppe in den Keller runter, dorthin, wo die Geschichte repariert wird. Das ist sein Job. Geschichte reparieren. Bakalis ist geschickt mit den Händen. Vor ihm liegt ein Hunderte Jahre altes Heiligenbild. Der Metallrahmen ist dunkel angelaufen. Er versucht, die Schmutzschichten vorsichtig abzutragen. Mit einem Holzstäbchen und ein bisschen Watte arbeitet er sich Millimeter für Millimeter vor.

Wer hier unten, in den Werkstätten der Konservatoren des Byzantinischen Museums in Athen arbeitet, bekommt ein anderes Verhältnis zur Geschichte. Er lernt viel über Schönheit und Verfall.

Aber Bakalis bewahrt in seinem Keller auch ein Ausstellungsstück auf, das oben im Museum nichts verloren hat. Er nennt das Kunstwerk die «Geschichtstür». Dutzende Fotos haben er und seine Mitarbeiter mit Klebestreifen auf die Tür geklebt. Sie zeigen den 37-Jährigen und seine Kollegen, wie sie demonstrieren. Mal haben sie eine selbst gebaute Galeere dabei, an deren Bug ein Foto von Kanzlerin Angela Merkel klebt, die Ruderer, die Sklaven, sind die Griechen. Mal heisst es nur «Es lebe die Revolution». Und auf einem anderen Plakat steht: «Auf Wiedersehen, Frau Lina.»

Entlassungswelle überstanden

Frau Merkel kennt man, aber wer ist Frau Lina? Sie war mal eine Vorgesetzte. Sie wollte Bakalis und seine Kollegen rausschmeissen, weil der Staat sich nicht mehr so viele Angestellte leisten konnte und sollte. Sie musste dann vor Bakalis gehen. Alle, die hier abgebildet sind, wollten, dass Griechenland Leute wie Bakalis einspart. 15'000 Mitarbeiter im öffentlichen Dienst sollten gehen. Bisher hat er alle Entlassungswellen überstanden. «Die Tür dokumentiert unseren Kampf», sagt er. «Wir sind immer noch hier.»


Vassilis Bakalis ist Konservator am Byzantinischen Museum. Foto: PD


Griechenland im Jahr 2015 – das heisst fünf Jahre Dauerkrise. Wer weiss, was in vielen Jahren einmal in den Museen über diese Zeit ausgestellt wird? Wird Bakalis seinen beiden Kindern, Konstantinos (5) und Fotini (3) irgendwann erklären müssen, warum Griechenland womöglich aus der Eurozone fiel? Er denkt kurz nach und sagt, vielleicht geht es dann um eine ganz andere Frage: «Warum ist die Europäische Union gescheitert?» Griechenland hat elf Millionen Einwohner. Die Arbeitslosigkeit liegt bei mehr als 25 Prozent. Unter den Jugendlichen ist jeder zweite arbeitslos. Fast ein Drittel der Griechen hat keine Krankenversicherung mehr. 240 Milliarden Euro an Hilfszusagen hat das Land seit 2010 bekommen – und trotzdem geht es vor die Hunde.

Bakalis hat seine Frau Anna, eine Kunsthistorikerin, im Museum kennen gelernt. 2008 haben sie geheiratet. Da zog die Krise schon am Himmel auf, die Weltfinanzen waren in Unordnung. Zu spüren bekam man davon in Griechenland noch nicht so viel. Vor fünf Jahren kam Konstantinos auf die Welt. Da mussten sie im Spital bei der Geburt noch nichts zahlen. Zwei Jahre später kam Fotini, die Tochter. Da mussten sie schon zuzahlen. Letztes Jahr musste die Kleine ins Spital, und es wurde teuer. Er hat seither Angst davor, dass jemand in der Familie ernsthaft krank wird.

Es heisst immer, die Beamten, der öffentliche Dienst, seien schuld an der Misere. Bakalis sagt, er sei das Opfer. Vor der Krise habe er 1300 Euro im Monat verdient, heute seien es nur noch 860. «Ich habe einen Job. Ich arbeite jeden Tag. Und ich kann meine Familie nicht ernähren. Das ist Austerität», sagt Bakalis. Die Grosseltern helfen aus, bezahlen mal diese Rechnung, mal jene. Die Einkäufe. Er ist dankbar dafür. In Griechenland, sagt Bakalis, kann man sich auf die Familie verlassen. Da hilft man sich. Sollte die EU nicht auch eine Familie sein?» Er höre nur Vorwürfe aus Brüssel, spüre nur Druck. Bakalis kann sich noch an seine ersten Euros erinnern, die er 2002 in den Händen hielt. «Wir waren alle sehr glücklich. Wir dachten, jetzt kommen bessere Zeiten.» Aber erst einmal wurde der Kaffee teurer. «In einer Nacht hatte unser Geld viel an Wert verloren.» In kaum einem anderen Land zogen die Preise schneller an als in Griechenland. Die Politiker haben uns gesagt: «Der Euro ist unsere Zukunft.» Die nächsten Jahre waren dann auch nicht schlecht. Die Olympischen Sommerspiele kamen 2004 nach Athen. Im Fussball wurden die Griechen Europameister. Es ist schon lange her, es gab aber eine Zeit, in der man sich wie ein Sieger fühlte.

Europa viel zu verdanken

Jetzt hat Alexis Tsipras, Chef der linksgeführten Regierung, das Land in das Endspiel um den Euro geführt. Am Sonntag sollen die Bürger in einem Referendum abstimmen, ob sie mit den Sparvorgaben der Kreditgeber aus Brüssel einverstanden sind oder nicht. Bakalis wird auch gegen weitere Härten stimmen. Er ist kein Europafeind. Im Gegenteil. Er hat Europa viel zu verdanken. Das Museum, in dem er arbeitet, ist mit Geld aus Brüssel ausgebaut worden. Und die Vorschule für seinen Sohn kann er sich nur leisten weil es ein Förderprogramm der EU gibt.

Ein Leben ohne die EU? Wenn es ihm danach besser geht, warum nicht, sagt er. Tsipras verspricht, dass es Leuten wie ihm besser gehen wird. Und er glaubt Tsipras. «Er hört auf uns.» Ausserdem gibt er uns unseren Stolz zurück. «Genug ist genug!», sagt Bakalis. Bakalis geht die Treppe wieder hoch zu den Ausstellungsräumen. Er hat noch in der Vergangenheit zu tun.

Erstellt: 03.07.2015, 19:33 Uhr

«Wir brauchen keine neue Währung, wir brauchen eine neue Regierung»: Christos Kontovasilis.

Der Ja-Sager

Der Euro als Lebensgefühl

Der Euro? «Muss bleiben», sagt Christos Kontovasilis. Die Währung bedeutete für ihn von Anfang an Aufbruch, gar nicht einmal im übertragenen Sinn. Von seinen ersten Münzen hat er sein Auto aufgetankt. «Wir waren sehr stolz», sagt er. Und dann erzählt er noch diese Geschichte: Eigentlich habe in den ersten Tagen niemand so richtig mit dem neuen Geld umgehen können.

Für 340 Drachmen bekam man einen Euro. Ein Euro war sehr viel Geld, auch wenn sich die Münze nicht so anfühlte. Für fünf Euro bekam man schon ein schönes Essen in der Taverne, erzählt Kontovasilis. Als es dann ans Zahlen ging, tauchte die Frage auf: Wie viel Geld legt man als Trinkgeld hin? 50 Cent? Er öffnet die Arme: «Wir Griechen sind ja auch immer ein bisschen Angeber. Gerade wenn Frauen mit am Tisch sitzen.» Und so gingen die ersten Euro schnell weg – allein fürs grosszügige Trinkgeld. Er lacht, als er dies erzählt. Jetzt, wo so viel über das mögliche Ende des Euro in Griechenland spekuliert wird, ist ein guter Zeitpunkt, doch auch einmal über den Anfang zu reden.

Ein Jachthafen an der Küste Athens. Hier teilen sich Christos Kontovasilis, 40, und Yannis Alexiadis, 75, ein Büro. Sie sind mehr als Geschäftspartner. Sie kennen sich seit Ewigkeiten. Alexiadis verkauft Jachten und Kontovasilis die Versicherungen dazu. Sie tragen kurze Hosen, Freizeithemden und gingen sofort als Skipper durch. Aber ihre Arbeit erledigen sie an Land. Es gibt auch noch dieses andere Griechenland, das Sonnendeck-Griechenland. Die Geschäfte liefen nicht schlecht, erzählen die beiden. Weil die Leute den Banken schon lange nicht mehr vertrauten, seien Jachten ein gefragtes Investment für jene, die eben noch Geld haben.

Aber seit ein paar Tagen sind auch Kontovasilis und Alexiadis unruhig. Die Banken sind geschlossen. Die Automaten spucken für jeden nur noch 60 Euro aus, das Geld wird knapp. Fünf Jahre Krise, viel gespart. «Wir hatten gedacht, wir sehen endlich mal Licht am Ende des Tunnels. Und nun das», sagt Alexiadis. Im Moment kann er auch keine Jachten verkaufen, weil er das Geld nicht zu den Werften ins Ausland transferieren kann. «Lange hält das Land das nicht durch.»

Beide sind sicher: Griechenland war nicht reif für den Euro. Das Land hatte seine Zahlen geschönt, um dabei zu sein. Fragt man die beiden Geschäftsleute, dann wollte ihrer Meinung nach Europa gar nicht so genau hinschauen. «Es ist immer viel Geld aus der EU nach Griechenland geflossen. Aber alle Regierungen haben es ausgegeben, um sich bei ihren Wählern beliebt zu machen. Es wussten doch alle in Europa, dass Griechenland ein schwaches Land ist. Vielleicht zu schwach für den Euro.»

Bevor Alexiadis ins Jachtgeschäft eingestiegen ist, hat er in Griechenland Computer verkauft. Zu der Zeit war EDV noch etwas sehr Neues. In Deutschland hatte Alexiadis gelernt, wie man Behörden damit aufrüstet. Als er das auch in Griechenland machen wollte, schickten ihn die Behörden wieder nach Hause, weil niemand wollte, dass Computer Menschen ersetzen. Noch jede Regierung hatte sich den Beamtenapparat zur Beute gemacht und die Anhängerschaft dort mit sicheren Jobs belohnt. So sei aus Griechenland ein Beamtenland geworden, schwerfällig und reformunwillig. All dies hätte vor der Einführung des Euro in Ordnung gebracht werden müssen. «Nicht erst jetzt», sagt Alexiadis.
War der Euro von Anfang an womöglich ein Fehler für Griechenland? Nein, sagen die beiden Männer. «Wir brauchen keine neue Währung», sagt er. «Wir brauchen eine neue Regierung.» Mike Szymanski

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