«Vor fünf Jahren flogen noch Dolmetscher im Cockpit mit»

Auch Verständigungsschwierigkeiten des Piloten sollen zum Absturz der polnischen Regierungsmaschine geführt haben. Den Luftfahrtexperten Tim van Beveren erstaunt das nicht.

«Do you want land?»: Luftfahrtexperte und Pilot Tim van Beveren kennt die Sprachprobleme im Luftverkehr aus eigener Erfahrung.

AFP/RIA Novosti

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Herr van Beveren, der Lotse gab nach dem Absturz an, der Pilot habe nur schlecht Russisch verstanden und die Höhe der Unglücksmaschine beim Landeanflug nicht bestätigt. Wieso wurde überhaupt Russisch gesprochen?
Englisch ist zwar üblich im Luftverkehr. Aber laut den Regeln der internationalen Zivilluftfahrtorganisation ICAO steht es den Lotsen frei, ihre Landessprache zu verwenden – sofern sie der Pilot versteht.

Das scheint beim Absturz nur bedingt der Fall gewesen zu sein.
Dazu muss man erst die Resultate der Untersuchungen abwarten. Möglich ist auch, dass es bei der Höhenangabe Missverständnisse gab. In Russland wird sie unter anderem in Metern angegeben. Andernorts gilt die Masseinheit Fuss.

Wie gehen die Piloten mit den sprachlichen Barrieren um?
Vor fünf bis sechs Jahren flogen auf gewissen Strecken noch Dolmetscher im Cockpit mit, um die Anweisungen den Piloten übersetzen zu können. Das führte manchmal dennoch zu Missverständnissen – und zu einem Zeitverlust bei der Kommunikation.

Welche Destinationen sind besonders heikel?
Vor allem auf abgelegenen russischen Flughäfen weiss ich von Problemen. Die gibt es aber auch in China und Afrika.

Und in Europa?
In Spanien, Italien und Frankreich setzen sich die Lotsen oftmals in ihrer Landessprache durch. Bei Anflügen mit Instrumentenlandesystem ist das nicht weiter tragisch. Andernfalls kann es aber zu kritischen Situationen kommen.

Haben Sie selbst schon solche Situationen erlebt?
Einmal im Cockpit einer Lufthansa-Maschine über Frankreich: Die zuständige Flugsicherung gab einem anderen Flugzeug auf Französisch die Freigabe zum Vorbeifliegen. Die deutsche Besatzung hat das nicht richtig mitbekommen. Es kam beinahe zu einem Zusammenstoss.

Können überhaupt alle Beteiligten im Luftverkehr genügend Englisch?
Für Fokus-TV haben wir auf deutschen Flughäfen einen Test gemacht und dabei eine asiatische Crew rausgepickt. Ihr Englisch war sehr abenteuerlich. Obschon seit ein paar Jahren alle Piloten ein Englisch-Examen ablegen müssen. Das will aber noch nichts heissen. Als ich mal über Nordafrika flog, fragte mich ein Lotse: «Do you want land?» Und später: «Do you want overfly?». Das Problem dabei ist nicht nur, dass der Pilot den Lotsen missverstehen könnte. Er wird sich dann auch fragen, ob der Lotse wohl seine Angaben richtig mitbekommen hat.

Wissen Sie von anderen Vorfällen?
Es gibt zig Beispiele, in denen Sprachprobleme beinahe zu Zusammenstössen führten. Auch beim Crossair-Absturz bei Nassenwil waren die Verständigungsprobleme zwischen dem moldawischen Piloten und dem slowakischen Kopiloten Teil der Absturzursache.

Erstellt: 13.04.2010, 13:46 Uhr

Luftfahrtexperte und Pilot Tim van Beveren kennt die Sprachprobleme im Luftverkehr aus eigener Erfahrung.

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