Vom militanten Aktivisten zum selbst ernannten Märtyrer

Eine Mischung aus Fremdenfeindlichkeit und Homophobie trieb den französischen Rechtsextremen Dominique Venner in den Selbstmord in der Notre-Dame. Wer war der Publizist und Historiker?

1500 Besucher waren in der Kathedrale, als der Schuss fiel: Die Pariser Notre-Dame nach dem Selbstmord. (21. Mai 2013)

1500 Besucher waren in der Kathedrale, als der Schuss fiel: Die Pariser Notre-Dame nach dem Selbstmord. (21. Mai 2013) Bild: AFP

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Der französische Historiker und Publizist Dominique Venner hat sich gestern vor den Augen von 1500 Besuchern der Pariser Kathedrale Notre-Dame umgebracht. Zuvor hatte der bekennende Rechtsextreme noch einen Abschiedsbrief auf den Altar gelegt – eine symbolträchtige Geste, die nun in Frankreich Venners Gedankengut in den Fokus rückt. Denn der 78-Jährige hat sich erklärtermassen aus politischen Motiven getötet.

Seine letzten Worte wurden gemäss der französischen Zeitung «Le Monde» auf dem Radiosender Courtoisie verlesen, bei dem er eine eigene Sendung gehabt hatte. Demnach wollte Venner seine Tat unter anderem als Auflehnung gegen die Einwanderung verstanden wissen: «Ich sehe es als meine Pflicht zu handeln, solange ich noch die Kraft dazu habe. Ich glaube, es ist nötig, mich zu opfern, um uns aus der Lethargie zu befreien, die uns bedrückt. Ich habe einen höchst symbolischen Ort dazu gewählt, den ich respektiere und verehre. Meine Tat beinhaltet eine Willensethik. Ich bringe mich um, um das betäubte Bewusstsein wieder aufzuwecken.» Er lehne sich gegen das Verbrechen auf, die französische Bevölkerung auswechseln zu wollen, heisst es demnach im Abschiedsbrief weiter.

Le Pens Reaktion war sinnbildlich

Die für ihn bedrohliche Einwanderung scheint aber nur einer der beiden ideologischen Gründe für seinen Selbstmord gewesen zu sein: Noch gestern hatte Venner nämlich in seinem Internetblog die nun in Frankreich offiziell eingeführte Homoehe als «verwerflich» und «abscheulich» kritisiert. Und: Die wahre «Gefahr» sei eine Islamisierung Frankreichs infolge der Einwanderung aus Nordafrika. Im Kampf dagegen seien «neue, spektakuläre und symbolische Gesten» notwendig. «Wir kommen in eine Zeit, in der die Worte durch Taten beglaubigt werden müssen.»

Obwohl in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt, hatten und haben Venners Worte in gewissen Kreisen durchaus Gewicht: Er genoss unter Rechtsextremen ein grosses Ansehen. Sinnbildlich dafür war denn auch die Reaktion von Marine Le Pen, der Chefin des Front National. Sie sprach ihm via Twitter ihren Respekt aus und liess verlauten, Venners Tod sei «höchst politisch». Er habe «versucht, das französische Volk aufzuwecken». Damit dürfte die politische Debatte lanciert und Venners Ziel erreicht sein.

Gefängnisaufenthalt wegen seines Aktivismus

Der 78-Jährige hat über viele Jahre zahlreiche historische Publikationen veröffentlicht und galt als der «Vater der modernen äussersten Rechten Frankreichs» («Le Monde»). Seinen Radikalismus entwickelte er an der Front: Als der Algerienkrieg 1954 begann, meldete Venner sich gemäss «Le Figaro» freiwillig. Dort kämpfte er bis Oktober 1956.

Ebenfalls 1954 gründete er mit einem Weggefährten die Organisation Jeune Nation, die für die Beibehaltung der französischen Kolonie Algerien kämpfte. Die Bewegung ging 1958 mit der terroristisch agierenden Geheimorganisation OAS (Organisation Armée Secrète) zusammen. Venner wurde wegen seines Aktivismus inhaftiert und verbrachte 18 Monate im Sektor für politische Gefangene im La-Santé-Gefängnis.

Er blieb eine einflussreiche Figur

Nach seiner Freilassung im Herbst 1962 gründete er schliesslich nationalistische paneuropäische Gruppen wie etwa Europe-Action. In diesen Vereinigungen organisierten sich rechte Intellektuelle. Und obwohl Venner dem militanten Aktivismus Mitte der 1970er-Jahre entsagte, blieb er eine einflussreiche Figur in der rechten Szene – für mehrere Generationen. In seinen späteren Schriften, unter anderem als Herausgeber von Monatszeitschriften, befasste er sich als Essayist und Historiker mit den «Quellen der europäischen Identität» oder mit dem «Christentum als universeller Religion». Zudem verschaffte er sich auf dem Gebiet der Waffenkunde einen Namen.

In einem seiner letzten Bücher («Le choc de l'histoire» aus dem Jahr 2011) zeigte er sich fasziniert von mehreren Schriftstellern, die sich umgebracht hatten, um «gegen die Unwürdigkeit, in der ihre Länder versunken waren, zu protestieren». Als Beispiele nannte er Henry de Montherlant, Pierre Drieu La Rochelle oder Yukio Mishima. Diesem Thema blieb er in mehreren jüngeren Publikationen treu. (rbi)

Erstellt: 22.05.2013, 14:47 Uhr

Hatte in zahlreichen rechten Organisationen mitgewirkt: Dominique Venner.

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