Vorentscheidung bei Kachelmann, und der Angeklagte twittert wieder

Heute tritt der Rechtsmediziner vor Gericht, der das mutmassliche Opfer untersuchte. Seine Aussage ist zentral für das Schicksal des Wettermoderators, der neuerdings Kurzmitteilungen am Laufmeter versendet.

Jörg Kachelmann: Sein Prozess will kein Ende nehmen.

Jörg Kachelmann: Sein Prozess will kein Ende nehmen. Bild: Keystone

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Zehn stürmische Monate lang hat Jörg Kachelmann keine seiner frohen Wetterbotschaften mehr über den Internetdienst Twitter verschickt. Hinter Schloss und Riegel fehlte es an technischen Möglichkeiten. Wieder in Freiheit, beschäftigte den Medienmeteorologen sein Vergewaltigungsverfahren zu sehr. Doch vergangene Woche gab der Schweizer Wettermoderator sein Kurzmitteilungs-Comeback. Ungeachtet dessen, dass sein Strafprozess in Mannheim mindestens bis in den Frühling dauert, twittert und twittert Jörg Kachelmann seither. Thema ist das Wetter, nicht der Prozess, der heute Dienstag weitergeht. «Nächster Regen», schrieb der Angeklagte am Freitag, «nicht vor Mittwoch.»

«Alle Verletzungen sind durch Selbstbeibringung möglich»

Im Landgericht Mannheim könnte es aber bereits heute zu Turbulenzen kommen, in Saal 1. Aussagen wird nämlich jener Rechtsmediziner, der mit seinen Gutachten entscheidend dazu beitrug, dass es zu einer Anklage gegen den Schaffhauser kam: Rainer Mattern, Professor für Rechtsmedizin an der Universität Heidelberg. Keinen halben Tag nach der angeblichen Vergewaltigung hat er das mutmassliche Opfer untersucht.

In seinen Gutachten, die dem TA vorliegen, kommt er zum Schluss: «Alle Verletzungen sind durch Selbstbeibringung möglich.» Seine Schriftsätze deuten aber viel eher darauf hin, dass er eine andere Variante für wahrscheinlicher hält: dass Kachelmann die Frau schwer misshandelt hat, bevor sie ihn anzeigte.

Experten sind uneins

Fachkollegen, aufgeboten von der Verteidigung, teilen Matterns Ansicht nicht – allen voran Bernd Brinkmann. Der emeritierte Professor aus Münster hat an sich selbst und an seinen Mitarbeitern versucht, die Verletzungen der Frau zu simulieren. Ohne Erfolg. Brinkmann durfte allerdings die Schlussfolgerungen aus seinen Experimenten den Richtern nicht erläutern, da die Staatsanwaltschaft einen Befangenheitsantrag gegen ihn durchbrachte.

Messer, Gurt, Fingernagel

Skeptisch, wenn auch nicht so deutlich in den Schlussfolgerungen, ist eine Reihe weiterer Rechtsmediziner. Allerdings sind sich die Gutachter der Verteidigung alles andere als einig in der Frage, wie die Verletzungen entstanden sein könnten. Markus Rothschild, Universitätsprofessor in Köln, zweifelt daran, dass die Halsverletzung, eine starke Schürfung, durch ein Messer verursacht wurde, wie es die Nebenklägerin schildert. Er mutmasst, dass stattdessen eine Kordel oder ein Gürtel zum Einsatz kam, während Brinkmann auf Fingernägel tippt. Die Experten streiten sich auch über die Kratzer an den Armen und am Bauch der Frau sowie über die blauen Flecken an den Oberschenkeln.

Der Aussage von Rainer Mattern kommt für den Ausgang des Verfahrens vorentscheidende Bedeutung zu. Der Mannheimer Professor hat sich über die Jahreswende nochmals intensiv mit der Causa Kachelmann beschäftigt. Dafür hat er sich auch das originalgetreue sogenannte Tatmesser des Kollegen und Rivalen Brinkmann besorgt.

Beruflich normal wirken

Seine neuesten Erkenntnisse präsentiert Mattern heute. Hält er an seinen bisherigen Interpretationen fest, muss er sich kritische Fragen jener Gutachter gefallen lassen, die in Kachelmanns Auftrag hinter ihm sitzen. Entscheidend wird dann sein, wie überzeugend Mattern argumentiert.

Rückt er aber von seinen früheren Deutungen der Spuren ab, dürfte es dem Gericht schwerfallen, Jörg Kachelmann zu verurteilen. Dies scheint unwahrscheinlich, würde sich der Rechtsmediziner damit doch selber desavouieren.

Doch vieles ist möglich im industriell geprägten Mannheim. «Nicht wundern, wenns bei der Wetterlage in der Nähe von Industriegebieten aus dem Hochnebel schneit», twitterte der Angeklagte gestern in seiner 44. Kurzbotschaft innert Wochenfrist. Hier und mit Wettermoderationen bei Radio Basel will einer zeigen, dass er beruflich wieder funktioniert. «Das ist», doziert Kachelmann, «Industrieschnee, sehr örtlich.»

Erstellt: 01.02.2011, 07:02 Uhr

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Tagesanzeiger.ch/Newsnetz berichtet laufend über den Kachelmann-Prozess. Die Berichterstattung umfasst Prozessberichte, Hintergrundartikel, Videobeiträge und Bilder. Zudem gibt es auf Tagesanzeiger.ch/Newsnetz ein Dossier zum Kachelmann-Prozess. (vin)

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