«Vor dem Geldautomaten herrscht eine Zweiklassengesellschaft»

Griechenland und der Grexit: Wie ist die Stimmung im Volk vor der entscheidenden Abstimmung? Ein Tourist gibt Auskunft.

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Wie fühlen Sie sich als Tourist in Griechenland: als Voyeur in der Krise oder als Retter in der Not?
Weder noch. Als Halbgrieche besuche ich das Land regelmässig. Diese Reise hatte ich vor einem halben Jahr gebucht. Dass es politisch derart ausartet, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. Die Leute in Athen bleiben aber erstaunlich ruhig.

Beschreiben Sie die Stimmung auf der Strasse.
Auf den ersten Blick scheint die Situation gleich wie früher. Die Unterschiede sind subtil, etwa wenn man eine Bar besucht: Statt zwei Biere bestellen Kunden vielleicht nur noch eines. Die internationale Presse verbreitet teilweise Schreckensmeldungen: Es herrsche Panik und die Situation auf der Strasse sei gefährlich. Ich habe davon wenig gespürt. Als Tourist kann man sich bedenkenlos bewegen, man wird freundlich empfangen. Die Griechen wissen, dass sie auf den Tourismus angewiesen sind – mehr denn je.

Kann noch Geld abgehoben werden?
Problemlos und jederzeit. Hier zeigt sich jedoch der Unterschied zwischen Touristen und Einheimischen, es herrscht gewissermassen eine Zweiklassengesellschaft: Der Bezug für Griechen ist zurzeit auf 60 Euro limitiert. Für Besitzer ausländischer Mastercards gibt es keine Beschränkung. Da kommt man sich schon ein wenig merkwürdig vor, wenn man mit mehreren Hundert Euro in der Tasche die Schlange vor dem Bancomaten verlässt.

60 Euro ist wenig. Geraten die Leute nun in Zahlungsschwierigkeit?
Die meisten Griechen besitzen Bargeldreserven. Der Geldfluss über die Bank ist ohnehin kleiner als in anderen Ländern. Gehälter und Renten werden grösstenteils in bar ausbezahlt. Schwieriger haben es Institutionen wie Restaurants. Vor allem dann, wenn sie eine grössere Lieferung bezahlen müssen.

Kann man in Restaurants oder Lebensmittelläden noch mit Kreditkarte bezahlen?
In jenen, die ich besucht habe, ist dies uneingeschränkt möglich. Anders sieht es vielleicht in kleineren Läden aus. Dort wurde aber ohnehin schon mehrheitlich in bar bezahlt.

Am kommenden Sonntag stimmt Griechenland über das Europaket ab. Was halten die Leute davon, dass sie nun selbst über die Zukunft ihres Landes bestimmen müssen?
Ich denke, sie haben kein Problem damit. Die Meinungen sind ohnehin schon gemacht. Die Anhänger der aktuellen Regierung werden das Paket ablehnen, die Gegner befürworten es. Weil Präsident Alexis Tsipras noch immer eine grosse Unterstützung geniesst, gehe ich von einem Nein aus. (mrs)

Erstellt: 30.06.2015, 14:57 Uhr

Dorian Rodis (35) weilt zurzeit in Athen. Der griechisch-schweizerische Doppelbürger besucht das Land mehrmals im Jahr.

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