Vom alltäglichen Holocaust

Vor 75 Jahren wurde Auschwitz befreit. Ein Historiker zeichnet den Alltag im KZ nach – und lässt das Unvorstellbare vorstellbar werden.

Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, zentraler Schauplatz des Massenmordes an den Juden im Zweiten Weltkrieg. Foto: Florian Bachmeier/Photo12

Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, zentraler Schauplatz des Massenmordes an den Juden im Zweiten Weltkrieg. Foto: Florian Bachmeier/Photo12

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«Lieber Leser, ich schreibe diese Worte in Augenblicken meiner grössten Verzweiflung.»

So beginnt ein Text von Salmen Gradowski, verfasst im Frühjahr 1944 in Auschwitz-Birkenau und nach der Befreiung unweit der zerstörten Krematorien in einer Blechbüchse entdeckt. Gradowski war Ende 1942 in das Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt worden. Seine Frau Sonja, seine Mutter und zwei Schwestern werden sofort nach der Ankunft vergast. Gradowski gehört zu der viel kleineren, zur Zwangsarbeit selektierten Gruppe, und schon bald schickt ihn die SS in das gefürchtete Sonderkommando: Häftlinge, die Hilfsarbeiten beim Massenmord an anderen Gefangenen zu verrichten haben.

Unsere Vorstellung von Auschwitz hat oft wenig gemein mit dem Auschwitz, in dem Gradowski lebte und starb.

Bis zu seinem eigenen Tod im Lager zeichnete Gradowski die endlose Prozession der Todgeweihten in die Gaskammern auf, von ihren Tränen beim Entkleiden bis zum Abtransport ihrer Asche in Schubkarren. Gradowski hoffte, seine Notizen würden eines Tages gefunden und kommenden Generationen helfen, sich ein Bild von «der Hölle Birkenau-Auschwitz» zu machen. Er appellierte an die Vorstellungskraft des Finders seiner Schriften: «Du wirst dir schon vorstellen, wie die Wirklichkeit ausgesehen hat.»

Auschwitz ist nicht, wie Gradowski befürchten musste, in Vergessenheit geraten. Als zentraler Schauplatz des Massenmordes an den Juden – rund eine Million von ihnen hat die SS dort getötet – nimmt das Lager einen besonderen Platz in der kollektiven Erinnerung ein. Aber unsere Vorstellung von Auschwitz hat oft wenig gemein mit dem Auschwitz, in dem Gradowski lebte und starb. Als Symbol des Bösen hat sich das Lager von den konkreten Gegebenheiten entfernt. Die gängigen Bilder schweben dabei oft frei über dem historischen Kontext, was Mythenbildung und falschen Vorstellungen Vorschub leistet. Wie kommen wir also Gradowskis Aufruf nach, uns ein Bild von Auschwitz zu machen, das der Wirklichkeit näher kommt? Eine Möglichkeit ist, die «gelebte Erfahrung» (ein Begriff des amerikanischen Ethnologen Clifford Geertz) der Gefangenen, der Täter und der Zuschauer sichtbarer zu machen. Dazu gehört das reale Gelände der Verfolgung. Wenn wir uns näher anschauen, wie die Räume und Orte sinnlich wahrgenommen wurden und welche Empfindungen mit ihnen verbunden waren, sehen wir das Lager in grösserer Deutlichkeit.

Der Durst und die Kälte

Nach dem deutschen Überfall auf Polen im Herbst 1939 begann die SS schon bald Ausschau zu halten nach geeigneten Orten für ein neues Konzentrationslager für polnische politische Gefangene. Ihre Wahl fiel auf die oberschlesische Stadt Oswiecim (von den Besatzern in Auschwitz umbenannt), für die eine gute Verkehrsanbindung und ein Kasernenareal am Ortsrand sprach, das den Kern des neuen Lagers bilden würde. Allerdings lag es in einer unwirtlichen Umgebung, und in den Folgejahren beschwerten sich SS-Männer immer wieder über die schlechten Bedingungen vor Ort, über Insekten und Infektionen. In ihrem kolonialen Herrschaftsdenken lasteten sie diese dem «primitiven Osten» an.

Was für die Besatzer lästig war, stellte für die von SS-Misshandlungen geschwächten Gefangenen eine tödliche Gefahr dar. Sie zählten die Natur zu einem weiteren Feind, denn jede Jahreszeit hielt ihre eigenen Qualen bereit. Im Frühjahr und Herbst sorgten Regenfälle und starker Wind dafür, dass alle, die im Freien arbeiten mussten, bis auf die Knochen durchnässt wurden. Der dicke Schlamm, der weite Teile des Geländes überzog, heftete sich schwer an müde Füsse und zerrissene Kleidung und drang in die Träume der Gefangenen vor. «Wenn es regnet», schrieb Primo Levi später, «möchte man weinen können.»

Zivilisten und Soldaten bergen Anfang Februar 1945 Leichen aus einem Massengrab in Auschwitz – kurz nach der Befreiung des Konzentrationslagers durch die Rote Armee. Foto: Getty Images

War der Boden im Sommer unter der Sonne getrocknet, verwandelten sich grosse Teile des Lagers in eine staubige Wüste. Die Hitze lastete auf den von der Sonne verbrannten Insassen, die nun noch mehr unter Fliegen und Mücken zu leiden hatten. Am schlimmsten war der unerträgliche Durst, der den Mund so austrocknete, dass das Sprechen kaum mehr möglich war. Aber auch die Kälte war unter den Gefangenen gefürchtet. Die dünnen Uniformen und primitiven Baracken boten kaum Schutz vor Frost und Schnee. Mit dem Winter nahte, das war bekannt, die Jahreszeit der Erfrierungen und Amputationen.

Unterdessen machte sich die SS daran, die natürliche Umgebung mithilfe von Sklavenarbeit zu kultivieren. Sie liess Beete anlegen und Bäume pflanzen, um ihre Amtsstuben zu verschönern und ihre Verbrechen zu verbergen. Zu diesen Veränderungen der natürlichen Umgebung traten umfangreiche Baumassnahmen. Die Gebäude, Ruinen und 13 Kilometer Umzäunung, die die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau heute ausmachen, sind die greifbaren Überreste dessen, was einmal eine Metropole des Terrors war. Der heutige Besucher der Gedenkstätte begegnet einem Ort der Stille, der wie festgefroren daliegt. Um uns vorzustellen, wie es dort früher einmal aussah, müssen wir ihn aus dieser Starre lösen. ­SS-Männer auf Velos, Motorrädern und in Autos fuhren ständig kreuz und quer durchs Gelände. Auch die Insassen waren in dauernder Bewegung, rannten zu den Latrinen, marschierten in Kolonnen zur Arbeit oder schleppten sich in die Krankenstuben. Tagein, tagaus trafen Züge und Lastwagen mit neuen Gefangenentransporten ein oder brachten Häftlinge von einem Ort zum anderen. Beim «Geräusch der wohlbekannten Autoräder» wussten Gefangene wie Salmen Gradowski, die im Sonderkommando bei den Krematorien arbeiteten, dass neue Opfer auf dem Weg waren.

Eine riesige Baustelle

Pausenlos wurden Waren für die SS angeliefert, von Baumaterialien bis zum Giftgas, oder Dinge versandt: angefangen bei kriegswichtigen Gütern, die die Häftlinge hergestellt hatten, bis hin zur Habe der ermordeten Juden. Gegen Ende wurden sogar Teile der Krematorien verladen, in der Hoffnung, sie andernorts wieder verwenden zu können.

Das Lager befand sich also unablässig in Bewegung. Das galt nicht nur für Menschen und Waren, sondern auchfür das Areal, das sie durchquerten. Auschwitz war eine riesige Baustelle, die sich permanent veränderte. Gebäude wurden abgerissen, erweitert oder neu errichtet. Die Krematorien von Birkenau zum Beispiel, die 1942/43 errichtet wurden, dienten als unermüdliche Erinnerung an das, was vielen Gefangenen bevorstand. Obwohl nur wenige die Gebäude direkt sehen konnten, waren sie dennoch allgegenwärtig: Die Häftlinge rochen das brennende Fleisch und sahen das rote Leuchten darüber in der Nacht und den dichten Rauch am Tag.

Mit den Bauvorhaben wollte die SS ihre Herrschaft zementieren. Aber unabsichtlich eröffnete sie den Häftlingen damit auch Handlungsspielräume. Je mehr Bauunternehmen im Lager arbeiteten, umso mehr ergab sich die Gelegenheit für Bestechungen und Tauschgeschäfte. Das über das ganze Areal verteilte Baumaterial und der Betrieb erschwerten es, die Übersicht zu behalten. Verstellte Sichtachsen öffneten Räume für verbotenes Tun. Bei aller Macht war die SS also nicht allgegenwärtig. Gefangene entwickelten, um einen Begriff des Historikers Tim Cole zu verwenden, «räumliche Überlebensstrategien». Ungeachtet der strikten Verbote fanden sie Möglichkeiten, um miteinander zu sprechen, zu beten, zu kochen und sich manchmal sogar zu betrinken.

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Lager wie Auschwitz werden manchmal als Orte gesehen, in denen der totale Herrschaftsanspruch des NS-Systems perfekte Gestalt annahm. Aber die monumentalen Baupläne und Entwürfe hatten oft wenig Ähnlichkeit mit der gebauten Realität. Die Prioritäten änderten sich immer wieder, und die ­SS-Planer wurden durch Versorgungsengpässe, schlechtes Wetter und, allem voran, durch Massensterben ihrer Sklavenarbeitskräfte ausgebremst. Am Ende wichen die grossen Visionen regelmässig schnellen Behelfslösungen. Es ist ein Irrtum, Auschwitz als eine geradlinige, einspurige totalitäre Maschine zu betrachten. Fluss und Fluidität prägten auch die Grenzen, die Auschwitz in verschiedene Zonen teilten. Meist waren diese Räume von der SS geschaffen worden, um Häftlinge nach Kriterien wie Gesundheit, Geschlecht und Herkunft zu isolieren.

Am wichtigsten war dabei die Grenze, die den Lagerkomplex von der Aussenwelt trennte. Die Lagerabschnitte für Häftlinge waren von Stacheldraht, Zäunen und Wachtürmen umgeben: Auschwitz, so begrüsste Obersturmführer Karl Fritzsch 1940 die mit dem ersten Massentransport nach Auschwitz eintreffenden polnischen politischen Gefangenen, sei «ein deutsches Konzentrationslager, aus dem es keinen anderen Ausgang gibt als durch den Schornstein des Krematoriums». Aber die meisten Insassen hielten sich nur nachts in ihren Blöcken auf. Tagsüber verrichteten sie oft Sklavenarbeit ausserhalb des Schutzhaftlagers, eskortiert von SS-Wachen. Andere bezogen Kontrollpunkte, die weite Bewachungsringe um Teile des «Interessengebietes» bildeten. Diese Besatzung wurde nach Ende des Arbeitstages, wenn die Häftlinge in ihre Blöcke zurückgekehrt waren, wieder abgezogen. Auf diese Weise erweiterten und verengten sich die Lagergrenzen von Auschwitz täglich.

Aus Sicht der SS diente die Abschirmung des Lagers von der Aussenwelt der Kontrolle über die Gefangenen, den Warenverkehr und den Informationsfluss. Aber die Arbeitseinsätze ausserhalb des Lagers machten diese Grenze durchlässiger und boten Gelegenheiten für heimliche Kontakte zwischen den Häftlingen und der Bevölkerung. Polnische Zivilisten liessen den Insassen Nahrungsmittel und Medikamente zukommen und erfuhren manches, was im Lager vor sich ging.

Gestank, Rauch und Sirenen

Nachrichten über die Verbrechen der SS drangen auch auf anderem Wege aus dem Sperrgebiet nach aussen – etwa über Ehefrauen der SS-Männer und Arbeiter der Reichsbahn. In der Stadt Auschwitz kursierten nicht nur Gerüchte. Denn kein Zaun konnte die übel riechenden Rauchschwaden aufhalten, die bei starkem Wind aus Birkenau bis hin zum Bahnhof und darüber hinaus zogen. Eine deutsche Lehrerin, die von Berlin nach Auschwitz gezogen war, fand ihren Schreibtisch zu Hause eines Tages mit weissgrauen Flocken übersät, die wie Zigarrenasche aussahen. Ihre Vermieterin erklärte, es handele sich um «Menschenasche» aus dem Konzentrationslager. «Sie verbrennen dort wieder welche im Krematorium.»

Die materiellen Spuren des Massenmordes – Gestank, Rauch, verbrannte Überreste aus den Öfen – werfen ein Schlaglicht auf die enorme Rolle der Sinneswahrnehmung für die Gefangenen in Auschwitz. Ihr Tagesrhythmus wurde mit Gongschlägen, Sirenengeheul und Pfeifen vorgegeben. Während das Zeitgefühl der Häftlinge allmählich an Konturen verlor, weil die Tage ineinander verschwammen, war jeder einzelne Tag scharf von SS-Geräuschen unterteilt. In Ermangelung von Uhren mussten sich die Insassen für die Zeitmessung im Lager an der Geräuschkulisse der SS orientieren, die ihren Bewegungen, beginnend mit dem Wecken und dem Morgenappell, den Takt vorgab. Wer ein Signal verpasste, befand sich in grösster Gefahr.

Obwohl die Sinne so bestimmend für das Erleben der Insassen waren, nehmen Auschwitz-Studien hierauf selten Bezug. Schon in den 1970er-Jahren schrieb der amerikanische Literaturwissenschaftler Terrence Des Pres in einer richtungsweisenden Arbeit über die Todeslager, dass wir «gerne vergessen, wie die Lagerhäftlinge aussahen und rochen». Nur wenige Historiker sind seiner Anregung gefolgt, sich genauer mit diesen Aspekten des Alltagslebens im Lager zu befassen – vielleicht aus der Befürchtung heraus, sie könnten damit die Würde der Opfer verletzen. Doch die körperliche Realität der SS-Misshandlungen auszublenden, trägt nur dazu bei, die Lager keimfrei zu machen, die Opfer zu verklären und so das Geschehen noch weiter zu entwirklichen.

Historische Emotionsforschung

Sich Auschwitz vorstellen heisst, sich eine tägliche Dauerattacke auf die Sinne vorzustellen. Des Pres beschreibt in seiner Arbeit den «Fäkalangriff» der Lager, wo Gefangene und Gelände in Urin und Kot versanken. Des Pres irrt, wenn er hierin eine bewusste Strategie der SS zur Entwürdigung der Gefangenen sieht. Die unter ihnen grassierende Diarrhö war tatsächlich eine Folge von Hungerrationen und systematischer Überbelegung. Aber die olfaktorischen Aspekte eines Ortes wie Auschwitz untersucht er zu Recht. Schliesslich waren die Exkremente überall, und der Durchfall – der manchen Häftling zwang, sich mehr als zwanzigmal am Tag zu entleeren – erniedrigte seine Opfer und führte zu lebensbedrohlicher Entkräftung.

Der Geruch gab auch Aufschluss über die Position jedes Einzelnen in der Häftlingshierarchie und verstärkte sie noch weiter. Einige wenige Privilegierte hatten Zugang zu sauberem Wasser, Medikamenten, frischer Kleidung, manchmal sogar zu Parfüm, das sie aus den Magazinen «organisierten», in denen die Habe der ermordeten Juden aufbewahrt wurde. Am untersten Ende der Skala standen die Insassen mit dem übelsten Körpergeruch. Sie wurden gemieden und liefen permanent Gefahr, ins Gas geschickt zu werden.

Bei SS-Angehörigen und ihren Komplizen verstärkte der Gestank von Auschwitz derweil die Vorstellung, dass es sich bei den Häftlingen um gefährliche, schmutzige und kranke Untermenschen handelte. Einigen Insassen ging es besser: Die zur Büroarbeit ausgewählten Gefangenen durften sich oft häufiger waschen und erhielten bessere Häftlingskleidung, um dem SS-Personal den schlimmsten Gestank zu ersparen und es vor ansteckenden Krankheiten zu schützen. Doch nicht alle konnte das­ ­beruhigen. Unterscharführer Bernhard Kristan von der Politischen Abteilung in Auschwitz etwa entsetzte der Gedanke, die Klinke zum Zimmer der jüdischen Schreiberinnen mit der Hand herunterzudrücken, dazu nahm er den Ellbogen.

Rudolf Höss, Kommandant von Auschwitz, beschreibt in seinen Aufzeichnungen, dass er beim Töten jedes Mitgefühl zu unterdrücken verstand.

Das bringt uns zu der komplexen Vielfalt an Gefühlen im Lager, auch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt in der Beschäftigung mit gelebten Erfahrungen in Auschwitz. Eine erste Annäherung an eine systematische historische Emotionsforschung ermöglicht Barbara Rosenweins Konzept der «emotionalen Gemeinschaften» – soziale Gruppen, die Vorstellungen über geforderte und missbilligte Gefühle teilen sowie darüber, welche Formen des Gefühlsausdrucks zulässig sind. Die Lager-SS bildete solch eine emotionale Gemeinschaft. Eine ihrer Regeln lautete, dass Mitgefühl für Gefangene weder empfunden noch gezeigt werden durfte. Gefühlsaufwallungen angesichts etwa eines weinenden Kindes mochten im ­Privatkreis tolerabel sein. Öffentlich ­bekundete Betroffenheit oder Bestürzung hingegen waren tabu.

Rudolf Höss, Kommandant von Auschwitz, beschreibt in seinen Aufzeichnungen, dass er beim Töten jedes Mitgefühl zu unterdrücken verstand. Er hielt es für das Ideal eines «politischen Soldaten», kaltblütig Befehle auszuführen, ohne aber an den Schmerzen der Opfer Gefallen zu finden. Höss pflegte ein pervertiertes Verständnis von Pflicht und Anstand wie Himmler. Dieser wollte seine Männer ein «Ruhmesblatt» der Geschichte schreiben sehen, wie er die Ermordung der europäischen Juden nannte, und wünschte, dass sie hart, aber nicht grausam seien. Unter den Männern in der Lager-SS gab es viele, die diesen grotesken Unterschied nicht machten und sich Gewaltexzessen hingaben. In der Hoffnung auf Beförderung setzten einige ihren Hass in Szene, etwa auf dem Appellplatz, bald schon als Ort besonderer Grausamkeit gefürchtet.

Die SS-Gewalt vermittelte den Häftlingen auch klare Normen für ihre Gefühlsäusserungen. Sie lernten schnell, dass man besser nicht auffiel, wenn man nicht zur Zielscheibe von Gewalt werden wollte. Jede erkennbare Gefühlsregung brachte diese Gefahr mit sich, denn bereits ein Laut, eine Geste – das kleinste Anzeichen von Angst oder Empörung – konnte die Aufmerksamkeit der SS auf einen lenken. Daher versuchten die Insassen, ihre Gefühle bei jeder Begegnung mit der Lager-SS zu verbergen.

Lücken werden mit Mythen gefüllt

Diese Gefühlsbeschränkungen durchzogen alle Lagerabläufe und Räume. Eine in der Schreibstube eingesetzte jüdische Gefangene stiess 1942 beim Ausfüllen von Formularen für Todesfälle auf den Namen ihres Bruders, «schluchzte, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und stöhnte leise». Als Stimmen von SS-Leuten aus dem Nachbarzimmer drangen, hörte sie sofort auf zu weinen, wie sich eine Freundin erinnert. «Allein ihre roten Augen und das Zittern, das ihren Körper durchfuhr, zeugten, wie sehr sie litt.»

Im Angesicht seines nahezu sicheren Todes verlangt Salmen Gradowski von uns das Unmögliche: uns das ganze Grauen von Auschwitz vorzustellen. In seiner Totalität liegt Auschwitz jenseits des uns Vorstellbaren. Aber wir müssen es trotzdem versuchen und dabei der gelebten Erfahrung – den räumlichen, sinnlichen und emotionalen Dimensionen von Auschwitz – mehr Beachtung schenken. Sonst bleibt eine Lücke, die weiterhin mit Mythen aufgefüllt wird. Um es mit Tony Judt zu sagen: Weil die Erinnerung an den Holocaust, wie er wirklich war, nicht möglich ist, läuft er Gefahr, so in Erinnerung zu bleiben, wie er nicht war.

Erstellt: 24.01.2020, 19:08 Uhr

Nikolaus Wachsmann

Der gebürtige Deutsche hat 2015 mit«KL – Die Geschichte der national-sozialistischen Konzentrationslager» (Siedler-Verlag) ein mehrfach preisge-kröntes Standardwerk zur NS-Zeitverfasst. Wachsmann ist Historiker und lehrt heute als Professor an der University of London. Der 48-Jährige ist zudem Mitglied der Royal Historical Society. (cix)

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