Vom Panzerknacker zum Wutbürger

Der mehrfach vorbestrafte Lutz Bachmann führt antimuslimische Demonstrationen in Dresden an.

Lutz Bachmann mobilisiert in Dresden Tausende sogenannte Wutbürger. Foto: Robert Michael

Lutz Bachmann mobilisiert in Dresden Tausende sogenannte Wutbürger. Foto: Robert Michael

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Lutz Bachmann, ein verurteilter Einbrecher, lässt Deutschlands politische Alarmglocken läuten. In nur zwei Monaten hat er einen unbedeutenden politischen Abendspaziergang zur Massendemonstration vergrössert. Letzten Montag marschierten knapp 10'000 Menschen durch Dresden, heute werden wieder so viele erwartet.

«Pegida» nennt sich die neue Bewegung: «Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands». Lutz Bachmann ist ihr Gesicht. Montag für Montag greift der muskulöse Hüne zum Mikrofon und liest Sätze wie diesen vom Notizblock: «Es gibt Rentner, die sich kaum ein Stück Stollen leisten können und in unbeheizten Wohnungen sitzen. Für Asylbewerber baut man Luxusunterkünfte.» Applaus, Pfiffe, Jawohl-Rufe.

Bachmann wettert gegen Parteien, gleichgeschaltete Medien oder die politisch korrekte Verhunzung der deutschen Sprache. Nach seinen Reden skandiert die Menge: «Wir sind das Volk.» Deutschlandfahnen flattern.

Ein Protestzug unauffälliger Bürger

Zu Beginn hielten Beobachter den Unbekannten für einen Strohmann der Rechtsextremen. Doch weder der 41-Jährige noch seine elf Mitorganisatoren kommen offenbar aus dieser Szene. Der Protestzug besteht aus unauffälligen Bürgern, Gewerblern, Fussballfans. Mittlerweile laufen allerdings auch Neonazis mit.

Ausschliessen will Bachmann diese nicht. Gesetze würden dies verbieten. Gleichzeitig betont er, kein Rassist zu sein. Er habe muslimische Freunde, sein Trauzeuge war Türke. «Echte Flüchtlinge» heisse er willkommen.

Lange verweigerte sich Bachmann den Medien. Dann brachte die «Sächsische Zeitung» seine Vergangenheit ans Licht. Bachmann, Sohn eines Dresdner Metzgers, machte nach dem Abitur eine Kochlehre, 1992 gründete er eine Werbeagentur. Dabei blieb es nicht. 1998 wurde er wegen Einbrüchen zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Den «Panzerknacker von Dresden» nannte ihn die «Bild»-Zeitung, er soll bei Schuldnern aus dem Rotlichtmilieu Tresore geklaut haben.

Flucht nach Südafrika

Bachmann floh nach Südafrika, wo er unter falschem Namen Design studierte. Nach drei Jahren flog er auf. Südafrika schob ihn nach Deutschland ab, wo man ihn ins Gefängnis sperrte. Wegen guter Führung wurde er nach zwei Jahren freigelassen. 2008 erwischte ihn die Polizei mit 94 Gramm Kokain. Dazu kamen Delikte wie An­stif­tung zur Falschaussage, an­ge- ­­trunkenes Fahren, Körperverletzung. Bis Februar ist er nur auf Bewährung frei. Gegenüber kriminellen Ausländern fordert Bachmann eine «Nulltoleranzpolitik». Der Widerspruch zur eigenen Biografie stört ihn nicht, seine Taten lägen weit zurück. Südafrika lobt er dafür, wie «schnell und unbürokratisch» es ihn ausgeschafft habe.

Auf Facebook gibt Bachmann den soliden Bürger, zeigt Bilder von Spaziergängen, seiner gediegenen Hochzeit, Flitterwochen in der Dominikanischen Republik. Auf Twitter hingegen ist er mehrmals ausfällig geworden. Den Linken Gregor Gysi beleidigte er als «Stasischwein», die SPD als «Verbrechertruppe». Die Grüne Claudia Roth gehöre als «Öko-Terroristin» erschossen. Dafür hat er sich später entschuldigt.

Nach den Skandalen kündete Lutz Bachmann seinen Rückzug an. Er sei nur ein «kleines Zahnrad in etwas viel Grösserem». Geblieben ist er trotzdem. Offenbar hat er Gefallen gefunden am Mikrofon, am Applaus und Jubel.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.12.2014, 21:10 Uhr

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