Vor den Toren Wiens entsteht die Superstadt

Die Seestadt Aspern ist ein Bauprojekt der Superlative. Mitten in der Retortenstadt: ein Schweizer, der sein Glück gefunden hat.

Bis im Jahr 2028 wollen rund um diesen künstlichen See 20'000 Menschen wohnen. Foto: Amadeus Waldner

Bis im Jahr 2028 wollen rund um diesen künstlichen See 20'000 Menschen wohnen. Foto: Amadeus Waldner

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Die Zukunft war in Aspern lange bloss ein Versprechen. Seine Vorboten: Die neue Endstation der U2 Aspern Seestadt, der künstlich angelegte See. Ansonsten herrschte hier periphere Einöde: Lang gezogene Äcker und Wiesen, die signalisierten, dass Wien definitiv zu Ende ist. Dabei entsteht mit der Seestadt ein Versprechen für die Zukunft, 2007 vom Wiener Gemeinderat beschlossen: Bis 2028 sollen 20 000 Einwohner und ebenso viele Arbeitnehmer die Seestadt Aspern bevölkern. Es handelt sich um Wohnraum – zu einem Grossteil subventioniert –, den Wien dringend benötigt. In der Innenstadt wird der Platz knapper, jedes Jahr strömen über 20 000 Einwanderer in die Stadt.

Wien steht vor der gleichen Herausforderung wie Zürich: Der rasant wachsende Wohnbedarf muss irgendwie gedeckt werden. Aufstockung, Umnutzung oder gesplitteter Wohnraum – die Rezeptur der Verdichtung ist grundsätzlich dieselbe. Wien hat jedoch einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem kleinräumigen Zürich: Vor den Toren der Stadt gibt es noch viel Brachland. Der ehemalige Flughafen Aspern etwa bietet 240 Hektaren für «das Zukunftslabor für den Lebensstil des 21. Jahrhunderts», wie die Stadtentwickler sagen.

Ein Viertel fertiggestellt

Ende 2017 ist die Erbauung voll in Gang. Die U-Bahn, die hier jahrelang als Geisterzug verkehrte, ist nun zumindest halb gefüllt. Noch immer führt die Fahrt vom Stadtzentrum kilometerlang durch Landwirtschaftsgebiet, ehe am Horizont die neue Skyline erscheint, durchsetzt mit Dutzenden Kränen wie feine Nadelspitzen. Die Bauarbeiten verlaufen im Gegenuhrzeigersinn rund um das Herzstück: den Aspernsee. Ein Viertel ist realisiert.

«Willkommen in Aspern, einer Stadt mit Herz und Hirn», steht auf einem Transparent am Eingang der Seestadt. Besucher werden von einer PR-Beauftragten der Aspern Development AG in Empfang genommen. Das Standortmarketing läuft auf Hochtouren, nichts wird dem Zufall überlassen. Die Seestadt Aspern ist so etwas wie die Fortsetzung der gross angelegten Wohntempel der sozialistischen Regierung aus der Zwischenkriegszeit. Ein Rotes Wien 2.0 gewissermassen. Mit dem Unterschied, dass hier die freie Kapitalwirtschaft willkommen ist. Die Seestadt wird europaweit als «Top-Standort» für Investoren und Unternehmer beworben.

Die Schweiz ist präsent

Die Zuger Firma Hoerbiger gehört zu den ersten Grossfirmen, die sich auf das Aspern-Experiment eingelassen haben. Seit Sommer 2016 steht der 45-Millionen-Euro-Bau des Industriekonzerns auf dem Gelände: 500 Schweizer Arbeitsplätze für Wien. In den letzten Jahren zogen über 100 weitere Unternehmen, viele Start-ups und Forschungsgesellschaften in die Seestadt. Es scheint nach Plan zu laufen. Keine überbordenden Mehrkosten wie bei der Elbphilharmonie in Hamburg, kein politisches Planungsdesaster wie beim Berliner Flughafen Tegel. Mit dem Werbeslogan der Stadt als Referenz, lautet die Zwischenbilanz: Das Hirn läuft bestens.

Die Suche nach dem Herzen, dem Leben, erfolgt in den bereits erstellten Wohnstrassen. Sie sind alle nach weiblichen Ikonen benannt. Auf dem Hannah-Arendt-Platz erstaunt die Lebhaftigkeit. Spielende Kinder an jeder Ecke, gut besuchte Läden, eine Urban-Gym-Gruppe, die im Takt die Arme hebt, und ein Quartierpolizist, der freundlich grüsst; es dürfte der entspannteste von ganz Österreich sein. Umgeben von der landwirtschaftlichen Einöde, wirkt das geschäftige Treiben wie eine Theaterinszenierung. Eine Truman-Show für idealtypisches urbanes Wohnen.

Jörg Meier wäre einer der Hauptdarsteller. Der Schweizer zog mit seiner österreichischen Lebenspartnerin in eine der spektakulärsten Wohnungen, die bisher gebaut wurden. Eine 110 Quadratmeter grosse Maisonette für monatlich 1400 Euro. Der grosse Balkon bietet Ausblick auf den Aspernsee. «Für uns Schweizer erscheinen solche Konditionen verrückt», sagt Meier. Seit zwei Jahren wohnt er in der Seestadt «als Exot», wie er sagt. Den meisten Bewohnern ist er bekannt wie ein bunter Hund. Als Freizeitmoderator des Seestadtradios kenne fast jeder seine Stimme mit dem «lustigen Schweizer Dialekt». «In der Seestadt Aspern leben wir in einem eigenen Kosmos.» Offenbar auch politisch: Bei den letzten Wahlen gaben die meisten Bewohner nicht der SPÖ ihre Stimme, sondern der rechten FPÖ. Das Beispiel Aspern zeigt: Subventioniertes Wohnen wird in Wien nicht nur von linken Parteien begrüsst, sondern von allen, die davon profitieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.01.2018, 19:38 Uhr

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