Von Schottland aus ins All

An der schottischen Nordküste will die Regierung den ersten Weltraumstartplatz Europas bauen. So will Grossbritannien vom Satellitenboom profitieren. Glasgow ist Zentrum dieser Zukunftsbranche.

In der dünn besiedelten Grafschaft Sutherland soll bald ein Weltraumhafen stehen. 2021 könnten die ersten Raketen abheben, wenn alles nach Plan läuft. Foto: Alamy Stock Photo

In der dünn besiedelten Grafschaft Sutherland soll bald ein Weltraumhafen stehen. 2021 könnten die ersten Raketen abheben, wenn alles nach Plan läuft. Foto: Alamy Stock Photo

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Die Landstrasse windet sich durchs Torfmoor. Das Gras und die Heide rechts und links sind jetzt, im November, braungelb, am Horizont faltet sich die Ebene zu kahlen Hügeln auf. Ein paar Schafe grasen am Strassenrand.

Dann hält das Auto an. Roy Kirk steigt aus und weist auf eine kleine Anhöhe im Nirgendwo. «Dahinter wollen wir den Komplex bauen», sagt er. «Von der Strasse aus wird man nicht viel sehen.» Der Komplex, das ist Europas erster Weltraumbahnhof. Dort, auf der Halbinsel A’Mhòine an Schottlands rauer und dünn besiedelter Nordküste, sollen von 2021 an Raketen Satelliten ins All transportieren. Das ehrgeizige Projekt leitet Kirk, ein freundlicher 60-Jähriger, der zum Anzug die hier unverzichtbaren Wanderschuhe trägt.

Satelliten werden bisher nur auf anderen Kontinenten in den Orbit geschossen. Bald schon soll das auch von Europa aus möglich sein. In Sutherland, einer Grafschaft in den schottischen Highlands, liegt die Halbinsel, auf der Kirk den Startplatz errichten will. Die Grafschaft hat nur 13'500 Einwohner. Dafür gibt es viel unberührte, wunderschön karge Natur. Sogar Adler brüten da. Nach Inverness, der nächsten Stadt, sind es gut zwei Stunden mit dem Auto über schmale Strassen, zur schottischen Kapitale Edinburgh sind es fünf.

«Über dem Meer erreichen sie das All. Das ist ideal.»Roy Kirk

Im Café eines kleinen Hotels in der Nähe der Halbinsel klappt Kirk seinen Laptop auf und öffnet Google Maps. Auf der Karte zeigt er den Standort des Spaceports und die geplanten Flugrouten. «Die Raketen heben direkt an der Küste ab und fliegen gen Norden – und damit über das Meer und nicht über Siedlungen», sagt er. «Über dem Meer erreichen sie das All. Das ist ideal.» Kirk hofft, dass nicht nur Satelliten aus Grossbritannien, sondern aus ganz Europa von Schottland aus ihren Weg in den Orbit antreten: «Das hier ist Europas Startplatz.»

Kirk arbeitet für Highlands and Islands Enterprise, die Wirtschaftsförderungsgesellschaft für diese Region Schottlands. Der Durchbruch kam im Sommer. Da entschied die britische Regierung, das Projekt mit 2,5 Millionen Pfund zu unterstützen. Die Regierung will mit dem Spaceport die heimische Raumfahrtindustrie fördern – und vom Boom bei kleinen Satelliten profitieren. Die meisten Satelliten im All haben die Ausmasse von Telefonzellen oder Autos, und an ihnen hängen meterlange Paneele mit Solarzellen. Doch in den vergangenen Jahren wurden immer mehr Minihimmelskörper in den Weltraum geschossen: Solche Cubesats oder Würfelsatelliten sind oft nur so gross wie Schuhkartons und wiegen wenige Kilogramm. Sie beobachten die Erdoberfläche oder übertragen Daten in abgelegene Gebiete. Die Schrumpfkur ist möglich, weil Computerchips, Batterien, Sender und Solarzellen viel leistungsfähiger sind als früher.

In zehn Minuten im Orbit

Grossbritannien ist einer der wichtigsten Hersteller von Minisatelliten. Dies verdankt das Königreich vor allem einer Stadt: Glasgow. Die schottische Industriemetropole, die einen langen Niedergang erlebt hat, ist heute führend bei der Produktion von Würfelsatelliten. Nirgendwo sonst in Europa werden mehr Himmelskörper gefertigt – bloss sind diese eben sehr klein.

Genauso wie die Satelliten werden auch die Raketen und die Anlagen am Boden kleiner sein. In Cape Canaveral heben Raketen mit 70 Metern Länge ab. Auf dem Weltraumbahnhof im Torfmoor sollen die Raketen lediglich 17 Meter lang sein. Minisatelliten drehen nur in erdnahen Umlaufbahnen ihre Runden, oft in 500 bis 600 Kilometern Höhe. Dafür liefern kurze Raketen ausreichend Schub – und sie kosten bei weitem nicht so viel. «Die Raketen bringen die Satelliten in zehn Minuten in den Orbit», sagt Kirk. Der Startplatz wird für Raketen ausgelegt, die bis zu 500 Kilogramm Ladung transportieren: Da können einige Minisatelliten auf einmal mitfliegen.

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Partner bei dem Projekt sind der US-amerikanische Luft- und Raumfahrtkonzern Lockheed Martin und das britische Start-up Orbex. Beide erhalten Millionenzuschüsse von der Londoner Regierung. Orbex entwickelt eine Rakete, um Würfelsatelliten in erdnahe Umlaufbahnen zu schiessen. Die Firma will bei Inverness eine Fabrik bauen, die Raketen für den Spaceport liefert. Lockheed Martin wird dagegen eine bereits erfolgreich getestete Rakete des kleinen US-Produzenten Rocket Lab nutzen.

Insgesamt stehen Kirk für den Spaceport mehr als umgerechnet 20 Millionen Franken zur Verfügung. Der Grossteil stammt von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Highlands. Den Bauantrag will der Schotte in einem Jahr einreichen. Ist die Anlage fertig, soll ein privates Unternehmen sie betreiben.

Jobs für junge Leute

Zunächst rechnet Kirk mit bis zu sechs Starts pro Jahr, hofft jedoch, dass die Zahl später steigt. Denn je besser die Auslastung, desto niedriger die Kosten. Ziel sei es, der Raumfahrtindustrie viele und billige Startmöglichkeiten zu bieten, sagt er. Bisher starteten nicht ge­nügend Raketen; dieser «Flaschenhals» behindere die Hersteller von Minisatelliten. Der Weltraumbahnhof werde vierzig Jobs direkt schaffen und weitere vierhundert bei Zulieferern im Norden Schottlands, verspricht Kirk.

Diese Arbeitsplätze sind für Dorothy Pritchard der wichtigste Grund, das Vorhaben zu unterstützen. Die 61-Jährige lebt in Talmine, einer Ansammlung von Häusern am Ostufer der A’Mhòine-Halbinsel. Die Menschen dort sind die nächsten Anwohner des Weltraumbahnhofs, er wird 5 Kilometer entfernt gebaut. «Wir haben hier sehr wenige Jobs und sehr wenige junge Leute», sagt die pensionierte Lehrerin. Dank des Startplatzes hinter dem Hügel könnten die Jungen Stellen am Ort finden und müssten nicht mehr wegziehen.

Dorothy Pritchard sagt, Bewohner und Mitglieder hätten Bedenken gehabt, ob der Spaceport die Umwelt belasten und die herrliche Ruhe in der einsamen Region stören würde. «Doch es gibt ja nur ein paar Starts pro Jahr, und die Anlage ist aus der Ferne nicht zu sehen», sagt sie. Die Folgen für Tiere und Pflanzen würden sehr genau geprüft. Daher habe sich die Gemeinschaft schliesslich für das Vorhaben ausgesprochen.

Satelittenboom kommt Glasgow gelegen

Fast 300 Kilometer südlich von Talmine, in Glasgow, ist die Freude über den Spaceport jedenfalls gewaltig. Craig Clark, Gründer des Satellitenherstellers Clyde Space, sagt, dass Raketenstartsin Grossbritannien viel Mühe ersparen würden: «Wir müssten Satelliten nicht weit transportieren, es gäbe keinen Ärger mit Exportpapieren», sagt der 45-Jährige. «Das ist eine Riesenhilfe.» Der Ingenieur ist so etwas wie der Vater von Glasgows Satellitenboom – einem Boom, den die drittgrösste Stadt des Königreichs gut gebrauchen kann. Sie war früher reich, hat aber unter dem Niedergang der Werften und anderer Indus­trien heftig gelitten.

Ingenieur Clark stammt aus der Gegend, studierte in der Stadt und fing bei einem Satellitenproduzenten in der Nähe von London an. Nach einigen Jahren zog es seine Frau und ihn zurückin die Heimat, doch da existierten keine Satellitenfirmen. Also gründete er 2005 selbst einen Betrieb in Glasgow. Zunächst fertigte er Zulieferteile für Würfelsatelliten, dann entwickelte er sein eigenes Modell, mit Unterstützung der Raumfahrtbehörde UK Space Agency. Vor vier Jahren wurde dieser Erdtrabant in Baikonur ins All geschossen – es war der erste in Schottland gebaute Satellit. Viele weitere sollten folgen.

Satelliten ab 200'000 Dollar

Clark schloss sein Unternehmen zu Jahresbeginn mit dem schwedischen Anbieter ÅAC Microtec zusammen. Jetzt heisst der Betrieb ÅAC Clyde, beschäftigt 110 Mitarbeiter, und Clark ist Strategievorstand. Am Glasgower Standort werden die Satelliten in einer Werkstatt direkt neben dem Grossraumbüro hergestellt. Angestellte in weissen Kitteln und mit Haarnetzen friemeln hinter der Scheibe an Leiterplatten herum.

Die Minisatelliten, die hier und in anderen Firmen produziert werden, sind viel billiger als die üblichen grossen Satelliten. Craig Clark verkauft ein 4 Kilogramm schweres Gerät mit den Massen eines Schuhkartons schon für 20'000 Dollar. Auch die Kosten für den Start sind niedriger, da eine Rakete mehrere kleine Himmelskörper mitnimmt. Darum können sich nun immer mehr Forschungsinstitute und Konzerne leisten, eigene Satelliten zu betreiben. «Wir stehen am Anfang einer industriellen Revolution im All», sagt Clark.

Weltraumtransporte als lukratives Geschäfte

Fachleute schätzen, dass in den kommenden Jahren Tausende Würfelsatelliten ins All geschickt werden, die Branche wächst rasant. Ein Hemmschuh ist allerdings, dass es nicht genug Raketenstarts gibt und diese sehr teuer sind. Doch verbessert sich die Lage gerade, dank neuer Anbieter wie Space-X von Tesla-Chef Elon Musk, Blue Origin von Amazon-Gründer Jeff Bezos oder Rocket Lab, der Firma, die nun in Sutherland mitmischt: Diese Unternehmen wollen aus Transporten in den Weltraum ein lukratives Massengeschäft machen, mit billigeren Raketen und häufigeren Starts.

Der Sutherland Spaceport soll diese Entwicklung unterstützen. Der Name desjenigen, der dafür verantwortlich ist, bringt so manchen zum Schmunzeln: Captain Kirk heisst der legendäre Kommandant, der das Raumschiff Enter­prise in zahlreichen Fernseh- und Kinofilmen steuert. Und tatsächlich war auch Spaceport-Manager Roy Kirk einmal Captain – in der Armee. «Man könnte also behaupten, dass Captain Kirk von Highlands and Islands Enterprise dieses Projekt leitet», sagt Kirk. Die Abenteuer der Enterprise hatten meist ein Happy End. Vielleicht ein gutes Omen für den Weltraumbahnhof im Torfmoor.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 22.11.2018, 19:12 Uhr

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