Vom Herd an die Bombe

In Frankreich hat der Terror ein neues, weibliches Gesicht. Das zeigt der Attentatsversuch von Frauen. Sie waren vom IS in Syrien ferngesteuert worden. Es gab mehrere Verhaftungen.

Polizisten bewachen das Haus in Boussy-Saint-Antoine bei Paris, wo drei Frauen verhaftet wurden. Foto: Thibault Camus (AP/Keystone)

Polizisten bewachen das Haus in Boussy-Saint-Antoine bei Paris, wo drei Frauen verhaftet wurden. Foto: Thibault Camus (AP/Keystone)

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«Seid euren Ehemännern, Brüdern, Vätern und Söhnen sichere Basen im Hintergrund und gute Ratgeberinnen», riet Hayat Boumeddiene im Januar 2015, kurz bevor sie sich über die Türkei nach Syrien absetzte. Wenige Tage später schritt ihr Ehemann Amedy Coulibaly zur Tat und überfiel Hyper Cacher, einen Supermarkt bei Paris. Offiziell ­gehört Boumeddiene heute zu den «meistgesuchten Frauen» Frankreichs.

Mit der passiven Rolle der Frau als verständnisvolle Ratgeberin auf der sicheren Basis im Hintergrund ist es jetzt vorbei. Seit der Verhaftung von Inès M. (19), Sara H. (23), Amel S. (39), und Ornella G. (29), ist klar: Der Terrorismus in Frankreich hat ein neues Gesicht – und dieses Gesicht ist weiblich. Die Sympathisantinnen des sogenannten Islamischen Staats (IS) beschränken sich nicht mehr auf «familiäre und häusliche Aufgaben», wie es François Molins, Oberstaatsanwalt von Paris, auf einer Pressekonferenz formulierte.

Auch geht es nicht mehr um «familienpolitische Funktionen», sprich darum, für eine vorbildliche Geburtenrate und damit den Nachschub an Terroristen zu sorgen. «Der IS will aus Frauen Kämpferinnen machen», sagte Molins und fügte hinzu, das «Kommando» der Terroristinnen sei «komplett empfänglich für die mörderische Ideologie» des IS. Sie seien von Syrien aus «ferngesteuert» gewesen, so der Oberstaatsanwalt.

Märtyrertod nicht für Frauen

Seit der IS in Syrien und Irak an Terrain verloren hat, scheinen Jihadistinnen in Frankreich ihre Stunde gekommen zu sehen: Sie dürfen selbst zur Tat schreiten. Allerdings bleibt ihnen der Märtyrertod in der Ideologie des Islamismus verwehrt. Da hört die Gleichberechtigung in den Augen der Fanatiker auf.

Für Frankreich mag das neu sein, in Syrien und im Irak hat es schon lange Anschläge von Frauen gegeben. Die Belgierin Muriel Degauque, hatte sich 2005 im irakischen Bakouba in der Nähe eines amerikanischen Konvois in die Luft gesprengt und dabei fünf irakische Polizisten getötet. Sie gilt als die erste konvertierte Frau aus dem Westen, die Kamikaze wurde. Al-Qaida hat sich ebenfalls zu Selbstmordattentaten bekannt, bei denen Frauen Sprengstoffgürtel trugen. Im November 2010 hat eine 21-jährige Britin einen Minister mit einem Messer attackiert und schwer verletzt, weil er für den Irakkrieg gestimmt hatte.

«Die Frauen des IS dürfen nicht länger als passive Zuschauerinnen betrachtet werden: Sie sind hoch motiviert, und über ihre Rolle als logistische Helferinnen hinaus sind sie jetzt einsetzbar», so die Einschätzung von Magnus Ranstorp, Direktor des schwedischen Forschungszentrums für asymmetrische ­Drohungen gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. «Das ist eine beunruhigende Entwicklung, weil die Liste der Verdächtigen, die überwacht werden müssen, damit anwächst», fügte Ranstorp hinzu.

Die verhafteten Frauen hatten am vergangenen Wochenende einen dunkelgrauen Peugeot ohne Nummernschild, mit laufender Warnlichtanlange und fünf gefüllten Gasflaschen wenige Hundert Meter von der Kathedrale Notre-Dame entfernt abgestellt. Alles deutet darauf hin, dass der Wagen explodieren sollte. Die Polizei fand darin eine mit Benzin getränkte Decke und eine entzündete, aber nicht abgebrannte Zigarette. Als sich ein beunruhigter Kellner eines nahe gelegenen Cafés näherte, hielten die Frauen ihn offensichtlich für einen Polizisten in Zivil und ergriffen die Flucht. Dann habe «ein Wettlauf mit der Zeit» begonnen, wie es Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve formulierte. Die Polizei hatte Hinweise darauf, dass sie «neue, gewaltsame Aktionen vorbereiteten, die unmittelbar bevorstanden». Geplant hatten sie nach Informationen des Radiosenders RTL einen Anschlag auf den Pariser Gare de Lyon. Bei ihrer Verhaftung griffen zwei der Frauen die Polizisten mit Messern an.

Fingerabdruck auf Gasflasche

Die Hauptverdächtige, die 29-jährige Ornella G. war am Dienstag festgenommen worden. Am Samstag wurde sie dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Die Fingerabdrücke der als Islamistin bekannten 29-jährigen Frau waren auf dem mit Gasflaschen beladenen Auto entdeckt worden. Gemäss Ermittlerkreisen sagte sie aus, dass sie und ihre Komplizinnen vergeblich versucht hätten, das Fahrzeug nahe der Kathedrale Notre Dame zur Explosion zu bringen. Allerdings variieren die Aussagen der 29-Jährigen, die mit ihrem Ex-Lebensgefährten und drei gemeinsamen Kindern auf einer Autobahnraststätte bei Orange verhaftet worden war. Demnach habe sie das Auto mit den Gasflaschen zuerst beim Eiffelturm parkieren wollen.

Von den rund 700 Franzosen, die sich in Syrien befinden, soll der Anteil der Frauen bei 275 liegen. Dennoch ist das Phänomen des weiblichen Jihadismus lange unterschätzt worden. Nur wenige Tage vor den gescheiterten und vereitelten Anschlägen hatte Oberstaatsanwalt Molins in einem Interview davon gesprochen, dass die Zahl verdächtiger Frauen bedenklich wachse. Gegen 59 würde ein Verfahren wegen Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung laufen, 18 davon seien inhaftiert: «Wir hatten anfangs vielleicht zu viel Skrupel und das Gefühl, diese Frauen folgten nur ihren Ehemännern, und ihre Rolle beschränke sich darauf, in Syrien den Haushalt zu führen. Heute werden sie systematisch bei ihrer Rückkehr verhaftet und ­kommen in Untersuchungshaft», sagte Molins «Le Monde».

Die versuchten Attentate der Frauen markieren in Frankreich eine Wende. «Zum ersten Mal hat der IS Frauen den Titel der ‹Moudjahida›, also den Status von Kämpferinnen zugesprochen», konstatiert der französische Politikwissenschaftler Mathieu Guidère und fügt hinzu: «In dem bürokratischen Staat des IS ist das eine wichtige Etappe. Es ist das Signal, dass Frauen mitkämpfen dürfen. Bislang war ihnen das verwehrt. Die Reaktionen in den sozialen Netzwerken liess nicht lange auf sich warten. ‹Ich will auch Moudjahida werden›, war da überall zu lesen.»

Jihadisten-Pärchen

Zwei der Frauen, Inès M. und Sarah H., waren den Geheimdiensten bekannt und hatten einen Vermerk «S», das steht für Sicherheit. Beide hatten den Wunsch geäussert, nach Syrien zu gehen. Sarah H. hatte es versucht. Sie habe eine «besonders enge Verbindung zur islamistischen Bewegung», sagte Oberstaatsanwalt Molins. Sie hatte Larossi Abballa heiraten wollen, den Attentäter, der im Juni in Magnanville ein Polizistenpaar erstochen hat. Danach sei sie Adel Kermiche «versprochen gewesen», der im Juli in der Kirche von Saint-Etienne-du-Rouvray den Priester Jacques Hamel erstach. Beide Täter sind von der Polizei erschossen worden. Ihr jetziger Freund, Mahomed Lamine A., ist der Bruder von Charaf Eddine A., der wegen seiner engen Verbindung zu Abballa in Haft sitzt.

In der Handtasche von Inès M. ist ein Bekennerschreiben gefunden worden. Sie soll ausserdem ihrer Mutter einen Abschiedsbrief hinterlassen haben, in dem sie ankündigt, ein Selbstmordattentat begehen zu wollen. Das Auto mit den Gasflaschen gehörte ihrem Vater. Die Polizei vermutet eine Verbindung zur Coulibaly-Witwe Hayat Boumeddiene, die seit dem 2. Januar in Syrien ist. Die 19-jährige Inès M. ist in Tremblay-en-France, einem Vorort gut 30 Kilometer nördlich von Paris, unweit des Flug­hafens Charles-de-Gaulle aufgewachsen. Nachbarn beschreiben sie als «ganz normales Mädchen», bis sie vor drei Jahren begann, sich zu verschleiern. «Aber das fällt hier nicht weiter auf, das machen hier viele», gab eine Frau zu Protokoll, die Inès seit ihrer Kindheit kennt.

Erstellt: 11.09.2016, 23:12 Uhr

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