Vom Putsch-SMS an Erdogan zur Inkognito-Landung in Istanbul

Freitag 21.30 Uhr erhielt der türkische Präsident eine Meldung. Dann ging alles sehr schnell: Angriff auf sein Hotel, Flucht nach Istanbul. Rekonstruktion der dramatischen Putsch-Nacht.

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Es waren ungewisse Stunden in der Türkei, in der Nacht von Freitag auf Samstag, als Panzer durch die Strassen Istanbuls rollten und über Ankara Kampfhelikopter kreisten. Eine Fraktion innerhalb des Militärs wagte den Putsch gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan, der sich im Süden in den Ferien befand. Erfolglos. Schon am frühen Samstagmorgen verkündete der türkische Präsident seinen Sieg am Flughafen in Istanbul. Er hätte aber nie dort ankommen sollen. Das zeigt eine Rekonstruktion der turbulenten Nacht, gestützt auf Recherchen türkischer Zeitungen, Agenturmeldungen und der Flugroute der Präsidentenmaschine.

Eine Stunde bevor Soldaten versuchen, in den grossen türkischen Zentren die Kontrolle zu übernehmen, erhält Recep Tayyip Erdogan eine SMS. «Ein Putsch findet statt, die Situation in Ankara ist ausser Kontrolle. Komm nach Istanbul, und ich werde den Weg für dich freimachen. Du bist unser legitimer Präsident.» Die Nachricht stammt von Ümit Dündar, Kommandant der 1. Armee. Sie erreicht Erdogan im Grand-Yazici-Hotel in Marmaris, einem Ferienort an der türkischen Ägäis, rund 500 Kilometer südlich von Istanbul. Er holt dort seinen Ramadan-Urlaub nach, den er wegen des Nato-Gipfels in Warschau während des Fastenmonats aufschieben musste.

22:30 Uhr Ortszeit: Truppen besetzen die Bosporus-Brücke und die Fatih-Sultan-Mehmet-Brücke in Istanbul, Soldaten marschieren durch die Strassen. Über Ankara kreisen Militärhelikopter, Kampfjets donnern im Tiefflug über die Hauptstadt. Der türkische Premierminister Binali Yildirim verkündet kurze Zeit später, dass eine Fraktion innerhalb der Armee «unsanktionierte Aktivitäten» ausführen würde.

22:38: Der TV-Sender CNN Turk vermeldet, Präsident Erdogan sei in Sicherheit.

23:00: Soldaten der Putschfraktion besetzen den Flughafen Atatürk in Istanbul.

Ein Mann steht am Freitagabend vor einem Panzer am Flughafen Atatürk in Istanbul (15, Juli 2016, Bild: IHA via AP).

00:05: Putschisten zwingen die Moderatorin des öffentlich-rechtlichen TV-Senders TRT mit vorgehaltener Waffe, vor der Kamera eine Botschaft zu verlesen. Der «Rat für den Frieden im Land» habe die Macht übernommen, um die Türkei vor der zunehmend autokratischen Herrschaft Erdogans zu schützen.

00:11: Der Präsident verlässt das Hotel in Marmaris in Richtung des Flughafens Dalaman, knapp eineinhalb Autostunden östlich des Ferienortes. 15 Minuten später wendet sich Erdogan in einem von CNN-Türk übertragenen Videoanruf an die türkische Bevölkerung: «Wir werden das überwinden. Die Verantwortlichen werden den gerechten Preis bezahlen.» Und er ruft das Volk dazu auf, öffentliche Plätze und Flughäfen zu besetzen. Ob es einen Angriff auf sein Leben gegeben habe, fragt die Moderatorin. Bislang nicht, antwortet Erdogan.

Erste Ansprache des Präsidenten: Erdogan meldet sich via Facetime (16. Juli 2016, Quelle: CNN-Türk).

Etwa eine halbe Stunde nachdem der Präsident das Grand-Yazici-Hotel verlassen hat, greifen drei Militärhelikopter mit rund 40 Mitgliedern einer Spezialeinheit das Gebäude an. Ihre Mission: Erdogan festnehmen oder töten. Die Präsidentengarde verteidigt das Hotel, im Feuergefecht sterben zwei Sicherheitskräfte, sieben weitere werden verletzt. Ein Teil der Soldaten setzt sich nach dem missglückten Angriff in die umliegenden Berge ab. Sie werden immer noch gesucht. Einige Medien melden derweil, dass der türkische Präsident auf dem Weg nach Deutschland sei – eine Falschmeldung.

1:40 Uhr: Erdogans Präsidentenmaschine taucht auf dem Flugradar auf. Die Gulfstream IV mit der Flugnummer TK8456 hebt in Dalaman ab und nimmt Kurs auf Istanbul. Dort halten Putschisten immer noch den Flughafen Atatürk besetzt. Der Widerstand der Erdogan-Anhänger wächst aber, Tausende stellen sich den Soldaten in den Weg, Unbewaffnete hindern Panzer an der Weiterfahrt.

Die Gulfstream IV-SP der türkischen Luftwaffe (Bild: Türkische Luftwaffe).

In der Luft werden Erdogans Businessjet und seine Begleiter, zwei F-16-Kampfjets, von ebenfalls zwei F-16 der Putschisten ins Visier genommen. «Warum sie nicht geschossen haben, ist ein Rätsel», sagt später ein hochrangiger Militär dazu.

1:59: Ein Kampfjet der Armee schiesst einen Militärhelikopter der Putschisten über Ankara ab. Der loyale Teil der Luftwaffe hat die Weisung, alle Flugobjekte über Regierungsgebäuden unter Beschuss zu nehmen. Die Präsidentenmaschine überfliegt gerade das Umland der Küstenstadt Izmir.

2:20: Im Flughafen Atatürk gibt es immer noch Gefechte zwischen den Putschisten und Sicherheitskräften der Regierung. Die Gulfstream mit Erdogan an Bord ist gezwungen, südlich von Istanbul Warteschleifen zu fliegen.

Die Präsidentenmaschine fliegt Schlaufen kurz vor Istanbul (Bild: Flightradar24).

2:39: Jets der Puschisten bombardieren das Parlamentsgebäude in Ankara, es gibt viele Verletzte.

Im Flugzeug trifft der Präsident eine Entscheidung: «Erdogan fragte den Piloten, ob er nur mit den Scheinwerfern des Flugzeugs und ohne Erlaubnis des Towers landen könne», erzählt es später Justizminister Bekir Bozdag. Dieser habe gesagt, es sei möglich, aber riskant. Erdogan habe dann befohlen, in Istanbul zu landen. Der Pilot schaltet den Transponder auf dem Landeanflug aus, um unentdeckt zu bleiben.

3:20: Der Jet des Präsidenten landet am Istanbuler Flughafen Atatürk. Rund 20 Minuten später tritt Erdogan vor das Gebäude. «Der Präsident, den 52 Prozent des Volkes an die Macht gebracht haben, hat die Kontrolle. Die Regierung, die vom Volk an die Macht gebracht wurde, hat die Kontrolle», erklärt er. Die Menge jubelt frenetisch.

4:33: Die Polizei und Erdogan-Anhänger haben mittlerweile die meisten Putschisten überwältigt. Um das Militärhauptquartier in Ankara gibt es noch Scharmützel, Militärhelikopter greifen die Geheimdienstzentrale an. Es kommt zu Lynchmob-ähnlichen Szenen, Demonstranten prügeln auf einer Istanbuler Brücke auf die Soldaten ein. Die Polizei muss die Putschisten beschützen.

9:02: Omer Celik, EU-Minister der Türkei, sagt, der Putschversuch sei zu «90 Prozent unter Kontrolle».

Im Verlaufe des Samstagmorgens wird endgültig klar: Der Putsch ist gescheitert. Erdogan ist immer noch an der Macht, die blutige Nacht mit 300 Toten und mehr als 1400 Verletzten bezeichnet er als «Geschenk Gottes» und beginnt damit, Armee, Justiz und Polizei von «Krebsgeschwüren» und «Viren» zu säubern.

13:20: Recep Tayyip Erdogan kommt in seinem Zuhause in Istanbul an. Hunderte Anhänger heissen ihn willkommen.

Quellen: Flightradar24, Reuters, CNN, CNN Turk, Middle East Eye, TRT, Daily Sabah, Al-Jazeera, Hurriyet Daily News, Stratfor, Andalou Agency (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.07.2016, 19:31 Uhr

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