Vor der Radikalisierung kommt die Enttäuschung

Neun von zehn Jihadisten - die von Nordafrika nach Spanien auswanderten - haben sich erst in Europa radikalisiert, wie eine neue Studie zeigt.

Geplatzte Hoffnung: Ein spanischer Grenzbeamter eskortiert einen illegalen Einwanderer aus Nordafrika.

Geplatzte Hoffnung: Ein spanischer Grenzbeamter eskortiert einen illegalen Einwanderer aus Nordafrika. Bild: RTS

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Alcanar ist eigentlich nicht der Ort, an dem man eine Terrorzelle vermutet. Die Gemeinde mit nicht mal 10'000 Einwohnern liegt in der Provinz Tarragona, ihr Strand ist gleichermassen Anziehungspunkt für Touristen wie für Spanier mit Zweitwohnsitz. Und doch nahm in diesem unscheinbaren Ort der Terrorplot vom Donnerstag seinen Ausgang. Bei einer Explosion in einem Haus starb am Mittwoch ein Mann, sieben wurden verletzt. Manche vermuteten zunächst einen Unfall in einer Drogenküche, mittlerweile weiss die Polizei besser, wozu die vielen Gaskanister dienen sollten, die sie hier fand: Anscheinend hatten die Täter von Barcelona und Cambrils dort - wenig erfolgreich - das Bombenbauen geübt.

Als Hotspots der Islamistenszene galten bisher eher die Einwandererviertel von Madrid oder Barcelona. Besonders die teils vernachlässigte Altstadt der katalanischen Metropole ist seit Jahren als «zentraler Schauplatz der Dschihadisten-Szene in Spanien» bekannt, wie der Politikprofessor Fernando Reinares von der Juan-Carlos-Universität in Madrid schreibt. Das Gassengewirr, leer stehende alte Textilfabriken und fensterlose Quartiere, in denen Grossfamilien hausen, sind ideales Versteck für Leute, die nicht gefunden werden wollen. Und durch seine geografische Lage am Mittelmeer, auf halbem Weg nach Frankreich, ist Barcelona Durchgangsstation für die vielen perspektivlosen Nordafrikaner, die ihr Glück in Europa suchen und nur ein prekäres Leben finden. Als Hilfsarbeiter am Bau oder auf Plantagen, ohne jede Chance, je als Asylbewerber anerkannt zu werden.

Neun von zehn radikalisierten sich erst in Spanien

Vor sechs Wochen hat der Politikprofessor Reinares eine Studie veröffentlicht, in der er die Hintergründe aller 178 terrorverdächtigen Islamisten untersuchte, die zwischen 2013 und 2016 in Spanien festgenommen wurden. Fasst man seine Ergebnisse zusammen, zeigt sich, dass die Terrorgefahr in Spanien vor allem von jenen enttäuschten Migranten ausgeht, die in ihren Heimatländern «Harraga» genannt werden - «die Verbrannten», weil sie ihre marokkanischen, tunesischen und algerischen Pässe vernichten, um Abschiebungen zu erschweren: Die grösste Gruppe der Festgenommenen sind marokkanische Staatsbürger (43 Prozent), gut die Hälfte ohne Arbeit, ein Viertel wohnte zuletzt in der Grossregion Barcelona. Und die meisten kamen nicht mit dem Vorsatz zu töten nach Europa: Neun von zehn radikalisierten sich erst in Spanien, vor allem nach Beginn des Bürgerkrieges in Syrien 2011.

Das Milieu entwurzelter und teils kleinkrimineller junger Männer ist mit dem vergleichbar, dem auch Anis Amri entstammte, der Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz. Es bildete sich in Spanien nicht erst nach dem Ausbruch der Flüchtlingskrise 2015, seit Jahren kommen junge Männer aus dem Maghreb über das Mittelmeer. Erst diese Woche stellte die Küstenwache einen Schmugglerring, der seine Kunden mit Jetski über die 18 Kilometer breite Meerenge von Gibraltar brachte. Wichtige Orte der illegalen Einreise wie auch der Radikalisierung sind die Exklaven Mellila und Ceuta, die Spanien immer noch in Nordafrika besitzt. Von hier stammte nicht nur einer der mutmasslichen Täter vom Donnerstag, sondern laut der Studie von Terrorforscher Reinares ein weiteres Drittel der Terrorverdächtigen, die seit 2013 in Spanien festgenommen wurden.

Der IS hat in Syrien und im Irak grosse Teile seines Gebiets verloren

Desillusionierte Migranten sind eine ideale Zielgruppe für die Werber der Terrormiliz Islamischer Staat. Sie rufen schon seit Mitte 2016 nicht mehr zur «Hidschra» auf, also zum Auswandern ins schrumpfende Kalifat. Sondern zu Attacken mit Messern oder Autos in den Ländern, in denen sich IS-Interessierte befinden. Vor wenigen Wochen erst schrieb der IS in einem Pamphlet: «Der feindliche Ungläubige versteht nur die Sprache der Gewalt, die Sprache des Tötens: Messerattacken und das Aufschlitzen von Hälsen, Köpfeabschneiden und sie mit Trucks plattfahren.»

Für den IS, der in Syrien und dem Irak grosse Teile seines Gebiets und fast alle Städte verloren hat, sind von Einzeltätern begangene Akte günstig: Sie brauchen wenig Planung, sind kaum zu verhindern, bringen aber maximale Aufmerksamkeit.

Der Täter muss nur bei der Aufnahme eines Bekennervideos angeleitet werden, das der IS dann verbreitet. Die Taten von Barcelona und Cambrils waren jedoch komplexer: Hier arbeitete eine grössere Zelle zusammen, die scheinbar koordiniert an mehreren Orten zuschlagen wollte - damit erinnert die Tat eher an die Attacken von Paris und Brüssel. Dass der IS, der sich eilig in mehreren Nachrichten zu der Tat bekannte, zu solchen Operationen noch in der Lage ist, hatten Experten trotz der neuen Taktiken der Jihadisten jedoch nie ausgeschlossen.

Seit 2014 häuften sich im Netz die Drohungen gegen Barcelona

Um ihre Taten geplant und vorbereitet zu haben, müssen sich die Angreifer länger gekannt haben, was ebenfalls zu den Studien des Terrorismusforschers Reinares passt: In fast 90 Prozent der Fälle sei die Radikalisierung durch persönlichen Kontakt mit Extremisten im Familien- und Bekanntenkreis erfolgt. Und diese Szene war in Barcelona schon lange ansässig, bevor der IS überhaupt mit seinen blutigen Taten Schlagzeilen machte: Nachdem Spanien 2004 den Schock des al-Qaida-Anschlags auf die Madrider Metro 2004 verwunden hatte, verhaftete man in Barcelona 2008 zehn Pakistaner, die einen Anschlag auf die U-Bahn planten. Seit 2014 häuften sich im Netz die Drohungen gegen die Stadt, 2015 hob die Polizei im nahen Terrassa eine Gruppe von 13 Männern aus, die ebenfalls hier zuschlagen wollten.

Dass Mohammed Atta, der Kopf der Terrorzelle des 11. September sich in der katalonischen Hauptstadt im Juli 2001 mit seinem Chefplaner Ramsi Binalschib getroffen hat, war ebenfalls kein Zufall. Nach einem Tag reisten die beiden weiter, um an der Küste einen al-Qaida-Verbindungsmann zu treffen. Sie bezogen ein Hotelzimmer in einem anderen Urlaubort, an dem damals auch keiner eine Terrorzelle vermutete. Seit Donnerstag steht er als Tatort im Fokus: Cambrils.

Erstellt: 18.08.2017, 22:01 Uhr

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