Von Frontisten, Hexen und Schweinen

Frankreichs Medien nehmen die Städte des Front National unter die Lupe – auf der Suche nach Hässlichem.

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Es gibt spannendere Ortschaften in Frankreich als Fréjus, Beaucaire und Hénin-Beaumont. Schönere auch. Wenn diese Provinzstädte nun doch viel Licht auf sich ziehen, dann nur deshalb, weil sie neuerdings von Herrschaften des rechtsextremen Front National (FN) regiert werden, denen die Medien viel Unsägliches und Hässliches zutrauen. Und die handkehrum alles daran setzen, die Prognosen zu widerlegen. So jedenfalls lautet die Devise der Chefin. Marine Le Pen möchte aus Fréjus, Beaucaire, Hénin-Beaumont und den neun weiteren Ortschaften, die ihre Partei jüngst bei den Lokalwahlen gewonnen hat, Schaufenster des neuen, «entteufelten» Front National machen – Vitrinen der Salonfähigkeit. Es gibt viel zu beweisen. Frühere Erfahrungen mit Bürgermeistern des FN endeten im Desaster.

Um unliebsamen Ohren vorzubeugen, liess David Rachline, der erst 26-jährige Maire von Fréjus im Var, mit 53'000 Einwohnern die grösste Eroberung des FN, zuerst mal sein Büro nach Wanzen absuchen. Er beauftragte dafür eine spezialisierte Firma. Ob sie fündig wurde, ist nicht bekannt. Fündig wurde jedenfalls das Magazin «Le Point», dem ein Video zugespielt wurde. Darin sieht man Rachline in einem Mercedes mit Chauffeur im Pariser Stadtverkehr, gefilmt am 1. Mai vor zwei Jahren, nach einem Marsch des FN. Der kahl geschorene Fahrer und der Parteiaufsteiger amüsieren sich darüber, dass sich Skinheads unter die Teilnehmer der traditionellen 1.-Mai-Demonstration der Linken und der Widerstandskämpfer des Zweiten Weltkriegs gemischt hatten. Der Chauffeur legt noch einen drauf: «Mercedes, das Auto des Führers.» – Rachline, laut prustend: «... des Führers.» Vielleicht wäre die Wahl in Fréjus anders herausgekommen, wenn die Fréjusiens den gar nicht so entteufelten Humor des Bewerbers vorab gekannt hätten.

Lauter Leisetreter

Überaus artig und vorsichtig gab sich während der Kampagne auch Steeve Briois, der erste Frontist, der eine Wahl bereits nach der ersten Runde gewinnen sollte. Hénin-Beaumont im Norden, muss man dazu wissen, ist seit einigen Jahren das Labor der Chefin höchstpersönlich. In der ehemaligen Minenstadt, getroffen von der Desindustrialisierung, demonstriert Le Pen, dass sie auf vermeintlichem Heimterrain der Linken genauso erfolgreich sein kann wie auf dem Turf der Rechten, wenn nur die soziale Not gross genug ist. Briois triumphierte als Leisetreter. Er versprach, keine Hexenjagd zu betreiben. Doch kaum war er gewählt, bestrafte er ein Symbol der Stadt: Die örtliche Menschenrechtsliga erhält ab sofort keine Subventionen mehr, weil sie gegen den FN Kampagne gemacht hatte, was ja nicht wirklich verwunderlich ist. Bescheidene 300 Euro jährlich waren es. Sie muss auch das kleine Lokal verlassen, das ihr die Stadt bisher zur freien Verfügung gestellt hatte: 20 Quadratmeter. Briois verpasste da eine billige Chance, auf bekömmliche Art Grossmut zu beweisen.

In Beaucaire im südfranzösischen Departement Gard passierte das Umgekehrte. Dort verzichten Vereine und Organisationen fortan freiwillig auf die städtische Hilfe, um sich nicht mit dem jungen frontistischen Bürgermeister Julien Sanchez, einem politischen Ziehsohn der Familie Le Pen, an einen Tisch setzen zu müssen. Die Veranstalter eines berühmten Musikfestivals ziehen aus Protest aus Beaucaire weg. Die Organisatoren von Filmtagen verlegen ihr Festival ins nahe Tarascon und verzichten dabei auf 15'000 Euro. Sanchez, ein Mann mit bubenhaften Zügen und feinen Umgangsformen, reagierte trotzig: «Perfekt», sagte er, «so lässt es sich besser sparen, die Gemeinde ist nämlich überschuldet.» Das eingesparte Geld will er der Polizei zuführen: Künftig sollen nicht mehr 13 Beamte nächtens durch das kleine Städtchen patrouillieren, sondern deren 25. Das bringt wohl etwas Leben in die Strassen.

Ein bisschen Scheinwerferlicht hat auch Stéphane Ravier verdient, der neue Bürgermeister des 7. Sektors von Marseille, in dem zwei Quartiere der Stadt zusammengefasst sind. Als erste Amtshandlung weigerte sich Ravier, eine Homoehe zu zelebrieren. Überraschender und vitrinentauglicher wäre gewesen, wenn er Jacky und David, zwei Immobilienmakler, ohne Aufhebens verehelicht hätte. Doch die alten Reflexe sind wohl stärker, auch bei der Chefin. Kurz nach den Gemeindewahlen twitterte Marine Le Pen, in den Schulkantinen der Städte, die der FN regiere, werde es künftig wieder Schweinefleisch auf dem Speiseplan geben. Religiöse Verbote halte sie für falsch. Nun, weder in Fréjus, noch in Beaucaire, noch in Hénin-Beaumont gab es je ein Schweinefleischverbot in den Schulkantinen.

Erstellt: 15.04.2014, 18:29 Uhr

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